Lichtspiele

Wie fühlen Sie sich? Vielleicht ein wenig geschmeichelt? „Kinder des Lichts“, das klingt doch ziemlich gut! Wir haben es zu etwas gebracht, so scheint es, denn früher waren wir ja „Finsternis“.

Aber diese Finsternis, die liegt nun hinter uns, ebenso wie die unfruchtbaren Werke, von denen „nur zu reden schon schändlich ist“. Das ist nicht mehr unsere Sache: Mit Menschen, die anders sind als wir, die anders denken und handeln als wir, mit denen haben wir besser nichts mehr zu schaffen. Das ist eine andere Welt, eine falsche und böse Welt – oder?

Im 17. Jahrhundert traten viele vom Glauben bewegte Christen vor allem aus England und Deutschland die damals gefahrvolle Reise über den Atlantik an, um im fernen Amerika eine neue, bessere Heimat aufzubauen – fern von einer als krank und verdorben empfundenen Gesellschaft, fern von den noch gefahrvolleren Verlockungen der Moderne. Stattdessen sollten Sitte und Anstand, Gottesfurcht und Gerechtigkeit wieder zu neuer Blüte kommen, dort im gelobten neuen Land.

Als ich vor einigen Jahren dienstlich in den USA unterwegs war, entdeckte ich noch späte Spuren dieser frommen Einwanderer: Im Restaurant, wo ich zum Abendessen noch ein kühles Bier trinken wollte, wies die bis dahin recht freundliche Bedienung dies pikiert zurück. Mein Gastgeber grinste: Wir waren im sog. „bible belt“, jener Region des Landes, wo noch sehr streng auf religiöse Verhaltensvorschriften geachtet wurde. Alkohol in der Öffentlichkeit ging da gar nicht, und auch die anderen Gäste blickten missbilligend zu unserem Tisch herüber. Also: Zitronenlimonade!

Nun habe ich wie Martin Luther, Johann Sebastian Bach und viele andere berühmte Protestanten eine durchaus positive Einstellung zu Hopfen und Malz. Zählen sie wie ich darum nun zu den „Kindern der Finsternis“, deren Gesellschaft zu meiden ist? Der eine oder andere Gast in dem Restaurant mag so gedacht haben, aber das hat mich nur wenig erschüttert. Eines aber muss ich eingestehen: Die Christen dort im „bible belt“ zeigen klares Profil – es wird (so wie mir damals) schnell klar, welcher Geist weht, und auch wovor man sicher sein kann. Wünschen wir uns solche Klarheit nicht manchmal auch?

Gestern saß wieder eine Gruppe Jugendlicher unten am Plauener Marktplatz. Sie grölten, wummernde Bässe tönten aus der Musikbox, Bierflaschen klirrten und eine zersplitterte gerade auf dem Boden. Oder wenn ich Kommentare im Internet lese, treibt es mir manchmal den Puls hoch und die Schamröte ins Gesicht, was Wildfremde da für wüstes Zeug veröffentlichen. Fernsehen, Radio und Zeitung tun ein Übriges, wenn dort von Gewaltausbrüchen, öffentlichen Pöbeleien, Vergehen gegen Kinder und gegen die Schwächsten der Gesellschaft berichtet wird.

„Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt“ – so haben wir es vorhin im Evangelium gehört. Doch bei all dem Irrsinn, der Schrankenlosigkeit wie auch der Gleichgültigkeit, die manchmal auf der Welt begegnen, in unseren Städten und Dörfern, in den Familien und am Arbeitsplatz – da bin ich mir nicht so sicher, ob das wirklich noch gilt.

Was strahlen wir Christen denn heutzutage noch aus? Lichtgestalten und Heilige sind selten geworden, vielleicht auch, weil wir zu Recht misstrauisch geworden sind, uns nichts mehr so leicht vormachen lassen. Stattdessen erleben wir, wie verantwortungsbewußte Menschen in vielen Berufen und Ämtern an den Rand der Erschöpfung geraten, regelrecht ausbrennen in der Erfüllung ihrer Aufgaben. Gemeinsam mit einem Schiff davonsegeln, all das Lästige und Ungesunde hinter sich lassen und einen neuen Anfang machen im Niemandsland – vielleicht ist das gar keine so schlechte Idee!

Vielleicht sollte auch die Kirche mal wieder selbstbewusster auftreten, kämpferisch Stellung beziehen und mit deutlichen Worten verurteilen, wogegen sie steht: Nicht länger diesem übersensiblen „Grau in Grau“ das Wort reden, sondern strahlen und es hell werden lassen in der Welt! Der Wunsch ist verständlich, und ich hätte da auch schon den einen oder anderen Vorschlag zur Hand. Aber wie im persönlichen Bereich wird es auch bei kirchlichen oder gesellschaftlichen Themen immer genau dann kompliziert, wenn ich von der allgemeinen Ansicht ausgehend zum ganz konkreten Fall komme:

Die vielen Asylsuchenden mögen mir Sorge bereiten – der junge Familienvater aber mit seinen zwei Kindern (das dritte kam bei der Flucht um), er verdient weit mehr als nur mein Mitleid und lässt mich beschämt auf mein so reich beschenktes Leben blicken. Der wütende Rentner, der haltlos auf Gott und die Welt schimpft, der pöbelnde Kerl mit der Bierflasche, die Aktivisten, die mit ihrer Demo die Straße versperren: Viele Menschen ärgern mich mit maßlos mit ihrem Verhalten – aber kenne ich ihre Geschichte, ihre Situation, habe ich Einblick in ihre Seele? Und wenn ja: Würde ich sie dann immer noch so selbstverständlich verurteilen und von mir weisen, zurück in ihre „finstere Welt“?

Unser Epistel- und Predigttext nennt (anders als in anderen Paulusbriefen) keine konkreten Fälle. „Finster“, das ist für ihn ganz grundsätzlich all das, was dem Glauben entgegensteht. Das Licht des Glaubens klärt alles auf: Es gibt zu erkennen, was gut und auch was kritikwürdig, ja lebensfeindlich ist. Der Text ermutigt sogar, danach zu fragen: Was soll ich tun?

Wer ganz dicht an die Probleme herangeht, wer den Menschen nahekommt, mit ihrem Denken und Handeln, der wird schnell merken, dass Schwarz und Weiß nicht ausreichen, um sie zu beschreiben. Das Licht des Glaubens ist kein Scheinwerfer, der nur harte Kontraste zu erkennen gibt – wo die einen im grellen Licht der Erwählung und die anderen verloren im Dunklen stehen. Gott allein ist Richter, und unser Nächste vor allem unserer Liebe anbefohlen.

Das Licht des Glaubens ist uns Christen geschenkt, damit wir, die auch wir Finsternis waren und uns auch immer wieder dorthin verirren, es weiter tragen in die Welt und es heller werden lassen, hier und dort, mehr oder weniger. Dieses Licht ist warm, und es hat unterschiedliche Namen: In den Seligpreisungen begegnet es als Sanftmut, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden.

Im Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner wird deutlich, wo der Platz der Kinder des Lichts, wo unser Platz zu sein hat: Nicht vorne, wo der Pharisäer steht und seine vermeintliche moralische Integrität zur Schau stellt, sondern ganz hinten auf dem Platz des Zöllners, der an seine Brust schlägt und gerade so die Wahrheit bezeugt von der Güte und Gerechtigkeit Gottes. Ein Leben im Licht – das kann auch so aussehen, bei aller Kleinheit, Demut, Furcht und Unbeholfenheit. Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?

Nelson Mandela, der als Freiheitskämpfer in Südafrika Jahrzehnte in finsteren Gefängniszellen verbracht hat, schildert diesen inneren Widerstand gegen das Geschenk des Glaubens: Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, was wir am meisten fürchten. Wir fragen uns, wer bin ich denn, um von mir zu glauben, dass ich brillant, großartig, begabt und einzigartig bin? Aber genau darum geht es, warum solltest Du es nicht sein? Du bist ein Kind Gottes. Dich klein zu machen nützt der Welt nicht. Es zeugt nicht von Erleuchtung, sich zurückzunehmen, nur damit sich andere Menschen um dich herum nicht verunsichert fühlen.

Wir alle sind aufgefordert, wie die Kinder zu strahlen. Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes, die in uns liegt, auf die Welt zu bringen. Sie ist nicht in einigen von uns, sie ist in jedem. Und indem wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen Menschen unbewusst die Erlaubnis, das Gleiche zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Angst befreit sind, befreit unser Dasein automatisch die anderen.

Solchermaßen „Kinder des Lichts“ zu sein, das klingt doch ziemlich gut. Dann haben wir es zu etwas gebracht, wenn sich in uns ein Stück der Herrlichkeit Gottes widerspiegelt, in unseren staunenden Gesichtern, in unseren helfenden Händen, in unserem Reden und manchmal auch im angemessenen Schweigen. Wenn wir Menschen nahekommen, so wie Christus den Menschen nahegekommen ist: Den Armen, Kranken und Sündern, ja selbst den Pharisäern. Ihnen allen ist er nachgegangen auf ihren dunklen Wegen, um ihnen das Licht zu bringen.

Gott ist es, der uns alle ins rechte Licht rückt. Und wer ins Licht gerückt wird, fängt selber an zu leuchten. Gott hat Sie und mich aus der Finsternis unserer Herzen in das Licht seiner Liebe gestellt, und weder sie noch ich überwinden das Dunkle, Ärgerliche und Hässliche, indem wir uns darüber erheben und uns abwenden – sondern nur, indem wir als ein Widerschein das Gute aufleuchten lassen, das uns von Gott anvertraut ist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.