Zeitrechnung

Es ist November, wir nähern uns dem Ende des Kirchenjahres – und damit sind wir bei den Themen, die sich in dieser Jahreszeit förmlich aufdrängen – Ende des Jahres, Ende des Lebens, Ende der Welt. Genau um diese Fragen geht es auch im heutigen Predigttext. Er steht im Lukasevangelium, Kapitel 17, in den Versen 20 bis 30. Dort heißt es:

Als er aber von den Pharisäern gefragt wurde: Wann kommt das Reich Gottes?, antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man’s beobachten kann; man wird auch nicht sagen: Siehe, hier ist es!, oder: Da ist es! Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch.

Er sprach aber zu den Jüngern: Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!

Denn wie der Blitz aufblitzt und leuchtet von einem Ende des Himmels bis zum andern, so wird der Menschensohn an seinem Tage sein.

Zuvor aber muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht. Und wie es geschah zu den Zeiten Noahs, so wird’s auch geschehen in den Tagen des Menschensohns: Sie aßen, sie tranken, sie heirateten, sie ließen sich heiraten bis zu dem Tag, an dem Noah in die Arche ging und die Sintflut kam und brachte sie alle um.

Ebenso, wie es geschah zu den Zeiten Lots: Sie aßen, sie tranken, sie kauften, sie verkauften, sie pflanzten, sie bauten; an dem Tage aber, als Lot aus Sodom ging, da regnete es Feuer und Schwefel vom Himmel und brachte sie alle um.

Auf diese Weise wird’s auch gehen an dem Tage, wenn der Menschensohn wird offenbar werden.

Es ist schon ein paar Jahre her, an einem Abend, draußen ist es schon dunkel. Ich bringe unsere beiden Kinder ins Bett. Wie immer: Erst vorlesen, dann singen, dann beten. Meine beiden Jungs wollen heute das Vaterunser beten – also gut, beten wir dieses Gebet. Nach dem Amen, so denke ich, geht es jetzt auch weiter, wie immer: „Gute Nacht, ich hab Euch lieb, schlaft gut“. Ein Kuss für jeden und dann ist Feierabend. Licht aus. Aber an diesem Abend ist es anders:

„Mami, was heißt das denn ‚Dein Reich komme‘“? Fragt der eine. Eigentlich will ich mich jetzt nicht auf eine lange Diskussion einlassen. Daher antworte ich kurz und knapp: „Na ja, wir Christen hoffen, dass Jesus eines Tages wiederkommt und die Welt, so wie sie jetzt ist, dann zu Ende geht“. Noch während ich das sage, weiß ich, dass ich aus dieser Diskussion nicht so schnell rauskommen werde – denn die Augen meiner Jungs werden immer größer, ja, auch ängstlicher. „Mami, wann ist denn das?“ fragt der andere jetzt. Ich hab´s geahnt, das dauert länger.

Also setze ich mich wieder an die Bettkante: „Tja, das weiß ich auch nicht. Schon viele Jahrhunderte haben die Menschen darauf gehofft, dass Jesus endlich wiederkommt und dann alles anders wird. Die Jünger Jesu, die dachten zum Beispiel, dass das Ende der Welt noch zu ihren Lebzeiten kommt. Paulus rechnete eigentlich jeden Tag damit.

Und die ersten Christen, die waren dann eher enttäuscht, als die ersten Gemeindemitglieder alt wurden und starben und Jesus eben nicht wiederkam. Für sie war die Zeit irgendwie unendlich lang. Sie wollten Jesus möglichst schnell wiedersehen. Und deshalb hätte damals natürlich niemand damit gerechnet, dass wir einmal das Jahr 2026 haben würden. Wenn den ersten Christen das jemand erzählt hätte, dann hätten sie das sicherlich nicht für möglich gehalten.“

Schweigen im Kinderzimmer. Große Augen. „Glaubst Du das auch, Mami? Das Jesus irgendwann wiederkommt?“ „Ja, klar, das glaube ich auch. Das haben wir ja eben auch gebetet und im Glaubensbekenntnis heißt es ja auch: ‚Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Von dort wird er kommen zu richten, die Lebenden und die Toten.‘ Aber wann das ist, weiß ich nicht. Wie gesagt, die ersten Christen haben eigentlich jeden Tag damit gerechnet“. „Meinst Du, morgen könnte das auch passieren“ – die Stimme der Kinder wird etwas zittrig. Na toll, ich möchte ihnen auf keinen Fall Angst machen.

„Das weiß ich nicht, einerseits soll man ja damit rechnen, das haben wir ja gebetet. Aber andererseits machen wir ja auch Pläne für nächste Woche, für nächstes Jahr. Ich rechne schon damit, dass ihr morgen in die Schule geht – darum habt ihr ja heute auch eure Hausaufgaben gemacht. Stellt euch mal vor, was die morgen in der Schule sagen würden, wenn ihr denen erzählt: Wir dachten, heute kommt Jesus wieder, da haben wir die Rechenaufgaben nicht mehr gemacht. Lohnt sich ja nicht mehr“.

Damit sind die beiden aber noch lange nicht zufrieden und getröstet auch nicht: „Also, ich will das eigentlich nicht, das der so schnell wiederkommt. Jesus ist sicherlich ganz nett, ich würde den auch gerne mal in echt sehen. Aber wenn er wiederkommt, dann sterben wir doch alle, oder?“

Tja, damit haben die beiden, so finde ich, den Nagel auf den Kopf getroffen. Rechnen wir wirklich damit, dass Jesus eines Tages wiederkommt? Stellen wir uns wirklich darauf ein? Bereiten wir uns irgendwie darauf vor? Und vor allem: Mit welchen Gefühlen denken wir daran? Freuen wir uns wirklich?

Ich muss meinen Kindern in dieser Situation einfach gestehen, dass ich mir da auch nicht so ganz sicher bin. Ehrlich, ich weiß es nicht, was ich machen würde, wenn ich wüsste in 8 Wochen ist es soweit. Dann ist alles rum. Dann ist das Ende da. Wäre ich dann wirklich glücklich und voller freudiger Erwartung? Oder würde sich eher so etwas wie Panik breitmachen?

Die Jünger Jesu und die ersten Christen, die waren da anders. Ja, schon zur Zeit Jesu wartete man sehnsüchtig auf den Messias – endlich kein Hunger mehr, keine Angst vor Hungersnöten und Missernten, endlich keine Schikanen der Römer mehr, endlich Frieden, endlich Gerechtigkeit, endlich ein gerechter und gütiger Herrscher an der Macht, nämlich Gott selbst. Endlich keine Krankheiten, keine Mühe und Plage mehr, endlich keine Angst mehr davor, wie man den nächsten Tag überstehen soll.

Viele Menschen damals lebten in so großer Armut, dass sie nur von einem Tag zum anderen überleben konnte. Finde ich morgen eine Arbeit? Reicht das, was ich als Almosen bekomme? Da war die Vorstellung, dass mit einem Schlag alles anders wäre, eine wirkliche Befreiung.

Im Kinderzimmer im Jahr 2026 löst diese Vorstellung nun aber eher Panik aus. „Mami, ich hab mein Lego-Haus aber noch nicht fertiggebaut. Und das würde ich morgen ehrlich gesagt schon gerne weiterbauen. Also, nicht dass ich was gegen Jesus hätte, aber ich wollte eigentlich ja erwachsen werden und Polizist werden, heiraten und Kinder kriegen. Wegen mir könnte Jesus noch ein bisschen warten. Und vor allem – wie wird das denn dann im Himmel? Wenn Jesus wiederkommt, und dann alles anders ist als jetzt. Mir gefällt es hier. Wird das dann im Himmel nicht irgendwie total langweilig? Was machen wir denn dann die ganze Zeit?“

Jetzt komme ich auch ins Grübeln – und vor meinem inneren Auge erscheint der „Münchner im Himmel“ … den ganzen Tag auf einer Wolke sitzen und Halleluja singen? Von 8 Uhr bis 12 Uhr? Und dann nachmittags Hosianna-Singen bis abends 8 Uhr. Das stelle ich mir auch langweilig vor. Und gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, dass Gott uns sein himmlisches Reich so öde einrichten wird.

Das sage ich auch meinen Jungs: „Ich glaube, dass Gott will, dass es uns dann allen gutgeht. Und sicherlich wird das wunderschön, auch wenn wir es uns jetzt noch nicht vorstellen können. Ich habe mal von einem Mann gehört, der hatte auch Angst, dass er sich im Himmel langweilen würde. Aber als er das seinem Pfarrer erzählte, fragte der zurück: „Was machen Sie am liebsten?“ – „Fußballspielen“, antwortete der Mann. Darauf sagte der Pfarrer: „Ich bin mir sicher, dass Sie dann im Himmel auch Fußball spielen dürfen. Es wird ein Riesen-Spaß, es wird ein gigantisches Fußballspiel dort oben geben, glauben Sie mir!“.

Als ich das erzähle, sehen meine Jungs nicht mehr ganz so ängstlich aus. „Dann gibt´s da auch Lego!“ sagt der eine. „Und immer Schokolade und Kekse!“ freut sich der andere. Ich kann mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Sicher!“, sage ich, „wisst ihr, schon sehr viele Leute haben versucht, mit verschiedenen Bildern zu  erklären, wie es in Gottes neuer Welt aussehen wird. Der Prophet Jesaja zum Beispiel, der beschreibt das so:

Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Kühe und Bären werden beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. So sagt es Jesaja. Und ich bin mir sicher: Keiner wird dann mehr traurig sein oder Schmerzen haben. Keiner muss dann noch weinen oder sich Sorgen machen“, antworte ich.

„Wann das so sein wird, das weiß ich auch nicht. Und vermutlich weiß Gott auch ganz genau, dass wir alle uns ein bisschen vor solchen Dingen fürchten. Es ist sicherlich gut, dass wir kein genaues Datum wissen. Das würde uns wahrscheinlich nur unsicher machen. Darum warnt Jesus uns auch davor, nach äußeren Zeichen und Anzeichen suchen. Er sagt:

Es wird die Zeit kommen, in der ihr begehren werdet, zu sehen einen der Tage des Menschensohns, und werdet ihn nicht sehen. Und sie werden zu euch sagen: Siehe, da!, oder: Siehe, hier! Geht nicht hin und lauft ihnen nicht nach!

Schon viele Sektenführer und Gurus, viele Scharlatane haben das immer wieder versucht: Den Menschen weißzumachen, dass sie den genauen Zeitpunkt des Weltendes wüssten und auch genau wüssten, was dann zu tun sei. Aber eigentlich wollten sie damit den Menschen nur Angst machen und die Leute so dazu bringen, genau das zu tun, was die selbsternannten Anführer wollen. Sie haben dabei nur an ihre eigene Macht gedacht.

Und daher bin ich auch ganz froh, dass er uns kein genaues Datum gesagt hat. Das wäre wirklich irgendwie gruselig, wenn wir den genauen Tag, die genaue Stunde wüssten. Darum hat Jesus gesagt: Das Reich Gottes wird eines Tages so schnell da sein, wie ein Blitz, der über den Himmel zuckt. Ihr werdet von einer Sekunde auf die andere wissen, dass Gottes Neue Welt jetzt da ist.

Und – einen kleinen Vorgeschmack auf seine Welt haben wir schon: Stellt euch vor, wie toll es für die Jünger gewesen sein muss, mit Jesus unterwegs zu sein. Ihm zuzuhören, wenn er von Gott erzählt, dabei zu sein, wenn er Kranke heilt und sich Menschen zuwendet, die sonst keiner als Freund oder Freundin haben wollte. Zu sehen, wie er 5000 Menschen satt macht und es plötzlich keinen Hunger mehr gibt. Die Jünger konnten so schon erahnen, wie wunderbar Gottes Welt werden würde. Sie haben Jesus ja selbst gesehen und mit ihm gelebt. Und: Sie haben den Auferstandenen gesehen, sie haben selbst erlebt, wie es ist, wenn Tod und Schmerz, Tränen und Angst besiegt sind.

Darum konnten sie es kaum mehr erwarten. Darum haben sie überall davon erzählt. Darum hat sich Paulus auf den Weg gemacht – tausende Kilometer zu Fuß durch fremde Länder und durch viele Städte. Er wollte, dass alle wissen, wie wunderbar Gott ist. Er wollte, dass alle Menschen diese Liebe Gottes und seine Nähe spüren. Ja, er wollte den Menschen Gottes neue Welt zeigen. Denn Jesus hatte es seinen Jüngern selbst gesagt: „Mit mir hat das Reich Gottes schon angefangen. Ein kleines Stückchen könnt ihr schon sehen. Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen. So hat es Jesus versprochen. So haben es die Jünger erlebt“.

Meine Jungs schauen mich erfreut an: „Wir sind hier gerade zu dritt. Ist er jetzt auch da?“ Sie schauen sich im Zimmer um. „Klar, da bin ich mir ganz sicher. Wir sehen ihn nicht, aber er sieht uns. Er ist hier.“ Das kann ich ohne zögern sagen, das macht mich froh und meine beiden lächeln jetzt auch.

„Weißt Du was, Mami, wenn sich Jesus noch ein bisschen Zeit lässt, dann ist das ja gar nicht schlecht. Und wenn ich mal das Gefühl habe, jetzt dauert das aber doch ganz schön lange, bis er endlich wiederkommt, dann denke ich daran, dass er jetzt gerade da ist und seine neue Welt schon angefangen hat. Und sicherlich gibt es viele Leute, die sich auch davor fürchten, wenn eines Tages alles aus ist.

Aber es gibt auf jeden Fall auch Menschen, die es kaum mehr erwarten können, weil es ihnen zum Beispiel schlecht geht oder sie krank sind oder weil sie keine Freunde haben. Und wenn sich jeder vornehmen würde, sich um die zu kümmern, denen es nicht so gut geht, die einsam sind oder die Hilfe brauchen, dann wäre das doch auch schon ein Stück Himmel, oder? So was, wie ein langsamer Blitz, der sich immer weiter ausbreitet und die Welt ein bisschen heller macht. Auch wenn es solche langsamen Blitze bei uns eigentlich nicht gibt.“

Amen.

Christine Watermann, Dozentin für Schulseelsorge, Stuttgart

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