Er sitzt auf einer Art Hocker, die (Hände) Arme auf den Knien abgestützt, den Kopf leicht gesenkt, Schweiß steht auf seiner Stirn … und Blutstropfen sind zu sehen. Kein Wunder, schließlich trägt er eine Dornenkrone. Den roten Purpurmantel hat er auch noch an, noch …
So sitzt er da, aus Holz geschnitzt an der Landstraße. Jesus, der Schmerzensmann. Er sitzt in einem kleinen Häuschen zum Schutz vor Regen vielleicht. Und – zum Schutz vor Dieben vielleicht – ist er mit einem Gitter gesichert.
Ich stehe davor und schaue hinein. Jesus hinter Gittern – merkwürdig.
Es fühlt sich an, als würden sich unsere Blicke durch die Gitterstäbe treffen. Und zwischen uns beiden scheint eine Frage aufzutauchen:
Warum das Gitter? Soll Jesus vor uns geschützt werden?
Das ist ja doch irgendwie lächerlich. Er wurde ganz Mensch, ließ sich auf uns ein, bis in den Tod. Er braucht doch kein Schutzgitter, bzw. das hätte ihm ja sowieso nichts gebracht. Und sich in Sicherheit zu bringen, irgendwo Schutz oder ein Versteck zu suchen, das wäre sicher nicht seins gewesen.
Er, der in göttlicher Gestalt war,
hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein,
sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an,
ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.
Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.
Und doch ist da dieses Gitter … also wohl nicht zum Einschließen des Gottessohnes … aber vielleicht zum Ausschließen? Es ist doch alles so viel einfacher, wenn er in so einem Häuschen sitzt, schön übersichtlich.
Vielleicht darf er sonntags mal raus, oder zu einer Andacht am Anfang einer Sitzung. Aber sonst?
Vielleicht ist es ja ganz gut, ihn nicht so nah an mich heranzulassen, ihn nicht „frei rumlaufen“ zu lassen in meinem Alltag. Die Vorstellung, dass er im Alltag neben mir stehen würde, wenn ich mich wieder über jemanden ärgere oder mir ein boshafter Kommentar auf den Lippen liegt – da wäre er in seinem Häuschen hinter Gittern besser aufgehoben.
Ich habe den Eindruck, er sieht mich durch die Gitterstäbe an … nicht böse, nicht wütend, sondern irgendwie traurig und müde. „Müsst ihr auch meinen Gott müde machen?“ hatte Gott durch Jesaja ausrichten lassen, als mal wieder alles Gottvertrauen verloren gegangen war.
Und so schaut dieser Jesus jetzt auch aus seinem Häuschen durch die Gitter heraus: Lass mich doch hier raus. Gefährlich bin ich für dich nicht … gut, manchmal schon herausfordernd, das gebe ich zu. Aber es lohnt sich. Denn ich bringe keinen hinter Gitter – im Gegenteil! Zur Freiheit hat uns Christus befreit, der Weg, Wahrheit und Leben ist.
An Karfreitag ist der Vorhang im Tempel zerrissen, um den Weg zu Gott freizumachen. Zeit also, die Gitter, die noch zwischen uns sind, abzubauen!
(Christine Watermann, Dozentin für Schulseelsorge, Stuttgart)