Da ist ja nochmal alles gutgegangen – und war ja auch wirklich nicht schwer! Gott schickt Jona nach Ninive, einer Großstadt, wo das Böse wohnt und die dem sprichwörtlichen Sündenbabel gleicht. Predigen soll er dort, oder genauer gesagt: Den Untergang ankündigen – mehr nicht!
Und siehe da: Mehr braucht es auch gar nicht, damit die Menschen wieder zu Gott finden und Buße tun. Niemand zweifelt an Jona, keiner verspottet ihn oder bringt diesen Überbringer denkbar schlechter Nachrichten zum Schweigen.
Sogar der König macht mit, auch er ruft offiziell zur Buße auf – immerhin mit einem hoffnungsvollen Hintergedanken: „Wer weiß, ob Gott nicht umkehrt und uns noch verschont!“ Und siehe da, er behielt recht – ausgerechnet er, jener König, der für die üblen Zustände in der Stadt Ninive wohl letztlich verantwortlich war. Was für eine erstaunliche, wundersame Wendung!
So erfreulich das „happy end“, der glückliche Ausgang dieser Erzählung aber auch ist- es sind schon ziemlich komische Heilige, mit denen wir es hier zu tun haben! Normalerweise mögen Politiker keine schlechten Prognosen, heute nicht und auch damals schon nicht: Schließlich können Verlustängste und drohende Einschränkungen viel mächtiger werden als sie. Also: Bloß keine Panik!
Und Jona? Dass ein Prophet zurückschreckt vor einem Auftrag oder vor Erschöpfung aufgeben will, das finden wir auch bei anderen. Jona hingegen ist regelrecht getürmt und versuchte sich vor Gott zu verstecken. Als Gott ihn auf hoher See mit einem Sturm bedroht, wirft man ihn kurzerhand über Bord, und ein Walfisch verschluckt ihn. Dort, abgeschieden vom Licht und von jeglicher Gemeinschaft, darf auch er dann in sich gehen und Buße tun.
40 Tage dauert Jonas denkwürdige Reise, die ihn schließlich doch an das ihm bestimmte Ziel nach Ninive führt. 40 Tage ist die Frist, die den Einwohnern dort bis zum Untergang bleibt, und wir merken bei all diesen Parallelen: Die Erzählung von Jona ist ein Lehrstück! Es bietet uns an, in die verschiedenen Rollen zu schlüpfen, uns hineinzuversetzen in die Lage der geschilderten Personen und dabei unsere eigene Einstellung zu hinterfragen.
Die Zahl 40 ist nicht zufällig, sie hat eine eigene Symbolik: 40 Tage ist die Zeit der Bewährung, 40 Tage braucht es nach alter Vorstellung, bis etwas wirklich vergangen und Neues begonnen hat. 40 Tage währte die Sintflut, 40 Tage war Mose auf dem Berg Sinai, 40 Tage wurde Jesus in der Wüste versucht, von 40 Tagen seines Wirkens zwischen Auferstehung und Himmelfahrt berichtet die Apostelgeschichte.
Auf Französisch heißt 40 übrigens „quarante“ – so viele Tage dauert eine echte Quarantäne: Erst danach konnte man zu Zeiten der Pest sicher sein, dass die Krankheit endlich ausgestanden war und keine Ansteckungsgefahr mehr bestand.
Wie gehen wir mit drohenden Katastrophen um? Nun, die vergangenen zwei Jahre der Pandemie haben uns die Bandbreite möglicher Reaktionen recht eindrücklich vor Augen geführt. Ist jetzt, wo alles vorbei ist, auch alles wieder gut? Oder ist jetzt, wo sich eine neue Welle ankündigt, endlich die Zeit für schärfere und nachhaltige Maßnahmen gekommen? Wer weiß, ob der Kelch nicht doch an uns vorübergehen wird! Wer weiß, wo wir in 40 Tagen oder in 40 Wochen stehen!
Unheilspropheten haben es meist schwer. Jona in Ninive – als Theaterstück aufgeführt, wäre es ziemlich kurz und einförmig, vor allem aber wenig überzeugend. Unheilspropheten führen zudem eine scharfe Klinge, wenn es um ihre Botschaft geht: „Wehe dir! Du wirst bis zur Hölle hinabfahren. Es wird dem Land von Sodom erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dir.“
Das sind diesmal Jesu Worte, sie stehen im Matthäusevangelium, Kapitel 11, nur wenige Sätze vor unserem einladenden Wochenspruch: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid – ich will euch erquicken“, und weiter heißt es: „Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“.
Ja, auch Jesus stellt sich in die Tradition der Unheilspropheten, hier und an anderen Stellen. Wie er rief auch Johannes der Täufer auf zu Buße und Umkehr: Denn „das Himmelreich ist nahe“! Und dieses Himmelreich, die angebrochene neue Zeit, sie soll grundlegend anders sein – nicht nur alter Wein in neuen Schläuchen, nicht nur das harte Alltagsbrot mit ein bisschen Zucker bestreut!
Ein sanftes Joch, eine leichte Last, wo das Leben sonst bedrückend und mühselig ist. Ruhe für unsere aufgescheuchten Seelen, die nirgends richtig Halt finden und Zuflucht suchen an so vielen verschiedenen Stellen. Das treibt die einen wie Jona in die Flucht, andere lassen es dafür so richtig krachen, wieder andere spekulieren und taktieren, als wäre das Leben ein Handel, den man möglichst vorteilhaft abschließen müsste: Fristverlängerung als größtmöglicher Gewinn.
Jesus lädt ein, innezuhalten auf diesem Weg und umzukehren: Gar nicht so leicht! Schlechte Angewohnheiten, eingespielte Rituale, all die kleinen Tricks und Kniffe, mit denen wir uns selbst betrügen – es braucht mindestens 40 Tage, um sich von ihnen wirklich freizumachen und Neues zuzulassen.
„Sieben Wochen (oder 40 Tage) ohne“ lautete vor einigen Jahren das Motto einer Fastenaktion. Das wäre dann, wenn ich heute beginne also Anfang August – aber nein, das geht nicht, das ist kurz nach den Ferien: Da muss ich mich erst richtig erholen, und dann alles Liegengebliebene aufarbeiten…
Nein, liebe Gemeinde, weder ich noch sie müssen nach diesem Gottesdienst in Quarantäne: Und wenn ich daran denke, dass meine Konfirmation jetzt schon 40 Jahre zurückliegt, merke ich, dass selbst diese recht lange Zeit nicht ausgereicht hat. „Lernt von mir“ – diese Worte Jesu aber lasse ich mir gerne gesagt sein. Ich lasse mir auch nicht mehr bange machen, wenn die Welt mal wieder verrücktspielt und unberufene Propheten unterschiedlichster Lager auftreten. Auch die gab es schon immer, auch für die fand Jesus sehr deutliche Worte.
Aber Lernen dürfen, Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr – das ist etwas, auf das ich mich gerne einlasse. Prüfungen beschert uns der Alltag da schon zu Genüge! Lernen dürfen, das heißt, noch nicht fertig zu sein mit sich selbst, Gott und unserem Nächsten – sondern Fragen haben zu dürfen, Wissensdurst, Hunger nach Wahrheit und Sinn.
Lernen, das funktioniert im abgeschiedenen stillen Kämmerlein, besonders gut aber in einer Gemeinschaft. Und so sind wir als christliche Gemeinde in gewisser Weise auch so etwas wie eine „Lerngruppe“. Klingt das nicht viel einladender als ein Verein grummeliger Unheilspropheten?
Jona, der Prophet hatte übrigens auch nicht ausgelernt, weder in den 40 Tagen im Bauch des Walfischs, noch in den 40 Tagen in Ninive. Jona wurde missmutig und zürnte mit Gott: Was sollte der ganze Aufwand mit seiner Berufung, seiner vereitelten Flucht, seiner tierischen Anreise – wenn dann am Ende doch nichts passiert, sondern Gott wieder einmal mehr seine Güte scheinen lässt über alles und jeden. Da hätte er doch gleich so machen und auch Jona in Ruhe lassen können!
Jona, so lesen wir im nächsten Kapitel, ließ sich am Rand der Stadt nieder und wartete, ob nicht doch noch das gerechte Strafgericht über Ninive hereinbricht. Ein Gaffer, würden wir heute sagen, sensationslüstern und alles andere als sympathisch. Dennoch tat Gott ihm Gutes und ließ einen großen Strauch wachsen, der Jona auf seinem Posten Schatten spendete. Doch wieder wurde Jona missmutig und zürnte Gott, als eines Tages nämlich dieser Strauch verdorrte und mit dem nun ungeschützten Haupt des Propheten ein Sonnenstich drohte.
Nächstenliebe, dieses größte aller Gebote, war Jona fremd geblieben – selbst dort, mit Blick auf die Stadt und ihre tausend Seelen. Seine Vorstellung von Gerechtigkeit, seine Erwartungen an Gott waren festgefahren und hart geworden. Sogar vom König von Ninive hätte er da noch etwas lernen können, von dem, der seinen Thron verließ und seinen Purpur ablegte.
So etwas fällt uns stolzen Menschenkindern oft schwer. Aber wir können das lernen, von unserm Herrn und König, der sich nicht zu schade war, abzulegen, was uns von ihm trennt:
Der sanftmütig ist und von Herzen demütig und uns abnimmt, was belastet, beschwert und unsere Seele bedroht. Der uns Gnade erweist über alle Rechthaberei hinaus, der unsere bittere Klage verwandelt in einen befreiten Reigen, und unsere lähmende Furcht in Liebe. Sein Joch ist sanft, und seine Last ist leicht. Folgen wir dieser Einladung und Gottes Ruf an uns!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne im Christus Jesus. Amen