Weihnachtschristen

Der Gottesdienst am Heiligabend ist immer etwas Besonderes. Der Gottesdienst verläuft anders als sonst; oft werden Krippenspiele aufgeführt, es gibt mehr Musik, und die Predigt ist kürzer. Was immer von diesen drei Punkten auch entscheidend sein mag – unübersehbar ist die große Zahl der Gottesdienstbesucher, die sich Heiligabend in der Kirche einfinden.

Ich erinnere mich an unsere Zeit in Nordsachsen, wo der Kirchenbesuch sonst eher verhalten war, die Dorfkirchen an diesem besonderen Abend aber regelmäßig bis auf den letzten Platz besetzt wurden, ja einige Menschen standen sogar die ganze Feier über. Es war ihnen offenbar wichtig!

Das Fest der Liebe, das Fest der großen Wünsche – es ist gut und es ist richtig, dass dabei die Kirche so starke Beachtung findet, auch wenn manche sich aufregen über die sog. „Weihnachts-Christen“, die dann, und nur dann einmal im Jahr hierher finden. Ich bin auch kein Freund davon, ihretwegen aus übertriebener Rücksicht dann auf alles zu verzichten, was Kirche besonders und vielleicht ungewohnt erscheinen lässt – aber großzügig und herzlich sollten wir ihnen gegenüber sein, als Gastgeber, als Nachbarn, als Mitmenschen.

Uns fällt manches leichter, wir sind vertraut mit Formen, mit Texten und Inhalten der christlichen Botschaft. Wir können uns durchaus vergleichen mit den drei Weisen, die die Schrift studiert haben, die sich untereinander austauschen. Die sich miteinander auf den Weg gemacht haben, um gut vorbereitet Gott zu begegnen und ihm die Ehre zu geben.

Die Hirten auf dem Felde wären dazu kaum in der Lage gewesen: Sie kennen Gott nur bruchstückhaft aus den Überlieferungen, mit den Geboten nehmen sie es nicht so genau. Die Verheißungen hören sie zwar gerne, trauen ihnen aber nicht so recht. Ihre Nöte sind vielfältig und ihre Wunschliste entsprechend lang, doch ist es genauso Glück wie Gott, worauf sie ihre Hoffnung setzen.

Es bedurfte schon einer mächtigen Stimme aus dem Himmel und der Klarheit des Herrn, um diese Hirten aufschrecken zu lassen und ihnen den Weg zur Krippe zu weisen. Da haben wir es heute einfacher: Der Stern von Bethlehem leuchtet alljährlich überall so hell, dass keiner ihn übersehen kann. Dass Weihnachten wird, ist so selbstverständlich geworden, wie es im Winter schneit – mehr sogar… Die Häuser werden geschmückt, feierliche Ansprachen gehalten, ja, und dann gibt es eben noch den Heiligabend-Gottesdienst, am besten den mit dem Krippenspiel.

Zeigen sich in der Beliebtheit dieses Gottesdienstes vielleicht besondere Sehnsüchte? Erfüllt diese „selige Stunde“ womöglich Wünsche, die die Kaufhäuser nicht erfüllen können? Diese Frage kann jeder nur für sich selbst beantworten. Ob da auch die verborgenen Wünsche, das leise Rufen Gehör und Antwort findet, das ist eine Sache zwischen Gott und jedem Einzelnen von uns. Das ist Gnade, kein Gesetz. Spannend ist aber auch eine ganz andere Frage:

Wie ging es denn weiter, mit den Hirten und den Weisen? Unter dem Stern, an der Krippe, an Heiligabend herrschte Frieden unter ihnen. Ihre Herzen waren leicht, Gott war mit ihnen, wunderbar spürbar und sichtbar. „Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gesehen und gehört hatten.“ Sie waren wunschlos glücklich, wenigstens an diesem Abend.

Doch wie auch nach der üppigsten Bescherung die materiellen Wünsche nicht völlig aufgehoben, nicht vollends befriedigt sind, so wenig enthebt der Weihnachtsgottesdienst seine Besucher dauerhaft von wiederkehrenden Sorgen, von Zweifel und Misstrauen, die auf dem weiteren Lebensweg liegen.

In der Bibel begegnen uns die Hirten nicht wieder. Auch die drei Weisen sind bald am Horizont verschwunden. Was wir dafür in der Bibel finden, sind neue Begegnungen der Menschen mit Gott: Wir hören davon, dass Blinde sehen, Lahme gehen, und dass den Heiden das Evangelium gepredigt wird. Aus Saulus wird Paulus, und Gottes Sohn wird als Mensch offenbar nicht nur als Kind in der Krippe, sondern geht verraten und verachtet auch in den Tod am Kreuz.

Liebe Gemeinde, Heiligabend war und ist nie die Geburtsstunde von großen Heiligen, hat noch nie zu Massenbekehrungen geführt. Die „Weihnachtschristen“ wird es immer geben, für sie wollen wir unsere Türen immer offenhalten, denn auch für sie ist Gott Mensch geworden. Weihnachten ist ein sehr menschliches Fest: Die Art, mit welcher Begeisterung wir Menschen auf etwas wie Heiligabend zugehen, und das, was wir dann daraus machen, gibt viel von unseren Grenzen zu erkennen: Von unseren leider sehr bescheidenen Möglichkeiten, Wunderbares zu erfassen und dauerhaft zu bewahren.

Darum haben wir Christen immer ein doppeltes Bekenntnis: Wir loben und danken Gott – für seine Schöpfung, seine Gebote und seine Verheißungen, die Heiligabend und Ostern so herrlich greifbar werden. Und zugleich bitten wir ihn, unseren Glauben immer wieder neu zu stärken, uns nicht irrewerden zu lassen an dem, was wir an Fehlern an uns und unserer Umwelt bemerken.

Wir brauchen Gott, der sich erniedrigt und uns auf Augenhöhe begegnet, der Wege findet in unsere engen Herzen und Wege eröffnet aus unserer Verblendung, Angst und Verzweiflung. Wie beim Propheten Elia geschieht dies selten mit Pauken und Gewitterschlag, sondern oft nur im Säuseln des Windes, in der kleinen Geste, im unverhofften Angebot von Gnade und Vergebung, im einfachen Miteinander auch der Gemeinden im Alltag und im Gottesdienst.

Darum kehren wir häufiger als nur alle Jahre wieder zurück an die Krippe und an das Kreuz, darum wiederholen wir Dank und Bitte, feiern wir das Wiedersehen mit Gottes Botschaft an uns Menschen. Auf dass wir das Wunder nicht so schnell vergessen und es uns festen Halt und Hoffnung gibt auch in den weniger hellen Stunden unseres Lebens:

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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