Feuerprobe

Brenzlige Situationen haben wir wohl schon alle mal erlebt! Die meisten von uns haben schon mal wie auf glühenden Kohlen gestanden, wir wurden „gegrillt“ mit kritischen Fragen, oder uns wurde die Hölle heiß gemacht:

Brennendes Feuer dient oft als Umschreibung, wo etwas unkontrollierbar geworden ist und bedrohlich. Das Feuer ist ein mächtiges Element, es wütet ungezügelt, als hätte es ein Eigenleben; es verzehrt alles, ist nur schwer zu bändigen. Oft wird es missbraucht zu einem Instrument der Zerstörung und des Todes.

In so ein Feuer gestoßen wurden auch die Männer um Daniel: Sie waren ihrem Gott, dem Gott Israels treu geblieben und hatten sich nicht den Forderungen des babylonischen Königs unterworfen. Sie hatten ihn wohl respektiert, ihm aber nicht die göttliche Ehre zugestanden, derer er sich für würdig hielt. Und da hohe Herrscher es nicht lieben, wenn man ihnen einen Zacken aus der Krone bricht, greifen sie dann schnell zur äußersten Gewalt: Zum Schweigen gebracht werden sollten sie alle, aus der Welt geschafft und restlos vernichtet werden!

Kinder Israels in brennenden Öfen, solch gottlose Barbarei gab es nicht nur im alten Babylon: Noch heute leben Zeugen jener finsteren Jahre deutscher Geschichte, auch heute noch finden Judenhass und Mordlust Anhänger in unserem Land, und vor drei Tagen erst war wieder Gedenktag für die Märtyrer und Helden des Holocaust.

Die Todesöfen der Konzentrationslager sind erkaltet und teils abgerissen, doch die Schuld solch unsäglichen Verbrechens, sie brennt noch lange, wie auch der Schmerz über so unendlich großes Leid. Das Abgründige lässt sich nicht leugnen, der Schrecken ist real – wir können, wir dürfen nicht wegsehen und uns dem entziehen.

Das „Reich des Todes“, es stellt alles und jeden in Frage. Wir mögen davor die Augen verschließen, weil wir es nicht ertragen – doch Gott, unser Gott und der Gott Israels schaut hin, wir haben es vorhin gehört:

„Gelobt seist du, der du sitzt über den Cherubim (also höher als die höchsten Engel), und siehst in die Tiefen“ – das ist ein Gotteslob, das nicht aus Überschwang gesprochen wird, sondern aus der tiefsten Seele kommt. Darin spiegelt sich die Angst derer wider, über die das Todesurteil erging und die am Ende waren. Aus dem Lobgesang spricht eine Erleichterung, die sich Luft macht dort, wo sich eben noch die Kehle zuschnürte.

Gott, der in die Tiefe schaut, der gegenwärtig ist auch uns Menschen an den Grenzen unserer Kräfte, unserer Hoffnungen, unseres Lebens: Seine rettende Gegenwart – wurde sie auch den Ermordeten zuteil in Auschwitz, Buchenwald oder Dachau? Den Zigtausenden, die umkamen in den Bombardierungen und Flammen von Guernica, Coventry, Dresden und Hiroshima? Den Kriegsopfern in Afghanistan, Syrien oder der Ukraine? Oder auch ganz alltäglich den Opfern von Gewalt in unserem Land, ebenso den schwer Kranken und Sterbenden?

Ich will es hoffen, ich wage es zu glauben: Mögen sie schauen, was sie geglaubt haben, möge Gott ihnen schenken, was er seiner Schöpfung verheißen hat – um ihretwillen und um meinetwillen! Doch aufatmen und Gott loben: Wie kann das vor so einem Hintergrund gelingen, auch wenn man nicht selbst betroffen ist? „Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, meinte der alte Geheimrat Goethe, aber wir wollen ja nicht kindisch sein und tun „als ob“, sondern wir wollen reifen im Glauben.

Der heutige Sonntag ist Bibelsonntag, zugleich auch der 2. Sonntag nach Ostern. Er trägt die Bezeichnung „Misericordias Domini“. Drei Begriffe tauchen darin auf: Misere – Unglück, Not. Cor – das Herz, der Sitz des Lebens. Beides verbunden übersetzte Luther als „Barmherzigkeit“: Ein Wort, das es in der deutschen Sprache zuvor nicht gab, eine Tugend, die uns Menschen eher fremd ist. Darum „Domini“ – die Barmherzigkeit des Herrn: Misericordias Domini ist ein Zitat aus Psalm 33, wo es heißt „Die Erde ist voll der Güte des Herrn“.

Diese unsere Erde, die doch so oft Schauplatz von Schrecken und Tod ist, findet hier Eingang in ein Loblied auf Gottes Macht und Hilfe, wie auch im nicht enden wollenden Lobgesang der Männer im Buch Daniel.

Was für ein kühnes, ja trotzig erscheinendes Bekenntnis ist so ein Lob! Und auch wenn das Buch Daniel etwas „außer der Reihe“ steht, so lesen wir doch ganz Ähnliches in den Psalmen: Jene so berührenden Verse, die uns ansprechen, auch weil sie uns aus dem Herzen sprechen. Sie beschönigen nichts, kennen keine falschen Töne, sondern drücken mitunter hart und schonungslos aus, was uns das Leben schwer macht und wie wir Gott ganz persönlich dabei erleben. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Auch die letzten Worte Jesu am Kreuz, an Karfreitag, sind Worte aus so einem Psalm.

Ich weiß, ich und diese Texte muten Ihnen heute, an diesem schönen sonnigen Tag viel zu! Machen wir daher an dieser Stelle noch einmal einen kleinen Kanzeltausch und lassen wir Franz von Assisi sprechen, der als reicher Kaufmannssohn und Gründer eines Bettelordens mit seinem berühmten Sonnengesang auch eine Art Psalm und Loblied schrieb – ich lese nur einige Zeilen daraus:

Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind, für Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter, durch das du deine Geschöpfe am Leben erhältst.
Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser:
Sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Feuer, durch den du die Nacht erhellst.
Und schön ist er und fröhlich und kraftvoll und stark.
Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester Erde, die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern.


Gelobt seist du, mein Herr, für jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Not.
Selig, die ausharren in Frieden, denn du, Höchster, wirst sie einst krönen.
Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester, den leiblichen Tod;
kein lebender Mensch kann ihm entrinnen.


Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig, die er finden wird in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.
Lobt und preist meinen Herrn und dankt

und dient ihm mit großer Demut.

Der Gesang der drei Männer im Feuerofen, er ist lang und geht auch einen langen Weg: Vom Tempel in den Himmel und in die Niederungen dieser Welt, unseres Alltags. Er wird nicht müde, Gottes Werke zu beschreiben, ihn zu loben und zu rühmen, er wird nicht müde, uns aufzurufen zu diesem Lob, einzusteigen in diesen Rhythmus des Glaubens. Das ist kein „Pfeifen im dunklen Wald“, das ist eine Einladung, sich dem vielstimmigen Chor der Schöpfung anzuschließen, die den lobt, dem sie sich verdankt, unter dessen Auge sie sich gesehen, geliebt und bewahrt weiß, und auf den sie zugeht.

Ich wäre gern ein solcher Dichter und Sänger – Sie auch? Ich bewundere solch wundervolle Zeugnisse des Glaubens, aus denen eine Größe spricht, die ich bei mir nicht entdecke. Es braucht Gott und seine Engel, um mir, vielleicht auch Ihnen den Stein vom Grab zu wälzen, um wieder in den Himmel zu sehen.

Ich halte mir das Kreuz vor Augen, Zeugnis der Liebe Gottes, die von der höchsten Höhe in die tiefste Tiefe sieht und gegenwärtig ist: In seinem Wort, in den vielen großen und kleinen Wundern, in der Gemeinschaft der Gläubigen, in der Auferstehung von den Toten zum neuen Leben.

Die frühen Christen, die verfolgt, mit dem Tod bedroht wurden und sich verstecken mussten in den finsteren Katakomben Roms – er muss ihnen aus der Seele gesprochen haben, dieser Lobgesang der Männer aus dem Buch Daniel. Sie lobten Gott nicht, um ihm zu schmeicheln. Sie klagten ihm nicht, weil sie von ihm nichts wissen wollten. Sie spannten den Bogen weiter, banden Erinnerungen ein, vertrauten sich auch fremd erscheinenden Worten an, übten sich in der Weite des Blickes, um Gottes Gegenwart zu spüren.

Bringt das was? Die Antwort können Sie sich selber geben: Bringt es etwas, wenn wir schöne Blumen an ein Krankenbett bringen, einen trauernden Menschen liebevoll umarmen, wenn wir Respekt zeigen, wo Hetze und Häme unserem Nächsten hart zusetzen? Da bringen wir die Gegenwart von etwas anderem, Größeren, Heilsamen in die Lebenswirklichkeit. Da werden wir zu einem Lobgesang Gottes. Da behält der Schrecken nicht das letzte Wort, und es öffnet sich eine Tür zu einem neuen Anfang.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus – Amen.

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