Nur das Beste

Und da haben sie doch immer nur das Beste gewollt! Ich kann es nachvollziehen, wenn Eltern so klagen. Vater oder Mutter zu sein, das ist eine große und oft auch schwere Aufgabe: Wieviel Spielraum gebe ich meinem Kind, damit es sich entfalten kann und eigenständig wird? Wieviel Schutzraum muss ich ihm bieten, um es zu bewahren vor schädlichen Einflüssen?

Das Markusevangelium, aus dem unser Predigttext stammt, ist ja vergleichsweise kurz. Es erzählt nicht groß über Jesu Geburt, weiß nichts zu berichten von jenem Stall in Bethlehem oder anderen Begebenheiten aus Jesu Kindheit und Jugend. Umso erstaunlicher ist es, dass Markus uns dennoch an einer Familienszene teilhaben lässt – einer ziemlich unschönen obendrein:

Einige Zeilen zuvor ist schon zu lesen, dass Jesu Verwandte sich große Sorgen machen. Als sie hören, wie er umherzieht und immer mehr Menschen sich versammeln. Da machten sie sich auf, so heißt es, und wollten ihn ergreifen, denn sie sagten sich: Er ist von Sinnen! Und nun haben sie es offenbar geschafft, zu ihm vorzudringen:

Sie stehen draußen und lassen ihn rufen. Da liegt Spannung in der Luft: Sie halten für falsch, was Jesus tut. Er soll doch jetzt bitte damit aufhören und nach Hause kommen, dann sieht man weiter. Dass man Vater und Mutter ehren und ihnen entsprechend gehorchen soll, brauchen sie gar nicht zu erwähnen, denn das war zumindest damals ein selbstverständliches, zumal biblisches Gebot.

Doch Jesus gehorcht nicht. Er geht nicht hinaus zu ihnen, er bittet sie auch nicht um Geduld oder Verständnis, nein, er verleugnet sie geradezu: Meine Mutter? Meine Brüder? Wer auch immer da draußen stehen mag – meine eigentliche Mutter und meine eigentlichen Brüder und Schwestern, die sind hier: Es sind all jene, die zu mir kommen, die mich anhören und sich damit etwas gesagt sein lassen für ihr Leben, kurzum: Die Gottes Willen tun.

Die familiäre Harmonie scheint aber dann doch zurückgekehrt zu sein: Von Maria lesen wir später wieder mehr, einer seiner Brüder wird ein wichtiges Mitglied der ersten Gemeinde. Haben sie sich vielleicht in Ruhe ausgesprochen und dadurch wieder zueinander gefunden? Wir wissen es nicht, aber das Ergebnis lässt so etwas vermuten – und macht deutlich, dass Verbundenheit im Glauben und familiäre Gemeinschaft keine Gegensätze sein müssen:

Meistens haben wir ja diesen Glauben eben gerade von unserem Elternhaus vermittelt bekommen, und beides – die Bindung an das Elternhaus und die Verbundenheit mit anderen im gemeinsamen Glauben prägen uns, unsere Sicht auf die Welt wie auch unseren Umgang mit dem Nächsten. Natürlich wird dabei in schöner Regelmäßigkeit die Konfliktfähigkeit trainiert, von Eltern und Kindern, von Geschwistern untereinander: Und wie wir alle wissen, ist auch das Gemeindeleben keineswegs arm an solchen Erfahrungen! Sie gehören wohl notwendig dazu, und diese kleinen oder großen Reibereien haben sogar einen tieferen Sinn:

Im Streit, als so belastend er auch empfunden wird, bleibt man immerhin aneinander dran. Man verlegt sich nicht auf vermeintlich fertige Antworten und „fertigt unbarmherzig ab“, man baute keine Mauern oder reißt tiefe, trennende Gräben. Der andere ist einem eben alles andere als gleichgültig, eben darum ringt man ja auch so erbittert um ein gemeinsames Weiterkommen. So sehen nun mal gelebte Beziehungen aus – da ist nicht nur eitel Sonnenschein, sondern auch mal Blitz und Donner: Nur so gedeiht es auf Dauer.

Auf der anderen Seite ermöglichen solche Bindungen und Beziehungen etwas, das man sich selber nicht geben kann: Seinen Platz im Leben, in der Welt zu finden. Den eigenen Gaben und Stärken zu vertrauen, wo man selber noch unsicher ist. Die Niederlagen zu verkraften, weil man wenigstens von seinem unmittelbaren Umfeld nicht aufgegeben wird.

Eine liebevolle Familie erweitert so behutsam die eigenen Perspektiven, das ist sehr heilsam und förderlich. Eine liebevolle Familie kann loslassen, ohne verloren zu geben. Eine liebevolle Familie kann das, denn sie weiß sich selber getragen von etwas, das sie allein oder gar ein Elternteil überhaupt nicht selber verantworten kann.

Wenn Eltern oder Geschwister wirklich nur das Beste wollen, dann ist es auch das Beste, sich keinen Allmachtsphantasien hinzugeben und meinen, alles fest im Griff behalten zu müssen. Liebe zu den Kindern, Liebe zu den Eltern – das ist vom richtigen Verständnis der Nächstenliebe nicht so weit entfernt:

Da ist ein dritter im Bund. Gott, dessen Kinder wir alle sind – ohne Unterschied, ohne Rang, mit unterschiedlichen Begabungen, aber ein und derselben Berufung. Im Glauben an Gott kommen wir gar nicht umhin, uns, unsere Familie und den Nächsten vor uns als eine große Gemeinschaft zu sehen, als Schwestern und Brüder vor Gott: Der streng blickende Vater? Mein Bruder. Die überbesorgte Mutter? Meine Schwester. Der neue Kollege, der mir gehörig auf die Nerven geht? Auch mein Bruder.

Ich gebe zu, das lässt sich nicht 1:1 in den gelebten Alltag übertragen, wo jeder auch irgendwo seine Rolle und Position wahrnehmen muss. Meinen Chef morgen als „Bruder“ anzusprechen und seine Entscheidungen mit barmherzigem Lächeln zu korrigieren, brächte mir sicher Ärger! Doch auch im übertragenen Sinne klingt das auf den ersten Blick nicht gerade nach einer „frohen Botschaft“. Entgegen allem Anschein hat auch die Nächstenliebe wenig Romantisches an sich:

Wer mal in der Obdachlosenarbeit oder anderen karitativen Einrichtungen tätig war, der hat schnell gelernt, dass da nicht nur bemitleidenswerte, durchweg gutherzige Menschen auf einen warten, um mit dankbarem Blick Hilfe zu empfangen. Nein, da riecht es mitunter auch streng, da fallen hässliche Worte, da begegnen Aggression, Mißmut und Verachtung. Aber so ist es: Unsere Familie können wir uns bekanntlich nicht aussuchen, und ebensowenig unseren Nächsten. Der Theologe und Lieddichter Dietrich Bonhoeffer beschreibt das sehr treffend:

„Gott hat den Andern nicht gemacht, wie ich ihn gemacht hätte. In seiner geschöpflichen Freiheit wird mir nun der Andere Grund zur Freude, während er mir vorher nur Mühe und Not war: Gott will nicht, dass ich den Andern nach dem Bild forme, das mir gut erscheint, also nach meinem eigenen Bilde, sondern in seiner Freiheit von mir hat Gott den Andern zu seinem Ebenbild gemacht. Ich kann es niemals im Voraus wissen, wie Gottes Ebenbild im Andern aussehen soll – immer wieder hat es eine ganz neue, allein in Gottes freier Schöpfung begründete Gestalt.“

Nächstenliebe ist übrigens kein exklusives Privileg von uns Christenmenschen. „Wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester“ – und wenn er oder sie keinen Taufschein haben, sollte mir das wie im Gleichnis vom Samariter erst recht ein Ansporn sein.

„Ich will doch nur das Beste für ihn“, den Nächsten – das ist ein guter Anfang, der aber nur über die lange Straße der Demut zum Ziel führt. Wir sind nicht in der gleichen Situation wie er, wir kennen nicht alle Möglichkeiten, wir können für nichts garantieren. Das muss uns aber nicht mutlos machen: Für das Beste, da steht nur Gott allein für ein. Und für die Wegabschnitte hat er uns und alle unsere Schwestern und Brüder. Keine Lichtgestalten und Weisheitslehrer unbedingt, ja nicht mal immer die nettesten und angenehmsten Menschen unter der Sonne:

Aber wenn sie sich und uns und unseren Nächsten annehmen können als ein Geschwister im Glauben, dann dämpft das den menschlichen Hochmut und die Eitelkeit schon ein gutes Stück. Dann lebt Gottes Versöhnung, seine Gerechtigkeit und sein Frieden auch in ihnen und uns als seinen Kindern.

Dann liegt in ihrem und unserem Tun auch Gottes Wirken verborgen. Dann wird es ein guter Dienst am Nächsten, dessen Schwestern, Brüder und Hüter wir alle sind – und wird zu einem Dienst an Gott, der uns dazu berufen hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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