Nicht anfassen

Es vergeht keine Woche, in der nicht mindestens einmal schriller Alarm in der Johanniskirche ertönt: Zu interessant ist der historische Flügelaltar, als dass Hinweisschilder und Absperrung die Besucher von einem näheren Blick abhalten, zu gering das Verständnis, dass kostbare Kunstgegenstände sorgsam zu erhalten und darum auch zu schützen sind.

Kirche soll nahbar sein, „zum Anfassen“ – ein berechtigtes Anliegen, wenn Gottes Botschaft lebendig bleiben und kein Museumsstück werden soll. Sehet und schmecket, wie freundlich der Herr ist: Mit diesen Worten aus Psalm 34 wird zum Heiligen Abendmahl eingeladen, weil der Glaube eben mehr ist als reine „Kopfsache“ oder sentimentale Bewegung des Herzens.

Fernbeziehungen zu führen ist schwierig: Wo nur eine Stimme z.B. am Telefon zu hören ist oder mein Gegenüber auf einem Bildschirm erscheint, geht viel Persönliches verloren. Kinder finden in ihrem Heimweh selten Trost durch einen Anruf – sie wollen die Nähe von Eltern und Geschwistern, ihre Wärme und die liebevolle Atmosphäre unmittelbar spüren.

Erwachsene sind da natürlich weiter: Uns genügt die Betrachtung eines Ausschnitts oder ein kurzes Gespräch, um dennoch ein vollständiges Bild zu bekommen – über Erinnerungen an frühere Erlebnisse und Begegnungen. Je mehr wir davon haben, umso größer das Vertrauen und die Sicherheit, dass HDL („Hab Dich lieb“) nicht nur eine flüchtig hingetippte Standardformel ist, sondern dahinter aufrichtige Verbundenheit steht.

Vielleicht ist darum immer öfter der Alarm in unseren Kirchen zu hören: Viele Menschen haben heute einfach zu wenig Berührungspunkte mit Gott und dem Glauben, mit christlichen Ritualen und praktischem Gemeindeleben. Unentschuldbarer Missbrauch von Schutzbefohlenen, unangemessenes Verhalten von „Kirchenmenschen“ gerade dort, wo Sensibilität geboten gewesen wäre: All das und mehr trägt dazu bei, sich abzuwenden und auf Distanz zu gehen.

Nur im Urlaub, da wird dieser Sicherheitsabstand gern mal ignoriert: Ausnahmsweise möchte man die Darstellungen des Jesuskindes, des Wundertäters, des Gekreuzigten und Auferstandenen wie auch die vielen Figuren um ihn herum mal aus der Nähe betrachten. Doch was sollen sie uns sagen, in solchen Momentaufnahmen, ohne weiteren Bezug zu uns und unserem Leben?

Um etwas zu spüren, zu erleben auch in allen Feinheiten, dafür braucht es Zeit und ein wenig Übung. Die Kirche heißt alle willkommen: Zu Konzerten, Andachten und Gottesdiensten, die es vielleicht nicht immer und überall, aber doch ausreichend oft und in erreichbarer Nähe gibt. Die Schwelle ist niedrig, die Freiheiten sind groß: Hört und seht, prüft und bedenkt, nutzt die Gelegenheiten und vertraut nicht fertigen Antworten, bevor die eigentlichen Fragen formuliert sind!

Vielleicht nehmen Sie sich nach dem Konzert noch ein wenig Zeit: Suchen Sie das Gespräch mit anderen, hören Sie in sich hinein oder öffnen Sie sich für die vielen Zeichen des Glaubens, die in dieser Kirche und an vielen anderen Orten zu finden sind. Und erschrecken Sie bitte nicht, wenn der Alarm losgeht: Das tut er in diesen Tagen häufiger, und lässt sich auch wieder abstellen.

Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst;
ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! (Jesaja 43,1)

Eine gesegnete Zeit wünscht
Prädikant Christian Weyer

(Andacht zum Orgelsommer 2026 in der Johanniskirche Plauen/V.)

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