Selbstwertgefühl

Ich weiß nicht, ob ihr euch noch an ihn erinnert, vielleicht seid ihr auch zu jung, um ihn überhaupt zu kennen: Es war in den 80er Jahren – und er war der Star bei jeder Vierschanzen-Tournee, bei Olympia oder welche Wettbewerbe es sonst noch so für Skispringer gibt …

Wenn er auftrat, ruhten alle Blicke auf ihm. Wenn er sprang, jubelten die Massen … aber nicht, weil er so gut sprang, im Gegenteil. Er wurde immer letzter. Wirklich immer! Und daher kam dann auch sein Spitzname – Eddie the eagle. Ich glaube, keiner kannte ihn unter seinen wirklichen Namen (Michael Edwards, geboren 1963).

Er kam aus England, das nicht unbedingt für Skispringer bekannt ist. Und so war er auch der erste Springer, der für Großbritannien bei Olympischen Winterspielen an den Start ging. Die Teilnahme an Olympischen Spielen war sein großer Traum, schon seit Kindertagen. Daher versuchte er es zuerst im Judo, Volleyball und im Pferdesport. Dann sah er eine Fernsehübertragung der Vierschanzentournee. Und da hatte er den Geistesblitz: Es gab, weil die Sportart noch nicht lang olympische Disziplin war, keine englischen Ski-Springer!

Also lernte er auf irgendwelchen Hügeln in Südengland Skifahren und nahm an Skisprung-Turnieren teil, so auch 1987 an den Nordischen Skiweltmeisterschaften in Oberstdorf. Natürlich landete er auf dem letzten Platz, jedoch bedeuteten seine 73,5 Meter britischen Rekord! (Zur Einordnung: Der Sieger sprang 110 Meter). Aber egal: Mit diesem Sprung war er für die den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary qualifiziert.

Wo er auftrat, fiel er auf. Mit seiner Brille, deren Gläser aus Glasbausteinen zu sein schienen, musste man schon mitfiebern, ob er überhaupt die Schanze fand. Schließlich beschlug seine Brille immer durch den Wind auf der Schanze. Man sah ihn immer seine Brille putzen, bevor er sich in die Tiefe stürzte. Es hatte etwas von Todesmut, wenn er an den Start ging. Er nahm die Sache ernst, wirklich. Aber er wusste auch, dass er – natürlich – wieder auf dem letzten Platz landen würde.

Das machte ihm aber nichts aus – und dem Publikum auch nicht. Im Gegenteil. Er war ein „Star“ der besonderen Art. (Und nebenbei gesagt konnten das Sport-Business und die „wahren“ Sportler das irgendwann nicht mehr ertragen. Die Statuten wurden so geändert, dass Eddie the eagle keine Chance mehr hatte, an Wettbewerben teilzunehmen. So entledigt man sich also der „stärksten“ – oder „schwächsten“ Konkurrenz).

Ich habe mich schon damals immer gefragt: Was ist das, das ihn immer wieder auf diese Schanze steigen lässt? Der Wunsch auf einen Sieg kann es ja nicht gewesen sein. War es „Resilienz“? Oder war es Blauäugigkeit? Oder Selbstbewusstsein? Nun, wenn er „selbstbewusst“ gewesen wäre, dann hätte er erkennen müssen, dass seine Sprünge einfach unterirdisch waren.

Ich denke, es war eine Art von „Selbstwertgefühl“ – aber nicht im überheblichen, sondern im paulinischen Sinn: Ich bin etwas wert, weil ich ein Mensch bin, weil ich ein Kind Gottes bin, egal was ich leiste. Ich bin so, wie ich bin und das ist ok. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“. Und daher muss ich mich nicht so ernst nehmen und kann auch mal was Verrücktes machen. Ich finde, bei seinen Sprüngen sah man das ganz deutlich.

Dieser „Selbstwert“, der nicht auf Leistung beruht, der konnte dem Skispringer Eddie the eagle vielleicht genau das geben, was ihn zum absoluten Publikumsliebling machte: Eine Art von Selbstironie, die Gabe, über sich selbst lachen zu können. Auch das ein Stück Freiheit. Und diese Freiheit strahlte nach außen. Natürlich lachte das Publikum. Aber es hat ihn niemand ausgelacht. Ich glaube, dass viele Leute, die da an der Seite standen und seinem Sprung zusahen, ihn auch bewundert haben:

Da nimmt sich jemand nicht so wichtig – die Sache schon, er war mit Herzblut und 100% am Start – aber er konnte doch über sich lachen … und sich über jeden „gelungenen“ Sprung freuen. Wobei „gelungen“ in diesem Zusammenhang weniger die Anzahl der Meter ausdrückt, sondern die Tatsache, dass er überhaupt auf zwei Skiern da unten angekommen war.

Ich finde das wunderbar. Bis heute denke ich manchmal an ihn. Wer damals, in den 80er Jahren jeweils der Sieger war, das weiß ich nicht mehr. Und vielleicht erinnern sich auch nur noch Skisprung-Insider an ihn. Aber Eddie the eagle habe ich nie vergessen.

Du bist wertvoll, egal, was du gut oder schlecht kannst, Gott sieht dich mit einem liebenden Lächeln an und wie so oft gilt: Im Reich Gottes werden die Ersten die Letzten, und die Letzten die Ersten sein.

Christine Watermann, Dozentin für Schulseelsorge, Stuttgart

Zu allen Texten von Christine Watermann →
Benachrichtigungen aktivieren Okay, gerne! Nein danke!