So hat es angefangen, so hat es sich erfüllt! Wie am Ostermorgen sind es auch zu Weihnachten wieder Engel und Frauen, die als Erste Zeugnis geben von etwas unerhört Neuem. Spielen sie sonst keine große Rolle, stehen sie hier im Mittelpunkt – und geben uns Rätsel auf:
Da ist Maria, eine junge, noch recht unerfahrene Frau. Dass ihr Verlobter um drei Ecken aus dem Königshaus David stammt, ist nur einen Nebensatz wert. Er ist Zimmermann, und es sind bescheidene Verhältnisse, in denen beide leben, einfache Leute aus dem Volk – sie waren gewiss nicht vorbereitet auf das, was ihnen da alles bevorstand!
Elisabeth, die Mutter von Johannes dem Täufer, war immerhin verheiratet mit einem Priester, aber das hat auch nicht viel geholfen: Tatsächlich lesen wir bei Lukas im ersten Kapitel, dass der Engel Gabriel zuerst diesem Priester, dem Zacharias die Botschaft überbringt: Wortreich, ins Detail gehend, aber vergeblich. Zacharias glaubt ihm nicht. Anders Elisabeth: „So hat der Herr an mir getan“ sagt sie voll Überzeugung, die Hochbetagte, so lange Zeit kinderlos Gebliebene.
Maria und Elisabeth sind entfernte Verwandte, aber darüber hinaus im Wunder verbunden, das sich an ihnen vollzieht. Geradezu kindlich wirkendes Vertrauen in Gottes Zusage, vertrauensvolle Offenheit für das, was den eigenen Horizont übersteigt – das ist die eine Seite. Große Leidensbereitschaft die andere, bedenkt man die Mühen der Schwangerschaft und Schmerzen einer Geburt, vor allem aber die Reaktionen ihrer Umwelt, die damals wie heute schnell war im Köpfe schütteln und Verurteilen – zum Fürchten, zum Davonlaufen! Wie soll das zugehen?
Und schließlich ist da ihre überschwängliche Freude, die besonders deutlich wird, als Maria Elisabeth später besucht. Wo Zacharias, der Priester zunächst mit Sprachlosigkeit geschlagen war, da finden beide Frauen Worte, die viele Jahrhunderte nachklingen – im berühmten „Ave Maria“ der Elisabeth, und im Magnifikat der Maria. Beides bewegte und bewegende Glaubensbekenntnisse, aus tiefster Seele gesprochen. So hat es angefangen, so hat es sich erfüllt!
Schlichtes Vertrauen, Überwindung von Furcht und Schmerzen, überschwängliche Freude: Wir suchen meist nur letzteres, freuen uns am glücklichen Ausgang, stärken uns an den süßen Früchten der Weihnachtsbotschaft.
Das Staunen und Abwarten überlassen wir den kleinen Kindern und dichten vielleicht noch etwas hinzu von Weihnachtsmännern und Ähnlichem. Die lange Zeit der Schwangerschaft, der Dornwald, durch den Maria ging, ihr Mut und ihre große Tapferkeit sind dabei kaum im Blick. Doch die Finsternis ist letztlich nicht zu übersehen, da können wir noch so viele Lichter entzünden: Der Psalm hat es eingangs in Erinnerung gerufen.
Fürchte dich nicht – es hat seinen Grund, dass der Engel seine Rede damit beginnt. Fürchte dich nicht, Zacharias, fürchte dich nicht, Maria, fürchtet euch nicht, ihr Hirten: Auch wenn es euch hart ankommen mag, in eurem verrückten Leben nun auch noch auf einen Engel, einen Boten Gottes hören zu müssen! Eines Gottes, der euch die meiste Zeit doch nur begegnet im allgemeinen Hörensagen, der undeutlich hervorleuchtet zwischen den Zeilen der Priester und Propheten, der entdeckt werden will in ungewohnter Sprache alter Bücher.
Und jetzt auf einmal, in dem Engelswort, sagt er es euch ins Gesicht – so als wäre er die ganze Zeit schon um Euch gewesen und hätte sich nur im Hintergrund gehalten, bis eben zu diesem besonderen Moment! Im Alten Testament widerfährt so etwas nur Auserwählten: Stammesvätern, Königen und Propheten. Aber hier trifft die Botschaft jeden, egal welchen Standes, welcher Herkunft, welchen Glaubens: Die drei Weisen sind schließlich auch schon kurz vor dem Ziel.
So wenig überraschend das Weihnachtsfest kommt, so wenig vorbereitet sind wir Menschen darauf, dass Gott in unser bescheidenes Leben tritt. Der Engel der Weihnachtsbotschaft hat bei Lukas einen Namen: Gabriel, das bedeutet „Gott ist meine Stärke“. Der Engel weiß, dass er keinen Heldengestalten, keinen Ausnahmetalenten gegenübertritt. Er weiß, dass die Furcht groß ist bei uns Menschen, dass Unsicherheit und Zweifel uns in Atem halten. Dass bei Gott kein Ding unmöglich ist, wie Maria sagt, das ist ein reichlich kühnes Bekenntnis, ein Wagnis des Glaubens, gehalten von schwachen Händen.
Dass aus dem Wagnis des Glaubens das Fest des Glaubens werde, wir wenn nicht leichten, so doch frohen Herzens auf das Weihnachtsfest zugehen dürfen – das ist eine Gnade, die wir uns nicht selber schenken können! So wie das Friedenslicht von Bethlehem in diesen Tagen weitergereicht wird über viele Stationen, so kommt der vielzitierte Weihnachtsfrieden vor allem von außen zu uns, wird spürbar vor allem in kleinen Dingen.
So hat es angefangen, so hat es sich erfüllt: In der unscheinbaren Geburt eines Kindes in dunkler Nacht, in den herzklopfenden Wagnissen unseres Glaubens inmitten vieler Zweifel, in dem Wunder von Gottes Nähe, wo wir uns verloren und verlassen fühlen. Gott ist meine Stärke, und er kommt auch zu ihnen und mir, ob wir in Weihnachtsstimmung sind oder nicht!
Ab heute können wir sie an einer Hand abzählen, die Tage bis Heiligabend: Lang geworden ist uns dieses Jahr, ungewohnt war die Feier vor zwölf Monaten auch hier in der Kirche mit all den unvermeidlichen Einschränkungen. Ich hoffe, das geht vorbei. Ich wünsche mir, dass möglichst viele ohne Trauer und Sorge um Ihre Lieben Weihnachten begehen können, und es schmerzt mich, dass es nicht an allen Orten ein Fest der Liebe und der Freude sein wird – nicht nur wegen Corona.
Der Herr ist mit dir. Fürchte dich nicht. Denn bei Gott ist kein Ding unmöglich. Drei schlichte Sätze, mit denen der Engel Gabriel Maria und auch uns anspricht auf dem Weg in die Nacht, da Gott es hell werden ließ über alle Welt durch die Geburt unseres Herrn und Erlösers, Jesus Christus.
Zacharias hat lange gebraucht, um zu begreifen – und ich kann ihn gut verstehen. Was die Hirten dachten, als sie zu dem Stall in Bethlehem liefen? Was die drei Weisen mitnahmen, als sie wieder auf der Heimreise waren?
Für Maria war die Botschaft des Engels ein Anfang. So deutlich wie hier im Bericht des Lukas tritt sie nur nochmal bei Jesu Geburt in den Mittelpunkt, ab dann hören wir immer weniger von ihr. Doch wir wissen: Ihr stand noch ein langer Weg bevor.
Noch oft wird sie sich jene Botschaft ins Gedächtnis gerufen haben: Fürchte dich nicht. Der Herr ist mir dir. Noch oft wird sie an das Wunder denken, das an ihr geschah, das sie nicht festhalten konnte, das groß wurde und heranwuchs zu einer Hoffnung für die ganze Welt. So hat es angefangen, so hat es sich erfüllt –
und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.