Ja & Nein

In der Geschäftswelt hat die Adventszeit wenig Besinnliches: Zum Jahresende gilt es unverrückbare Fristen einzuhalten, Planungen abzuschließen und, als ein ganz besonderes alljährliches Ritual, „Restbudgets“ auszugeben, bevor fest eingeplante Gelder ungenutzt verfallen.

Entscheidungen, die sich im Laufe des Jahres zäh dahinschleppen, werden nun in kürzester Zeit getroffen. An die Stelle sorgsamen Abwägens des Für und Wider tritt das spontane Bauchgefühl, und als Verkäufer im Vertrieb ist erfolgreich, wer diesen Ausnahmezustand, diese „Torschlusspanik“ geschickt zu nutzen weiß – mit klaren, eindeutigen Botschaften und Produktversprechen, großen, plakativen Überschriften und bunten, sehr überzeugenden Präsentationen.

Als Vertriebler alter Schule baue ich dabei auch auf die sog. „Ja-Phasen“: Man beginnt mit Belanglosigkeiten („ganz schön milde, dieser Winter, stimmts?“), leitet dann Schritt für Schritt ganz behutsam über auf das eigentlich zu verkaufende Produkt („mir scheint, dass dieses und jenes Merkmal ganz besonders wichtig für Sie ist?“), usw.

Und wenn die ganze Runde irgendwann wie ein Wackeldackel nur noch zustimmend nickt, wird die eigentliche Kaufentscheidung übersprungen („möchten Sie den Auftrag noch im November bestätigen, damit es im Dezember nicht wieder so hektisch wird?“): Natürlich, ja, es folgt ein letztes Nicken, man steht im Wort und – herzlichen Glückwunsch!

Auf die Ja-Phasen und den erfolgreichen Abschluss, die Vorfreude auf das Eingekaufte folgt aber immer noch das Vertragliche – und das sieht dann auf einmal ganz anders und sehr merkwürdig aus: Ganz viele Seiten mit ganz kleiner Schrift werden da vorgelegt, viele lange, verschachtelte Sätze, kaum verständlich, lauter Paragraphen und Bestimmungen, wohin das Auge blickt.

Nur nebensächliche Formalia, hoffen die meisten – und unterschreiben. Ein Jawort wird gegeben, das hier allerdings verbunden ist mit reichlich Wenn und Aber, und wo auch so manches Nein zwischen den Zeilen steht und darum einen scharfen Blick erfordert.

Nun ist die Bibel, sind das Alte und das Neue Testament auch nicht arm an Worten: Gerade der Apostel Paulus hätte heutzutage gute Chancen als Versicherungsvertreter oder Anwalt, und er war damals mit seinen Begabungen, seinem Geschick auch nicht allein unterwegs – der 2. Korintherbrief macht das an vielen Stellen deutlich!

Bibelforscher vermuten, dass es sich hierbei nicht um einen einzigen Brief handelt, sondern eher um eine Zusammenstellung mehrerer ähnlicher Texte, mit denen Paulus auf die vielen Herausforderungen in den jungen Gemeinden reagiert.

Da gibt es Missionare, die einen ganz anderen Hintergrund haben als er: Die sich weiterhin fest in den Traditionen des jüdischen Volkes verwurzelt sehen und diese auch für Christen verbindlich machen wollen. Da gibt es Prediger, die mit den manchmal komplizierten Gedanken des Paulus nicht mitgehen wollen:

Alles viel zu verwirrend, da weiß man am Ende ja gar nicht, was man noch glauben soll! Und da gibt es Gemeinden, die auch darum und wegen des vielen Geredes auf Abstand zu ihm gehen, misstrauisch geworden sind, ihm und seinen Worten keinen Glauben mehr schenken.

Ist Paulus also ein schlechter Verkäufer? Hat er bei all seiner theologischen Redlichkeit mit all den feinsinnigen Differenzierungen vergessen, dass ihm die Leute das Ganze am Ende auch abnehmen, abkaufen müssen und das natürlich nur tun, wenn sie seine Botschaft auch verstehen und davon überzeugt sind?

Als Christen sind wir hierzulande eine Minderheit. Auch wir müssen einstehen für unseren Glauben, sehen uns gewollt / ungewollt manchmal in der Rolle eines Missionars oder evangelischen Botschafters. Als Gemeindevertreter müssen wir uns genau wie Paulus die Frage stellen: Wie bringt man Gottes Wort, Gottes Botschaft unter die Leute? Mit großen Überschriften, einfachen Sätzen, positiven Bestätigungen, bis auch hier alle in kollektives Nicken verfallen?

Im Fernsehen oder im Internet kann man die Veranstaltungen der „Mega-Churches“ in den USA verfolgen: Große Hallen, rappelvoll mit Menschen, aufgeheizte Stimmung, und auf der Bühne Prediger voller Pathos, Kraft und Charisma. Leise Töne sind da selten zu hören, Andacht und Besinnung Fehlanzeige. Ich weiß nicht, wieviel Raum dort bleibt für Fragen, Zweifel, eigene Gedanken. Wenn so ein einhelliges „Ja“ über allem steht, wo finde ich mich da wieder?

Das Nein gehört zum Leben dazu, und gehört darum auch zu unserem Glauben und zu unserem Reden von Gott, auch wenn es schmerzlich ist: Das Nein, wenn uns Türen verschlossen bleiben. Das Nein, wenn Gemeinschaft zerbricht. Das Nein, das fehlende Kraft, fehlendes Geschick, mangelnden Mut oder unzureichendes Wissen besiegelt.

Positives Denken, Harmoniezwang, Umarmungsstrategien sind oft nur verkappte Formen seelischer Gewalt – denn sie sagen auf andere Weise ebenfalls Nein, und zwar zur freien persönlichen Meinung und Entfaltung, zu meinem oder Ihrem So-sein und vielleicht auch Anders-Sein: Solche Methoden machen den Raum eng und kommen aus engen Herzen – oder von sehr geschickten Verkäufern!

Paulus durchbricht diese Erwartungshaltung. Er preist den Glauben nicht an wie eine knappe Ware, als letzte Gelegenheit, die kein Zögern duldet. So lässt sich zwar viel und schnell verkaufen, aber kennen wir das nicht alle: Hingerissen das Portemonnaie gezückt oder im Online-Shop auf „Kaufen“ geklickt, nur um wenig später zu merken, dass wir das Objekt der Begierde vielleicht doch nicht so dringend gebraucht haben?

„Der Sohn Gottes“, sagt Paulus und rückt damit das Eigentliche, das Wesentliche ins Zentrum, „der war nicht Ja und Nein… Auf alle Gottesverheißung ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen. Gott ist’s aber, der uns fest macht in Christus.“

Typisch Paulus! Wo man vor lauter Gottesbegeisterung am liebsten abheben, alles Lästige und Beschwerliche hinter sich lassen möchte, da kommt er wieder mit solchen Relativierungen: In ihm, in Gottes Sohn, und durch ihn allein ist das Ja, und nur er vermag uns fest und stark, gewiss und treu zu machen. Paulus durchbricht die allzu verführerische Freude am Unverklärten, und er durchbricht damit auch Hierarchien und Machtgefüge in den Gemeinden:

Er zeigt auf Gott, und Gott braucht keine bunten Verpackungen, auch keine schönfärberischen Worte, großen Versprechungen oder dröhnenden Prediger: Unser Glaube, unser Reden, unsere Liebe und unsere Hoffnung, sie alle sind nur trübe Spiegel von Gottes Kraft und Größe. Gut, wenn sich vieles davon in uns wiederfindet – aber nicht wir sind es, die Gott retten müssen, sondern er rettet uns, die Kleinsten wie die vermeintlich Größten!

Das Wenige bei uns können wir noch so aufblasen, unseren armen Geist und Leib noch so bunt behängen, aber wirklich groß werden wir allein vor Gott, wenn er sich unserer annimmt, wenn er die Niedrigkeit seiner Magd, seines Knechts ansieht und sie zu sich erhebt.

Ja und Nein, Hoffnung und Sorge, Begeisterung und Trübsal – wir können noch so beflissen und angestrengt versuchen, das Gute zu bewahren und das Negative aus unseren Herzen zu kehren: Das Ergebnis bliebe letztlich doch sehr überschaubar, und der Aufwand wäre am Ende vergeblich.

Der Glaube kann so viel mehr wagen als sich nur auf „Ja-Phasen“ einzulassen und ergeben zu nicken: Er kann Grenzen überschreiten, Neuland betreten, kühn und verwegen Ausschau halten nach Kommenden, wo kein Mensch sonst zu hoffen wagt.

Denn er schaut von seiner heiligen Höhe, der Herr sieht vom Himmel auf die Erde, dass er das Seufzen der Gefangenen höre und losmache die Kinder des Todes, dass sie in Zion verkünden den Namen des Herrn (Psalm 102):

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.