Umleitung

Sie wissen es vielleicht nicht, aber meine Frau besitzt neben mancherlei Gaben auch eine große Leidensfähigkeit: Geduldig erträgt sie seit Jahren immer wieder meine Klage über den anhaltenden Winterspeck und die fehlende Zeit für sportliche Aktivitäten. Sorgfältig plant sie für unsere Urlaube Wanderrouten, die mich nicht überfordern – und ist nur mäßig genervt über meine endlosen Schimpftiraden, wenn ein nahegeglaubtes Ziel dann plötzlich Umwege erfordert und der Ausflug sich unangenehm in die Länge zieht.

Das Volk Israel kann ich von daher auch nur allzu gut verstehen – ich habe nämlich mal im Internet auf Google Maps nachgeschaut, wie lange man zu Fuß von sagen wir mal Kairo bis nach Jerusalem braucht: Das sind rund 700 km Wegstrecke, umgerechnet mit Kind und Kegel und ohne schweres Gepäck also in vier Wochen gut zu schaffen. Stattdessen wurden daraus satte 40 Jahre Wüstenwanderung: Mehr als eine Generation dauerte es vom Auszug aus Ägypten bis zum Einzug in das gelobte, den meisten da nur noch vom Hörensagen bekannte „gelobte Land“ – da hätte ich wohl auch gemurrt!

Miriam, die beim Losmarschieren so fröhlich die Trommel schlug, und Aaron, der weitsichtige Anführer – beide sind hier schon nicht mehr am Leben. Immer wieder gibt es Krieg und Streit mit den Völkern, deren Gebiet sie durchqueren. Es gibt Tote und Verletzte, Jammer und Not. An anderer Stelle macht es sich das Volk Israel dagegen zu bequem und passt sich den örtlichen Gebräuchen und Götzenkulten an, wofür Gott sie dann seinerseits bestraft.

Eine ewige Wiederholung, so scheint es, die hier in der Erzählung mit den Schlangen einen weiteren traurigen Höhepunkt findet. Die endlose Wanderung durch die Wüste war ja auch eine Folge von Undankbarkeit und Ungehorsam gegenüber Gott: Damals, am Berg Sinai, wo Mose die zehn Gebote empfing, schon damals wollte man nicht warten und bastelte sich ein goldenes Kalb, das viel handfester und strahlender war als jene himmlisch ferne Verheißung. Und so ging das Spiel in die Verlängerung, mit mehr als einer „Strafrunde“.

„Wir wissen“, um mit den Worten des Apostels Paulus zu sprechen, „dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung“. Psychologen sprechen hier von „Resilienz“, von einer Lernerfahrung, die widerstandsfähig macht gegen Schicksalsschläge, und die uns handlungsfähig bleiben lässt auch zu Zeiten, in denen Ungewissheit überwiegt.

Im Schnitt verkraften die meisten Menschen 5-6 solcher Einbrüche ins Leben, dann jedoch zerbrechen sie daran. Es gibt ein „zu viel“ bzw. ein „zu wenig“, das lässt sich nicht leugnen: Irgendwann stirbt selbst der Hunger, und auch wenn die Hoffnung angeblich zuletzt stirbt, schleppen sich Betroffene immer noch durchs Leben – in einer dumpfen Leere, wo letztlich alles egal ist, nur noch das Ende vor Augen steht. Keine Worte mehr, kein Trost, kein Ziel.

Wüstenwege sind Grenzerfahrungen – niemand weiß, wie lange sie dauern, Wegweiser sind rar. Stattdessen glühende Hitze am Tag, bittere Kälte in der Nacht. Viele Gefahren, wenig zum Leben. Der Zauber des Anfangs, die Freude über die neu gewonnene Freiheit – wie rasch sind sie verflogen im Kampf ums schiere Überleben, zurückgeworfen auf sich selbst, reduziert auf das Allernötigste. Unbemerkt bekommen wir neue Begleiter: Angst und Zorn, Resignation und Verzweiflung. Sie hören nicht auf zu flüstern, wo es uns längst die Sprache verschlagen hat. Wie die Schlangen kommen sie heraus, beißen sich fest – und ihr Gift wirkt.

Wüstenwege sind Verlusterfahrungen – die Heimat, das Vertraute verblasst, und damit der Grund für den Aufbruch, die hier sogar eine Flucht aus großer Bedrückung war: Aber damit kommt auch die gewohnte Sicherheit abhanden. Und greifen wir nach vorne, findet sich noch immer kein Halt, kein Silberstreif zeigt sich am Horizont. Kleine, bescheidene Oasen sind unterwegs die einzigen, knapp bemessenen und gut einzuplanenden Haltepunkte.

Instinktive Reaktionen auf Bedrohungen – Flucht, Angriff oder Totstellen – sie funktionieren auf langen Wüstenwegen nicht, das wäre der sichere Untergang. Der Tod, „der Sünde Sold“: Ist das die Lektion, die das Volk Israel hier und so unerträglich oft in seiner Geschichte lernen soll? Das kann ich mir nicht vorstellen, das verträgt sich auch nicht mit meinem Glauben und meiner Hoffnung für uns und unsere Glaubensgeschwister.

Die Schlangen auf dem Weg durch die Wüste, sie offenbaren unsere Angriffspunkte und Schwächen, stehen für Versuchungen. Sie verkörpern den Gipfel der Heimatlosigkeit und Gottesferne. Sie warten auf uns beim Halt auf offener Strecke, wenn die letzten Reserven verbraucht sind: Bis hierher und nicht weiter. Die Grenze des Menschlichen ist erreicht.

Es sind keine Heiligen, Begüterten oder Gelehrten, jene Einzelne, die dagegen aufbegehren. Es sind vom Tod Umgebene und Verängstigte, die sich erinnern: Wer führte uns heraus aus der Sklaverei in Ägypten? Wer versprach uns ein Land, da Milch und Honig fließt? Und wer half uns immer wieder auf dem Weg mit Nahrung und Rettung, die so unerreichbar schien?

Sie wissen: Unser Verstand, unser Glaube, unser Handeln trug wenig dazu bei, diesen Gott gegenwärtig zu halten. Wir vergaßen schnell und verloren uns so gründlich im täglichen Klein-Klein, waren viel zu beschäftigt, uns und unsere Mitmenschen zu plagen. Die Geister, die wir riefen, sind jetzt alles andere als eine Hilfe. „Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, bitte den Herrn, dass er die Schlangen von uns nehme.“

Wie praktisch das doch wäre: Alle Zweifel, alle Furcht, alle Scham abzulegen, abzuwaschen von den Händen und wieder dazustehen als strahlende Unschuld, frisch gestärkt zu neuen Taten! Doch dazu kommt es nicht: Noch beißt es uns, noch fließt das Gift durch unsere Adern, noch sind wir Kinder dieser schönen und manchmal doch so schrecklichen Welt.

„Gegen das Vergessen“ hören wir in diesen Tagen an vielen Orten, und „Nie wieder ist jetzt“: Neben vielen anderen Mahnungen ist es auf Schildern zu lesen, mit denen Menschen sich parteiübergreifend auf bundesweiten Demonstrationen für Demokratie den Einflüsterungen gefährlicher politischer Kräfte entgegenstellen. Nein, Vergessen und Wegschauen ist selten eine Lösung, und unangenehme Konfrontation mitunter eine bittere, aber heilsame Medizin.

Was dient dem Leben, was führt zum Heil, was richtet uns auf und bringt uns wieder auf guten Weg? Die Auflehnung gegen den Tod ist gegen allen Augenschein, scheint widersinnig. Den Tod wahrzunehmen, einzuordnen und ihm nicht das letzte Wort zuzugestehen – das ist jedoch ein Ausdruck von Liebe zum Leben, von Mitmenschlichkeit, ein Bekenntnis zu Gottes guter Schöpfung und seiner Verheißung. Das ist eines der vielen Geschenke, die uns durch den Glauben zuteilwerden, und die uns widerstandsfähig machen auf langen Wüstenwegen.

Das Ende falscher Sicherheiten, das Ende von Illusionen und falschen Erwartungen ist immer schmerzhaft, führt leicht zu Verbitterung. Aber es muss nicht das Ende von allem bedeuten:

Wenn wir uns erinnern, was uns gesagt, gegeben und versprochen ist. Wenn wir spüren, dass wir nicht allein auf dem Weg sind. Wenn wir im Glauben darauf vertrauen, dass Gott selbst uns vorangegangen ist und das Kreuz auf sich nahm, damit wir das Leben haben und seine Auferstehung uns herausführt aus aller Endlichkeit und Verlorenheit: Dann verliert bald jedes Gift seine Wirkung, dann können wir getrost und sicher weitergehen.

Irgendwo, irgendwann ist immer Wüste. Doch überall und zu jeder Zeit ist auch Gott mit uns, ruft uns zu sich, aufzusehen zum Kreuz, zu schauen auf Jesus Christus, der für uns den Tod überwand: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir. Und deine Auferstehung preisen wir bis du kommst in Herrlichkeit“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.