Heerschaft

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

So haben wir es gerade in der Schriftlesung gehört. Und so haben es die Hirten auf dem Feld vor Bethlehem in jener besonderen Nacht gehört, erlebt, gesehen. Ich stelle mir vor, wie sie mit aufgerissenen Augen dastanden und gar nicht fassen konnten, was da vor ihnen geschah.

Und ich stelle mir vor, wie sich Freude ausbreitete, mitten in der Dunkelheit, ein helles Licht am sonst eher dürftigen Lagerfeuer. Und eine Botschaft, die die Welt bis dahin noch nicht gehört hat. „Euch ist heute der Heiland – der Retter – geboren“. Jahrhunderte hatten sie auf diesen Retter gewartet. Und jetzt, genau jetzt sollte das wahr werden.

Für die Hirten war das sicher wunderbar, zum Staunen. Sie wurden aus ihrem Alltag herausgerissen, mitten hinein in Gottes große Heilsgeschichte mit den Menschen. Von einem Moment auf den anderen war die Nacht wie verwandelt. Die Freude war ihnen sicher ins Gesicht geschrieben. Endlich, endlich kommt Frieden, endlich wird alles gut! Ok, noch ist der Retter ein kleines Baby. Es wird noch Jahre dauern, bis er ans Werk gehen kann. Er kann ja noch gar nicht laufen.

Aber ich bin mir sicher, die Hirten hatten schon genaue Vorstellungen davon, wie das dann mal aussehen würde, wenn Gott das Ruder der Weltgeschichte wirklich ganz übernimmt, wenn das Kind erwachsen war: Dann würde er als Messias auftreten, groß und stark, auf einem großen Schlachtross, begleitet von Engelheeren. Der würde es den Römern und allen Unterdrückern dieser Welt so richtig zeigen – er würde noch mächtiger sein, als der große König David, aus dessen Herrscherhaus er ja abstammt. David gegen Goliath? Das würde ein Witz sein gegen das, was dann passieren würde. Und sie – die Hirten – wären hautnah dabei.

So lange hatten sie gewartet, so lange gehofft und gebetet. Jetzt noch ein paar Jahre, dann wäre es soweit. Immerhin ist der Messias ja schon auf die Welt gekommen. Das Warten, das jetzt noch bevorstand, das wäre einfacher als all die Jahre davor. Die Hirten sind also voller Freude und voller Vorfreude. Kann man ja auch verstehen. Sie laufen sofort los, um dieses Kind in der Krippe zu sehen.

Aber: Wie sieht es denn in diesem Moment im Himmel aus? Was tut sich im sogenannten „himmlischen Hofstaat“, um Gottes Thron herum? Wie sieht dort die Stimmung aus? Auch so voller Freude? Schauen wir doch mal, was da für Beratungen laufen – kurz bevor die Engel und himmlischen Heerscharen zu den Hirten auf´s Feld geschickt werden.

Ich stelle mir vor, wie Gott da schon lange einen Plan hat. Einen Plan, der ihm nicht leichtfällt. Einen Plan, von dem er weiß, dass es nur so funktionieren kann. Und jetzt, jetzt ist der Moment gekommen, diesen Plan in die Tat umzusetzen.

Und ich stelle mir auch vor, wie die Engel, die um seinen Thron stehen – die uns bekannten Cherubim und Seraphim – zwar aufmerksam zuhören, dann aber erst einmal das Gefühl haben, sie hätten irgendwas nicht so richtig mitbekommen … vielleicht runzeln sie die Stirn oder schauen sich ungläubig an.

„Wie bitte, Gott, haben wir dich gerade richtig gehört? Du – dein Sohn – soll auf die Erde kommen? Zu den Menschen? Gott wird Mensch? Sowas hat es ja noch nie gegeben!“ Vielleicht stehen sie jetzt mit hochgezogenen Augenbrauen vor ihm. Aber Gott ist sich seiner Sache sicher: „Ja, genau so soll das werden!“

„Dann wirst du also als ein Königskind auf der Erde erscheinen? Und dann, wenn das Kind groß ist, den großen Befreiungskampf beginnen?“ Ein Engel denkt schon weiter: „Wer soll dann als himmlisches Heer an deiner Seite sein? Wie viele sollen dann bereit sein?“

„Kein Heer! Kein Kampf! Kein Königskind!“ erwidert Gott bestimmt.

„Sondern?“ – jetzt schauen sich die Engel erst recht irritiert an.

„Ich habe mir folgendes ausgedacht: Ein Stall. Ein Kind, dessen Mutter noch nicht verheiratet ist … Aber ich habe einen irdischen Vater vorgesehen, der sich um das Kind kümmern wird! Und ihr werde das freudig ein paar Hirten verkünden“

„Bitte was?“ – im himmlischen Hofstaat regt sich jetzt Widerstand. „Das kann ja wohl nicht wahr sein! Freudig? Unserer Meinung nach gibt´s da ganz und gar nichts zum Freuen! Was soll denn das Kind dann machen, wenn es auf der Erde ist?“

Auch das weiß Gott schon ganz genau: Wenn das Kind groß ist – wenn ich auf der Erde bin – dann werde ich den Menschen immer wieder von mir erzählen. In Geschichten und Gleichnissen. In Wundern. Was für mich Liebe bedeutet, wie ich mir das Zusammenleben der Menschen vorstelle, wie ich mir die Beziehung zwischen mit, Gott, und den Menschen schon ganz am Anfang der Welt ausgedacht habe. Sie werden eine Ahnung davon bekommen, wie meine neue Welt aussehen soll.“

„Verzeihung!“ – mischt sich nun der Erzengel Gabriel ein – „das haben wir die letzten Jahrhunderte doch immer wieder getan. Wie viele Propheten hast du schon beauftragt. Wie viele Boten hast du schon geschickt. Schick doch nochmal einen Propheten. So wie die letzten Male. Du wirst doch nicht selbst auf die Erde wollen!? Du kannst auch einen Engel schicken – dazu sind wir ja schließlich da!“

Gott schüttelt den Kopf: „Die Menschen hören nicht auf meine Propheten. Ich habe das schon oft getan. Wisst ihr noch, als ich den Propheten Ezechiel zu ihnen geschickt habe? Der hatte folgende Botschaft auszurichten: Der Nachkomme Davids, der meinem Diener David gleicht, wird ihr König sein. Sie alle werden einen Hirten haben. Sie werden nach meinen Weisungen leben und meine Gebote befolgen.

Ich schließe mit ihnen einen Bund für alle Zeiten und verbürge ihnen Glück und Frieden. Sie sollen sich vermehren und zu einem großen Volk werden. Für immer wird mein Heiligtum in ihrer Mitte sein; ich will bei ihnen wohnen und ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Wenn die Völker sehen, dass mein Heiligtum für alle Zeiten in ihrer Mitte ist, werden sie erkennen, dass ich der Herr bin, der Israel als sein heiliges Volk erwählt hat.‹«

Oder der Prophet Jesaja hatte den Auftrag, die Menschen daran zu erinnern, dass sie meine Kinder sind: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!“ So hat er es in meinem Auftrag verkündet.

Oder etwas später hatte er diese Botschaft: „Das Volk, das im Dunkeln wandelt, sieht ein großes Licht. Und über denen, die in der Finsternis wohnen, scheint es hell!“

Diesmal, sagt Gott, will ich wirklich, dass die Menschen meine Botschaft verstehen. Deshalb nehme ich die Sache selbst in die Hand. Dieses Mal werde ich selbst Mensch. Aber ich bin kein Kämpfer auf hohem Ross, sondern ich komme arm und klein in die Welt. Denn ich will für alle Menschen da sein, nicht nur für Könige oder Menschen auf der Sonnenseite des Lebens.

Mein Platz ist bei den Armen, den Schwachen, den Kranken. Bei denen, die niemand mag, die, auf die alle herabsehen. Darum ist mein Platz in einer Futterkrippe und die ersten, die von meiner Ankunft hören sollen, sind einfache Hirten auf einem dunklen Feld. Was soll ich denn in einem Königspalast? Und wisst ihr: Am Ende, da werde ich tatsächlich einen großen Gegner der Menschen besiegen.“

„Also doch ein himmlisches Heer!?“ – Die Engel Gabriel und Michael richten sich auf „wir haben es doch gleich gewusst!“

„Nein“, antwortet Gott, „wenn meine Aufgabe hier auf der Erde erfüllt ist, dann werde ich den Tod besiegen! Denn ich werde mich, meinen Sohn, in die Hände der Mächtigen geben. Und weil die Angst vor mir haben, werden sie versuchen, mich aus dem Weg zu bekommen. Deshalb werde ich durch ihre Hand sterben … aber am dritten Tag auferstehen, damit alle das ewige Leben bekommen.“

Die Engel sagen nichts mehr. Zum Jubeln ist keinem zumute im himmlischen Thronsaal.

„Sterben“ – „Tod“ – „Ende“ so murmeln alle durcheinander.

Aber Gott spricht schon weiter: „Ich hoffe“, sagt er – „dass die Menschen meine Botschaft diesmal ganz tief in ihr Herz lassen. Dafür braucht es vielleicht immer wieder auch kleine Gedankenstützen. In vielen Jahrhunderten, da wird zum Beispiel jemand zum ersten Mal auf die Idee kommen, als Zeichen für den Advent einen Kranz aus Tannenzweigen zu basteln – mit Kerzen für das Licht der Welt, auf das alle so sehnlich warten.

Und dann hoffe ich, dass die Menschen in dem Moment, wenn sie den Kranz sehen, sich auch noch an einen anderen Kranz erinnern – der nicht grün ist, wie ein Weihnachtsbaum oder Adventskranz, sondern ganz trocken, voller Dornen … an die Dornenkrone, die mein Sohn tragen wird. Das eine gibt es nicht ohne das andere. Beide Kränze – Adventskranz und Dornenkrone – gehören zusammen.

Und ich hoffe, dass sie sich dann daran erinnern, dass ich, Gott, weiß, wie es ist, wenn eben nicht alles hell, warm und friedlich ist. Ich wünsche mir, dass sich die Menschen dann daran erinnern, dass es im Stall von Bethlehem auch kalt war, das Bett in der Krippe hart, der Weg nach Hause beschwerlich.

Ich wünsche mir, dass sich diejenigen, die jetzt traurig sind, sich dann daran erinnern, dass ich weiß, wie sich Schmerz und Trauer anfühlt, dass ich weiß, wie es sich anfühlt, allein zu sein. Dass ich mitleide, wenn sie leiden – und dass ich mich mitfreue, wenn sie sich freuen.

Und dann – wenn das alles geschieht, dann hoffe ich, dass meine geliebten Menschen meine unendliche Liebe spüren, die Liebe zu Kleinen und Großen, zu allen Menschen. Und wenn sie das spüren, dann hoffe ich, dass sie meine Liebe und mein Licht weitertragen. Hinaus dorthin, wo es dunkel ist, wo Lebensmut geschwunden ist, wo jemand eine ausgestreckte Hand braucht.

Denn mein Herz schlägt für die verzweifelten Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Und ich kenne jeden Menschen ganz genau, auch die, die noch gar nicht geboren sind oder die, die schon nicht mehr auf der Welt sind.

Denn ich will dabei sein, im Leben aller Menschen, so wie ich es schon den Propheten Ezechiel habe sagen lassen: Für immer werde ich in ihrer Mitte sein; ich will bei ihnen wohnen und ihr Gott sein und sie sollen mein Volk sein. Für immer! Und wie Jesaja gesagt hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!

Jetzt nicken die Engel – sie haben verstanden, auch wenn der Weg, den Gott vor sich hat, ein schwerer Weg ist. Aber um der Menschen willen wissen sie, dass es nur eine Botschaft geben kann:

Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. Amen.

Christine Watermann, Dozentin für Schulseelsorge, Stuttgart

Zu allen Texten von Christine Watermann →
Benachrichtigungen aktivieren Okay, gerne! Nein danke!