„Unglück, das man bei andern sieht, wirkt meist erhebend aufs Gemüt“: Eine der vielen treffenden Beobachtungen von Wilhelm Busch, dem scharfzüngigen Dichter von Max & Moritz, der frommen Helene und vielen weiteren Werken – heitere Werke, zumindest solange, bis man sich selbst ertappt und überführt findet!
Erhaben fühlen sich z.B. die Freunde Hiobs; sie laufen so richtig zu Hochform auf, als ihr alter Freund ein schreckliches Unglück nach dem anderen erleidet: Er liegt am Boden, sie schauen auf ihn herab und überschütten ihn mit vielen klugen Worten. Ja, auch Ratschläge können Schläge sein, auch diese Erfahrung muss Hiob machen.
Von vielen Unglücken und Katastrophen weiß die Bibel zu berichten, gleich auf den ersten Seiten geht es los: Weil ihnen das Paradies nicht genügt, überschreiten Adam und Eva eine entscheidende Grenze. Weil Kain sich nicht beherrscht, bringt er seinen Bruder Abel zu Tode. Weil die Menschen achtlos die Erde verderben, löscht schließlich eine Sintflut sie aus.
Gott macht einen Neustart mit Noah und seiner Familie: Der Regenbogen steht für seine Zusage, dass nicht mehr aufhören sollen Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Doch es ist keine heile Welt, die da ihren Anfang nimmt. Zwar sprechen alle noch eine Sprache, haben ein gemeinsames Ziel – doch was genau treibt sie eigentlich um? Eine Stadt wollen sie bauen, von festen Mauern umgeben, und einen Turm, der bis zum Himmel reicht – weil sie sich einen Namen machen möchten, heißt es, und damit sie nicht zerstreut werden in alle Länder.
Wir wissen: Es kommt anders, ganz anders, und ist am Ende schlimmer als zuvor! Denn Gott vereitelt ihr Vorhaben, lässt ihre Pläne scheitern und verwirrt obendrein ihre Sprachen. Die Gemeinschaft, geeint in jenem übergroßen Projekt, sie zerfällt. Verständigung gelingt nicht mehr, in kleinen Grüppchen verteilt sich die Menschheit auf der weiten Erde und muss versuchen, fortan bescheidener zu leben. Alles Weitere kennen wir aus den Geschichtsbüchern.
Diese berühmte, gleichnishafte Erzählung vom Turmbau ist eine Einladung: Bilder entstehen vor dem inneren Auge, vergleichbare Situationen drängen sich auf. Da hat sich doch wieder einer übernommen, beim Hausbau oder beim Kauf eines teuren Autos! War ja klar, dass das mit dem neuen Flughafen in Berlin ein Desaster wird!
Jener Turm von Babel, der bis an den Himmel reicht, ist zum Symbol geworden für entfesseltes Wachstum, für die Anmaßung, Gott spielen zu wollen – und zahlreich sind die Beispiele, die sich da anführen lassen: Globalisierte Wirtschaft, Gentechnik, Digitalisierung…
Die Kirche tritt da meist als Mahner auf, warnt aus gutem Grund vor Grenzüberschreitungen mit unabsehbaren Folgen: Denn die Opfer, die dabei erbracht werden, die Menschen, die dabei schnell unter die Räder kommen, sind zumeist die Kleinen, Stimmlosen, leicht Übersehenen. Oft sind sie es, die den Preis für unseren Wohlstand und für den Fortschritt zahlen – sie, die selbst kaum etwas davon haben. Die Eskalation von Übermacht kann tödlich sein.
Aber die Kirche und wir hierzulande als Christen haben uns meiner Meinung nach etwas zu sehr an diese leichte Währung des Mahnens gewöhnt, an jenen Gratismut, an billige Empörung und das unverbindliche Dagegensein: Es ist leicht, Tempo 130 zu fordern, wenn man nicht zahlreiche Kundentermine wahrzunehmen hat. Es ist keine Herausforderung, gegen PID zu sein, wenn man nicht selbst in der Konsequenz ein womöglich schwerstbehindertes Kind versorgen muss.
Und zuguterletzt gibt es ja auch noch den Hochmut des Kleinen, das Kokettieren mit der Einfalt: Danke, lieber Gott, dass ich keine große Verantwortung trage und mir nicht die Hände schmutzig machen muss! Leise Genugtuung schwingt dann mit, wenn es mal wieder einen Prominenten „erwischt“ oder ein neuzeitlicher Ikarus vom Himmel stürzt. Der Pfarrersohn und Philosoph F.W. Nietzsche vergleicht ein solches Verhalten mit dem eines Mannes, der „alle Bäume in seiner Umgebung umhaut, weil er nichts Größeres neben sich ertragen kann“.
So wenig Großmut, um den Leuten in Babel ihren Turm und ihre sichere Stadt zu gönnen? So viel Angst davor, dass eine starke menschliche Gemeinschaft Gott und dem Rest der Welt gefährlich werden könnte?
Wir feiern heute das Pfingstfest – das Fest des Heiligen Geistes, des Trösters, das Fest der Verbundenheit im Glauben und der weltweiten Kirche. Da will ich nicht an den Trümmern Babels stehen und altklug den Zeigefinger heben: Da will ich keine Drohung vor Hochmut hören, sondern vielmehr die frohe Botschaft feiern, da will ich Gott und all seines Geistes Kindern die Ehre geben!
Es wäre eine schlechte Glaubenshoffnung, die sich nur über den Trümmern erhebt, die nur vor einem dunklen Hintergrund leuchtet. Das wäre kein fröhliches Fest, sondern ein unwürdiges Trauerspiel. Und ebenso vermessen wäre es, nach Pfingsten zu glauben, nun wäre mal wieder ein goldenes Zeitalter angebrochen:
Nein, Höhenflüge und Abstürze gehören weiterhin zum Leben dazu, auch zum Leben von uns Christenmenschen, genauso wie zu Wirken und zur Gestalt von Kirche. Schuld und Versagen durchziehen die Geschichte aller Konfessionen: Am heutigen Datum im Jahr 1618 begann der 30jährige Krieg. Auch die Skandale und Austrittswellen heute in der katholischen Kirche lassen uns Evangelische nicht unberührt, sie betreffen uns als Geschwister im Glauben, und Täter gibt es zu viele auch bei uns.
Aber ein durchaus ernstzunehmender, großartiger Neustart ist es schon, was in der Apostelgeschichte so anschaulich beschrieben wird: Als Jesu Jünger alle an einem Ort beisammen waren, ein Brausen vom Himmel geschah und das ganze Haus erfüllte. Jene Jünger, denen es nicht gebührt, Zeit oder Stunde zu wissen, wann das Reich Gottes vollendet wird – jene für sich rat- und kraftlosen Jünger empfangen die Kraft des Heiligen Geistes, so heißt es, und das Wort nimmt seinen Lauf.
Dieses Wort begleitet uns nun schon durch 2000 Jahre wechselhafte Menschheitsgeschichte: Es wurde gefeiert und verachtet, vergessen und missbraucht – und doch lebt es weiter in unseren Gemeinden wie in unserer ganz persönlichen Biographie. Ein jeder hört und deutet es in seiner eigenen Sprache, ein jeder verinnerlicht und teilt es auf seine Weise.
Pfingsten, das ist gewissermaßen die Umkehr von dem, was über den Turmbau von Babel erzählt wird: Wir finden uns verstreut in der Welt, sind „Diaspora im Durcheinanderland“, und es wird immer bunter.
Die manchmal großen, manchmal sehr kleinen christlichen Gemeinden sprechen mit unterschiedlichen Stimmen, selbst hier im Vogtland. Wir mögen keinen Einheitsbrei. Wir mögen auch keinen Namen in der Welt haben, aber sind von Gott erkannt: Sie, ich und all die Übersehenen, längst Vergessenen. Höhenflüge wagen wir schon lange nicht mehr, den Kampf um sog. „Systemrelevanz“ sollten wir besser meiden, das ist nicht unser Feld und nicht unsere dringlichste Aufgabe.
Der Heilige Geist, den wir zu Pfingsten feiern, er erinnert uns vielmehr an das Gebot Jesu: Gehet hin, geht hinaus und lehret alle Völker. Wir kleinen Lichter dürfen leuchten in der Welt und dadurch Gottes Botschafter sein, in aller Bescheidenheit, mit allem berechtigten Stolz, vor allem aber mit Liebe, Großmut und Geduld: Denn das ist die Sprache, die wirklich alle Menschen verstehen. Kleine Lichter leuchten zudem auch in den verstecktesten Winkeln, viel besser, als es ein großer Leuchtturm oder eine „Mega-Church“ könnte!
Das Fest des Heiligen Geistes ist eine Einladung, zu leuchten oder das Licht zu suchen. Wir feiern gleichsam eine Eskalation der Osterfreude, die im Schatten des Kreuzes geboren wurde und den Tod überwindet.
Ein neues Leben: Darum geht es, dazu schenkt Gott uns seinen Geist – eine Kraft, die uns aufrichtet und frei macht. Von ihr gestärkt, von ihr geleitet brauchen wir keine Mauern oder hohen Türme, brauchen wir keine Angst zu haben, in alle Lande verstreut zu werden. Unsere Hoffnung lebt, wo Gottes Geist weht – und er kennt keine Grenzen und kein Ende.
Ein Pfingstlied von Huub Oosterhuis:
Der Geist des Herrn hat uns den Anfang neu geschenkt / in alles, was da wächst, den Atem eingesenkt. Der Gottesgeist beseelt, die kalt sind und versteint, / Zerstörtes baut er auf, Zerstreutes wird geeint.
Wir sind in ihn getauft und Glut ist seine Huld. / Er spendet Hoffnung aus in Sehnsucht und Geduld. Wer weiß, woher er kommt, wer sieht schon seinen Schein? / Er öffnet uns den Mund, lässt uns Geschwister sein.
Der Geist, der in uns wohnt, erhebt sein Flehn zu Gott, / dass er in seinem Sohn uns auferweckt vom Tod; dass unser Leben nie zerbricht in Not und Hast: / Komm Schöpfergeist, mach ganz, was du begonnen hast.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.