Summertime

Unbeschwertheit, blühende Natur – im Sommer zieht es uns nach draußen, da wollen wir das Licht und die Wärme genießen. Vom Zauber der Sommerzeit erzählt auch die Arie „Summertime“ aus „Porgy & Bess“ – vom leichten Leben, von springenden Fischen und reifen Baumwollfeldern in den Südstaaten.

Die Melodie ist sanft und ruhig. Ein Wiegenlied im Stil und in der Sprache der afroamerikanischen Spirituals, wie diese aber auch geprägt von einer Mischung aus Hoffnung und Schmerz:

Verlusterfahrungen und Gefühle tiefer Einsamkeit drücken sich darin ebenso aus wie leidvolle Lebensumstände, Unterdrückung und Ausweglosigkeit, vergleichbar den Klagepsalmen im Alten Testament.

Porgy, der hinkende Bettler, und Bess, die drogensüchtige junge Frau sind ein ungleiches Paar, verbunden nur durch ihr ausweglos scheinendes Schicksal in einer von Armut und Rassismus verdunkelten Welt. Doch in diesem Sommer fällt Licht in ihr Leben:

Sie finden zusammen, entdecken wider alle Wahrscheinlichkeiten ihre tiefe Liebe zueinander – für einige Monate zumindest, bevor neue Wendungen sie wieder trennen. Das Leben auf der gesellschaftlich „falschen Seite“ ist eben nicht leicht, Wohlstand und Sicherheit, Glück und Geborgenheit bleiben hier oft unerfülltes Wunschdenken.

„Porgy & Bess“ war das letzte große Werk des im Alter von 38 Jahren verstorbenen Komponisten George Gershwin. Es wurde wie seine „Rhapsody in Blue“ zu einem Welterfolg, und „Summertime“ zu einem bis heute vielfach neu interpretierten Evergreen – trotz oder gerade wegen der dunklen Untertöne, der Schwermut, die durch die Zeilen klingt.

Die den Spirituals zugrundeliegenden Psalmen gelten als „Identifikationstexte“: Mehr als die meisten biblischen Texte sprechen sie gestandene Kirchgänger wie auch religiös Distanzierte unmittelbar an – als wäre es „für mich geschrieben“:

Sie bringen zur Sprache, wofür uns die Worte fehlen oder der Mut, sie auszusprechen – vor uns nahestehenden Menschen oder vor Gott.

Die Sommerzeit ist ein wunderbares Geschenk, ist Freiheit, ist Grund zur Freude und eine gute Gelegenheit, Neues zu entdecken. Die Sommerzeit verpflichtet uns aber nicht zur aufgesetzten Leichtigkeit, zum Zeitvertreib:

Ins Licht rücken dürfen wir auch unsere unerfüllten Sehnsüchte, unsere Trauer, unser Unverständnis. Die Bibel, die Kirche, Gott selbst laden uns ein, auszusprechen und zu begreifen, was uns bewegt. Sie sind für uns da zu jeder Zeit, und öffnen uns neue Wege.

Eine gesegnete Sommerzeit wünscht Ihnen
Prädikant Christian Weyer

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