Die Schriftgelehrten und Pharisäer – eine ziemlich unsympathische Truppe, nicht wahr? Gebärden sich als geistige Elite, als Oberlehrer und Sittenwächter, obwohl sie doch wie wir alle nur aus Fleisch und Blut sind. Gut, dass denen jetzt endlich mal der Spiegel vorgehalten wurde, gut, dass sie einer zum Schweigen gebracht hat.
Wie muss das peinlich für die Frau gewesen sein, die aus den Armen ihres Geliebten gerissen und öffentlich vorgeführt wurde! Doch aus einer Angeklagten wurden ganz unversehens ganz viele Angeklagte, als Jesus eine einfache Gewissensfrage stellte: Wer auf das Gesetz pocht, darf sich der Frage nach eigener Schuld nicht entziehen.
Die Schuld der Ehebrecherin lag auf der Hand, war überhaupt nicht zu leugnen. Die Schuld ihrer Ankläger dagegen lag im Verborgenen, in der Vergangenheit womöglich oder gut getarnt: Doch es genügte nur ein kleiner Anstoß, dass diese unrühmliche Vergangenheit gegenwärtig wurde und die schützende Tarnung aufflog.
Die Schriftgelehrten und Pharisäer – auch heute gibt es solche Leute zu Genüge, wir kennen sie vor allem aus den Nachrichten. Regelmäßig werden sie entlarvt und der Scheinmoral überführt: Politiker, die Steuern hinterziehen, gemogelt oder sich ungebührlich Vorteile verschafft haben. Bühnenstars, die hinter den Kulissen völlig aus der Rolle fallen. Leitende Geistliche, die Wasser predigen und Wein trinken:
Gerade Menschen, deren Beruf mit besonders hohen Anforderungen verbunden ist, ziehen Misstrauen auf sich – da lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Doch kennen wir Schriftgelehrte und Pharisäer sicher auch aus unserem persönlichen Umfeld: Vorgesetzte, Nachbarn, vielleicht sogar Verwandte, die gerne das große Wort führen und dabei ihr eigenes Fehlverhalten vollkommen ausklammern. Auch ihnen würden wir sicher gerne mal den Spiegel vorhalten, auch solche Leute sollten besser zum Schweigen gebracht werden!
Was denken Sie? Wie sollte es wirklich sein, wie wäre es richtig? Vielleicht wäre es eine Lösung, einfach mal tief Luft zu holen und loszulassen von überhöhten Ansprüchen, denen doch kaum einer genügen kann. „Wir sind alle kleine Sünderlein“ – womöglich ist ja dieser alberne Jahrmarktsschlager besser geeignet, mit uns selbst und unseren Nächsten klar zu kommen, vielleicht sollten wir einfach mal die hohen moralischen Standards auf ein praktikables Alltagsmaß herunterschrauben. Dann hätten die Pharisäer dieser Welt nichts mehr gegen uns vorzubringen, dann würde niemand mehr bloßgestellt, dann wäre uns wohl allen leichter ums Herz.
„Lass es gut sein! Vergeben und vergessen! Kann ja mal vorkommen!“ Ist das nun die Lösung, ist das die heilsame Botschaft von der Gnade Gottes und unsere Antwort darauf? Es ist verständlich, dass die Erleichterung der „nochmal davongekommenen“ Ehebrecherin auch uns aufatmen lässt. Wenn ein Mächtiger von seinem Thron gestoßen wird, dann ist das so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit – aber eine einfache Frau aus dem Volk, die ist uns nahe: Ihr Schicksal könnte auch unseres sein.
Ja, liebe Gemeinde, in diesem Bibeltext wird der Spiegel allen vorgehalten: Den überheblichen Schriftgelehrten ebenso wie uns armen, peinlich berührten Sündern. Beide tragen Schuld. Das Fehlverhalten anderer entschuldigt noch lange nicht die eigene Untat. Es macht nichts ungeschehen. Wenn die Ehebrecherin heimkommt, sitzt da immer noch der betrogene Ehemann: Sie sind einander fremd geworden. Der Neuanfang wird nicht leicht, falls er überhaupt möglich ist.
In dem Bibeltext geht es um Gnade: Gnade, die mehr ist als mitfühlende Solidarität, die mehr bedeutet als großherzige Toleranz, und die alles andere ist als Ignoranz angesichts der Schmerzen, die Menschen auf vielfältigste Weise einander zufügen.
In dem Bibeltext geht es um uns: Um unsere Art, anderen das heimzuzahlen, was wir erlitten haben. Die Demütigung, dass andere scheinbar weitergekommen sind als wir, lässt uns brennen auf die Gelegenheit, sie bei einem Fehler zu ertappen, damit wir uns endlich über sie erheben können. Unsere Enttäuschung und Mutlosigkeit lässt oft kein unbeschwertes Lachen, keine frohe Hoffnung anderer zu. „Die werden schon sehen“ – und wenn nicht, dann sorgen wir schon dafür. „Mal ehrlich“ – Botschaften, die mit diesen Worten eingeleitet werden, sind selten heilsam und meistens gut gezielte, giftige Pfeile.
In dem Bibeltext geht es um Gott und seine Gerechtigkeit, die gottseidank mit unserer nicht zu vergleichen ist. „Das Gesetz wurde Moses gegeben um Eures Herzens Härte willen“ – ja, mit harten Herzen müssen wir rechnen, wenn wir Umgang haben mit anderen Menschen, und wenn wir ehrlich sein wollen bei der Beurteilung unseres eigenen Handelns. Doch Gottes Herz ist nicht hart. Jesus zwang die Pharisäer nicht, ihre Sünden offenzulegen, und warf keinen Stein nach der Ehebrecherin.
Nicht Schadenfreude über die beschämten Pharisäer, nicht das Hinwegsehen über die von Strafe verschonte Ehebrecherin erschließt uns die Gerechtigkeit Gottes. Sondern die Erkenntnis, dass Gott unser aller Sünde sieht – gründlicher als jeder Mensch es könnte, unverfälscht, ungeschönt, ungeschmälert – und uns dennoch nicht fallen lässt. Er zieht keinen Schlussstrich, fällt kein abschließendes Urteil.
Gott weist uns wie Kain, dem Brudermörder den Weg in eine Zukunft, so wie Jesus der Ehebrecherin sagt: „Gehe hin und sündige hinfort nicht mehr“. Gott will nicht den Tod des Sünders, weder den der Pharisäer noch der Ehebrecherin. Er will, dass sie alle errettet werden – von ihrem Schmerz, von Ihrer Scham, von ihrer Angst.
Er will, dass sie seiner Gnade vertrauen lernen, damit sie begreifen, dass Gottes Herz weiter ist als unser allzu menschlicher Kleinmut. Für uns geboren, für uns gelitten und gestorben, für uns auferstanden zum ewigen Leben:
In Jesus Christus will Gott uns zu einem Leben führen, dass im Glauben an ihn frei wird von Schuldgefühl und Rachedurst, dass frei wird und fähig zur Liebe und zum rechten Handeln.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.