Mein kleiner grüner Kaktus

Es war Ende 1934, als die Comedian Harmonists dieses humorvolle Lied auf die Bühne brachten – zusammen mit dem melancholischen „Lebe wohl, gute Reise“: Bald darauf erhielt das berühmte Vokalensemble in Deutschland Auftrittsverbot.

Der kleine grüne Kaktus steht symbolisch für selbstbewusste Neubestimmung, für ein Hinwegsetzen über bürgerliche Konventionen und uneitle Wehrhaftigkeit. Wie viele seiner Artgenossen gehört er zur Grundausstattung von Studentenwohnungen, beliebt auch aufgrund schierer Unverwüstlichkeit:

Die aus heißen Regionen stammenden Gewächse überleben auch lange Zeit unversorgt, von Natur aus sind sie perfektioniert auf die Speicherung von Wasser und Nährstoffen. Wo andere Pflanzen über Blätter mit der Umwelt im Austausch stehen, sorgen Kakteen mit spitzen Stacheln dafür, dass ihnen niemand zu nahekommt. Selten und kurz nur sind ihre Blühphasen, besonders eindrucksvoll zu sehen bei der „Königin der Nacht“.

Es ist ein großer Gewinn unserer heutigen Zeit, nicht mehr an starre Normen und Rollenbilder gebunden zu sein. Vielfalt ist Reichtum, fördert das Leben, fordert mitunter aber auch heraus: Und so zeigt sich die Kehrseite großer individueller Freiheit bisweilen in Ablehnung, Einsamkeit und Isoliertheit.

Ist es eine Folge anhaltender Entbehrungen, wenn „jeder sich selbst der Nächste“ ist – oder vielmehr Ausdruck tiefsitzender Verlustängste? Ist „der Weise am stärksten allein“ gerade dort, wo Gemeinsinn in unversöhnliche Einzelinteressen zerfällt, wo eine Entfremdung von Wertvorstellungen und Standards unaufhaltsam scheint?

Manchmal brauchen wir den Abstand, brauchen Rückzugsorte. Es tut gut, wieder zu sich zu kommen, Weite zu spüren und Harmonie zu erleben – ob im Urlaub oder an einem besonderen, geschützten Ort. „Friede sei mit dir“ ist mehr als eine liturgische Formel in unseren Gottesdiensten.

Wurzeln und Wachstum, Sicherheit und Austausch sind gleichermaßen von Bedeutung – das wusste auch der Dichter Paul Gerhardt: Kriege, Krankheiten und vielfältige Krisen überschatteten sein Leben. Doch statt in Bitterkeit und Weltschmerz zu versinken, wurde er zu einem Glaubenszeugen und Mutmacher mit zahlreichen Liedern.

Vielleicht kennen Sie einige der 15 Strophen von „Geh aus, mein Herz und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit“. Die vorletzte Strophe sei uns heute mit auf den Weg gegeben:

Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir wird ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben.

Und wenn Sie etwas ganz Unerhörtes wagen wollen, singen Sie doch mal Paul Gerhardts „Befiehl du deine Wege“ nach der Melodie von „Mein kleiner grüner Kaktus“!

Ihr Prädikant Christian Weyer
(Andacht zum Orgelsommer 2026 in der Johanniskirche Plauen/Vogtland)

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