Mitsprache

Ist es nicht so: Wir alle möchten doch immer gerne mitreden! Ob es politische Debatten sind, die neuesten Gerüchte beim Kaffeeklatsch oder das Getratsche in der Nachbarschaft – da wollen wir nicht zurückstehen, als meinungslos, desinteressiert oder dumm angesehen werden. Gemeinschaft funktioniert nicht zuletzt vor allem über Kommunikation, über Austausch, über Worte und Taten, mit denen wir uns gegenüber an￾deren zu erkennen geben.

Zurückhaltende, eher nachdenkliche Menschen haben es da schwer: Sie werden oft missverstanden, falsch eingeschätzt oder schlicht nicht wahrgenommen. Zugleich aber empfinden wir Abneigung gegenüber Menschen, die sich im Gegensatz dazu unablässig in Szene setzen, ungebeten zu allem ihren Senf geben und dafür auch noch Anerkennung fordern.

Kurz nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das in aller Schärfe deutlich: Dort der von all den Veränderungen überrollte Ostbürger, der obendrein „von Staats wegen“ jahrzehntelang eine gesenkte Stimme gelernt hatte – und dort der vielzitierte „Besser-Wessi“, der rasch hohe Positionen in Politik und Wirtschaft besetzte und sich mitunter aufspielte wie ein gottgesandter Heilsbringer.

Als eines der ersten deutsch-deutschen Ehepaare bekamen meine Frau und ich dies bei so mancher Gelegenheit zu spüren: Die Ulrike solle doch mal mehr aus sich herausgehen, etwas modebewusster und weltoffener sein! Und ich, der Christian habe ja wie alle Westdeutschen nur deswegen noch ein 13. Schuljahr gehabt, um Schauspielunterricht zu bekommen…

Unsere Eltern hüben wie drüben hatten jeweils ihr eigenes, ganz unterschiedliches „Lebensrezept“, dem wir uns nun anpassen sollten. Gemeinschaft bedeutete hier nicht Austausch, sondern schien nur möglich durch die gleiche Art des Auftretens und Mitredens. Das funktionierte nicht.

Auch in der Gemeinde von Korinth funktionierte so etwas nicht: Paulus sieht sein großes Aufbauwerk in Gefahr, nachdem neue Kräfte mit lauteren Stimmen sich in der Gemeinde Gehör verschaffen. Sie lassen Paulus „alt aussehen“ mit ihren Heldentaten, ihrer demonstrativen Stärke im Glauben, und er ärgert sich darüber – aber nicht etwa über das schiefe Bild, die schlechte Meinung von ihm, sondern über die beschämend leichte Verführbarkeit der Gemeinde. Was ist es denn bloß, was sie an diesen „falschen Aposteln“ so beeindruckt?

Unser Predigttext ist Teil der sog. „Narrenrede“. Um der Gemeinde klar zu machen, dass sie auf dem Holzweg ist, setzt sich Paulus sinnbildlich eine Narrenkappe auf und beginnt mit halb ironischem, halb verbittertem Unterton aufzuzählen, womit er denn so glänzen könne: „Ich habe mehr gearbeitet, habe mehr erlitten, mich zahllosen Gefahren ausgesetzt“ usw. Ich kenne übrigens einige Menschen, die genauso, allerdings ohne jene Ironie des Paulus von sich reden: „Was ich alles getan habe, was ich so alles durchmachen musste, wenn ich da nicht gewesen wäre“ – kennen Sie das auch?

Aber zurück zu Paulus: Ja, sagt er, ich kann auch mitreden und mithalten mit denen, die da so großtun. Ich könnte davon erzählen, bis euch die Ohren bluten. Jene Höhenflüge des Glaubens sind mir wohl vertraut, Gott ist in mein Leben getreten, sichtbar, spürbar, mitunter schmerzlich, und das mehr als ein- oder zweimal. Doch was ist mein Leben? Was bedeutet meine Erfahrung, außer dass ich im Buch des Lebens ein paar Seiten mehr hin- und her blättern kann? Dadurch kommt kein anderer Mensch zu Gott, da kann ich reden und rühmen was ich will.

Und damit ich gar nicht erst auf so dumme Gedanken komme, mich selbst so hervorzutun, hat Gott mir ein ziemlich unangenehmes „Vergißmeinnicht“ gegeben: Einen Stachel im Fleisch, also eine üble Krankheit, die mir zu schaffen macht und mich immer wieder auf den harten, kalten Boden der Tatsachen zurückholt. Nicht ich bin es also, von dem zu reden sich lohnt, den es zu beachten und zu bewundern gilt. Und genauso wenig ist es dieser oder jener Dampfplauderer, auf den ihr hören sollt: Wer nur von sich erzählt, hat nicht viel zu sagen.

Hinhören solltet ihr nur dann, wenn Gott spricht. Freilich – er hat da seine ganz eigene Weise, er steht nicht mit dem Megafon auf dem Markt, er dröhnt auch nicht am Stammtisch oder plaudert über die Kaffeetasse hinweg. Er spricht, wo wir still und aufmerksam werden. Er zeigt sich meist erst dann, wenn wir unsere selbstverliebten Kunststückchen beendet haben. Er handelt, wo unser Tun und Lassen sein rechtes Maß wiederfindet: Meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit, so lesen wir in der neuen Lutherübersetzung.

Den meisten von uns dürfte noch die bisherige Übersetzung geläufig, vielleicht sogar als Tauf- oder Konfirmationsspruch mitgegeben sein: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“. Das klingt melodischer, lenkt aber ein wenig vom eigentlichen Inhalt ab. Denn der oder die Schwachen stellen vor Gott genauso wenig dar wie die vermeintlich Starken. Der spätberufene Arbeiter im Weinberg erhält genauso viel Lohn wie der, der seine Kraft schon seit Stunden eingesetzt hat und dank dessen die Ernte überhaupt gesichert ist.

Paulus spricht sich gegen jegliches Rühmen, gegen jede Selbstglorifizierung aus: „Danke, lieber Gott, dass ich nicht so bin wie jener Zöllner“ – und obendrein so unglaublich bescheiden! Gerade in der Kirche, in Gemeinden, aber auch in Familien oder auf der Arbeit begegnet mitunter eine eitle Koketterie mit dem Unvollkommenen, wenn der gleichbleibend hohe Einsatz der Einen kleingeredet und kaum beachtet wird, die Trägheit und schwache Leistung anderer hingegen stets Nachsicht erfährt. „Und allgemeine Menschenschwäche wird unser Trost- und Lösungswort“, so beschreibt Theodor Fontane die Haltung selbstzufriedener Menschen. Nein, liebe Gemeinde, das ist nicht die große Offenbarung, um die es hier geht:

Wenn Gott sich im Schwachen zeigt, so tut er das im brennenden Dornbusch, im Säuseln des Windes, in einer ärmlichen Krippe, am blutigen Kreuz – aber gewiss nicht im verantwortungslosen Schlendrian. Seine Kraft vollendet sich in der Schwachheit – das heißt: Dort, wo alle menschliche Kunst ihre Grenze findet, da lässt er sich finden. Da, wo wir ihn am nötigsten brauchen, tritt er zu uns. Da, wo Gott uns fremd und unbegreiflich wird, schenkt er die Fülle.

Wir sind schwach, bei ihm ist Stärke. Sind wir arm, der Herr ist reich!
Unser Gott tut Wunderwerke! Wer ist unserm König gleich?
Ja, der Herr ist’s, der uns heilt und den Schwachen Kraft erteilt.
(Charles H. Spurgeon, 19. Jh)


Ich bin dir gnädig, sagt Jesus zu Paulus, und dass ich dir gnädig bin, das ist für dich genug! Auch wenn du es dir manchmal so sehr wünschst, vertraue mir: Du brauchst nicht unbedingt Befreiung von den Menschen oder Umständen, die dir so hart zusetzen. Du brauchst nicht immer Bestätigung und Anerkennung durch deine Umwelt, du brauchst nicht ständige Erfolge, nicht das Paradies auf Erden und übrigens auch nicht das letzte Wort. Was du brauchst, das hast du bereits:

Meine Gnade, meine Liebe, mein Wort. Und in all dem beklagenswerten Unrecht der Welt, im schreienden, unverständlichen Leid der Unschuldigen, im unablässigen Kampf und ewigem Misstrauen der Menschen untereinander, in all dieser Schwachheit und nicht in irgendwelchen höheren Weihen – da vollendet sich meine Kraft, die Kraft Gottes, die alles überwindet, sogar unsere tiefsitzende Verbohrtheit.

Ist es nicht so: Wir alle möchten doch gerne mitreden! Und Gott sei Dank dürfen wir das auch, frisch und frei, einfältig oder vorlaut, so wie uns halt der Schnabel gewachsen ist. Doch achten wir bei unserem Reden darauf, dass wir die Maßstäbe im Blick behalten und uns nicht mit fremden Federn schmücken. Denn wie viel in unserem Leben ist Geschenk und Gnade, von Gott und auch von Menschen?

Wir nehmen letztlich immer mehr als dass wir geben, auch wenn uns das manchmal nicht so vorkommt, auch wenn uns Menschen mitunter mehr zumuten, als wir ertragen können. Unsere persönliche Fähigkeit zu schenken und gnädig zu sein ist sehr begrenzt, also müssen wir uns anstrengen und dürfen uns zugleich nicht zu sehr auf uns selbst verlassen. Schwachheit, dein Name ist Mann wie Weib; Schwachheit ist unser aller unausgesprochenes, uneingestandenes Bekenntnis, wenn wir auf uns selbst blicken.

Paulus wusste das. Er spielte den Narren, um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen, ohne sich selbst aufzuspielen. Er gibt dem die Ehre, dem er sein Leben verdankt und der allein seine Hoffnung ist, dessen Kraft sich in seiner, meiner und Ihrer Schwachheit wunderbar vollendet.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.