Kennen Sie diesen Ausdruck? Wenn man auf ungewissen Pfaden unterwegs ist, nicht überblickt, was links und rechts so alles verborgen ist und sich dunkle Gedanken anschleichen: Dann helfen sich manche damit, laut vor sich her zu pfeifen. Eine aus wachsender Nervosität geborene, aufgesetzte Sorglosigkeit, zur Selbstvergewisserung, zur Ermutigung.
Das „Pfeifen im Walde“ mag so eine beruhigende Wirkung haben, signalisiert zugleich aber immer auch Unsicherheit: Vollmundig aufzutreten, mit großer Geste und lauten Worten, das ist in diesem Sinne also auch immer verräterisch, lässt an der Substanz hinter der Fassade zweifeln.
In Krisenzeiten wird es besonders vielstimmig, dieses „Pfeifen im Walde“: Alles nicht so schlimm! wollen die einen damit zum Ausdruck bringen. Folgt uns, wir kennen den Weg! klingt es bei anderen. Verlockende Hoffnungen werden da geweckt, auf die man sich gerne einlässt – manchmal auch wider besseres Wissen.
Unser Predigttext spricht in eine ähnliche Krisensituation, die ersten und die letzten Sätze lassen es erahnen: Von „fester Zuversicht“ ist da die Rede, von Hoffnung, Nichtzweifeln, Unsichtbarem – und vom Erdulden, von Durchhalten und Mut. Alles wichtige Ressourcen gegen die Unsicherheit, gegen Ängste und Sorgen, wie der Verfasser an Beispielen vor Augen führt:
Er erinnert an die Geschichte des Volkes Israel, an Abraham, Isaak, Jakob und Sara, wie sie allesamt unter denkbar ungünstigen Bedingungen zu Zeugen von Gottes großen Taten wurden. Er erinnert an Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens – unseres Glaubens, der seinen Anfang nimmt ausgerechnet an einer düsteren Hinrichtungsstätte in Golgatha, unter dem Kreuz.
Wir feiern heute Palmsonntag, Jesu triumphalen Einzug in Jerusalem: Führte sein bisheriger Weg mit all seinen Predigten, Wunderheilungen und Prophezeiungen durch die Provinzen des Landes, ist er nun im Zentrum angelangt. Die meisten, die ihm da zujubeln, haben ihn nicht wie sonst gesucht, sondern hier kommt er ganz gezielt zu ihnen, in ihr Leben, in ihren Alltag.
Die Botschaft von Heiligabend, dass Gott unter den Menschen wohnen will, hier wird sie mit Händen greifbar: Da sind nicht nur die überraschten Hirten, drei Weise aus dem Morgenland und ein paar Zufallsgäste aus dem kleinen Bethlehem – nein, hier pulsiert das Leben, hier ist das große Publikum, hier in Jerusalem wird Geschichte geschrieben!
„Mitten unter euch steht er, den ihr nicht kennt“, heißt es in einem Weihnachtslied von Huub Oosterhuis. Ja, mit der großen Botschaft von Heiligabend verbindet sich zugleich der armselige Anfang in der Krippe und der elende Tod am Kreuz. Es muss so sein, auch wenn es befremdlich wirkt und verstörend, auch wenn es so gar nicht zu unserer Sehnsucht passt nach glanzvollen, ungetrübten Freudenbotschaften.
Mitten unter uns steht auch das Unbehagen. Mitten unter uns der Schmerz, das Wissen um Tod und Vergänglichkeit. „Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen / lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen / mitten in uns“, dichtete Rainer Maria Rilke.
Wusste Jesus damals schon beim Einzug in Jerusalem, was ihn erwartet? Wusste er, wohin das führt? Die Palmenzweige, welche die Menge vor ihm ausbreitete, das Hosianna, der Königstitel – war das auch nur so eine Art „Pfeifen im Walde“?
Wir gehen heute nicht hinauf nach Jerusalem: Unser Weg in der Passionszeit und in der bevorstehenden Karwoche führt nach Gethsemane. Jesus wird verraten, verurteilt, verspottet und geschlagen – und seine Jünger? Können nicht mit ihm wachen, fliehen auseinander oder verleugnen ihn. Die Anfänge der christlichen Kirche hatten wahrhaftig nichts Großartiges an sich, ebenso wenig wie die Alten Israels. Aber darauf kommt es ja auch gar nicht an:
„Lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt“, heißt es im Predigttext. Vor wenigen Jahren, nach der alten Predigtordnung war er für den 2. Weihnachtstag vorgesehen, bevor er in die Passionszeit verlegt wurde. Ein Wort für den Weg ist es so oder so, wenn es weiter heißt „Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“
Wir merken: Da schreibt jemand aus Erfahrung. Da kennt jemand seine Belastungen und Grenzen. Da weiß jemand um die Tränen des Petrus, weil er sie vermutlich selbst schon oft geweint hat. Unsicherheit, Mutlosigkeit – das ist ihm alles nicht fremd, doch er weiß damit umzugehen. Lasst uns aufsehen zu Jesus, lasst uns an ihn gedenken, das meint zugleich: Betrügt euch nicht selbst mit altkluger Großsprecherei, lasst die Rattenfänger ziehen und gebt nichts auf ihre stolzen Reden.
Wir bauen nicht auf unsere Stärke oder die vermeintlichen Talente anderer. Mehr als einmal haben wir Gottes Wort gehört und können es uns immer wieder ins Gedächtnis rufen – auch dann, wenn uns die Kräfte verlassen und es dunkel wird um uns. Jesus, der Anfänger und Vollender des Glaubens, er ist immer auch in unserer Mitte, geht jeden Schritt mit uns – auch durch die Täler und Abgründe.
So, wie er in Bethlehem auf die Welt kam, in Jerusalem einzog und in Golgatha das Kreuz auf sich nahm, so geht er auch unsere Lebenswege durch Höhen und Tiefen mit. Nicht immer sichtbar, nicht immer spürbar. Dafür fehlt uns manchmal einfach der rechte Sinn, weil zu viel anderes sich in die Wahrnehmung drängt. Doch manchmal hilft schon die gestammelte Bitte um Gottes Zuwendung, und manchmal ein kleiner Schritt zurück, um etwas Abstand und neuen Überblick zu gewinnen:
„Was hast du unterlassen / zu meinem Trost und Freud, als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid? Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht, da bist du mein Heil kommen und hast mich froh gemacht“ – noch einmal ein Weihnachtslied, diesmal von Paul Gerhardt, nachzulesen im Gesangbuch unter der Nr. 11.
Es wird heller und wärmer in diesen Tagen, endlich. Doch es bleibt weiterhin schwierig mit der Pandemie in den nächsten Wochen und Monaten, wie auch mit vielen anderen kleinen und großen Dingen des Alltags. Unser Weg durch die Zeit ist nunmal nicht gepflastert mit Gewissheiten und führt nicht immer geradeaus: Darum geht es nicht ohne Zuversicht, nicht ohne Hoffnung, nicht ohne Gottvertrauen.
All das fällt freilich nicht vom Himmel, sondern wächst im Verborgenen, braucht Schutz und Pflege. Bringen wir unsere Gefühle, unsere Sorgen und Sehnsüchte vor Gott, dann bereiten wir ihm den Weg in unsere Herzen, dann kommt der König auch zu uns.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.