Es war mal wieder so weit: London, Isle of Wight, Südbretagne, dann dienstlich nach Zürich und über Amsterdam nach Meppen zurück nach Plauen – in weniger als 10 Tagen! Man muss schon eine besondere Leidenschaft haben, um in der knappen Freizeit solche Exkursionen auf sich zu nehmen.
Konnte ich als „Wessi“ schon in meiner Jugend mit der Bahn kreuz und quer durch Europa fahren, verbinde ich nun Dienstreisen gerne mit großzügigen Abstechern in unbekannte Regionen. Nicht wenige irritiert das: Mit Ende 50 noch solche Strapazen, was soll das! Viel zu groß der Aufwand, viel zu kurz die Zeit vor Ort, ungewiss Erfolg und Nutzen. Und ja, ich kann es nicht leugnen: Anspannunng und Erschöpfung begleiten mich oft, hier und da spüre ich meine Grenzen.
Auf die Frage nach dem „Warum“ finden selbst große Denker ganz unterschiedliche Antworten: „Der Weg ist das Ziel“, meinte schon der chinesische Philosoph Konfuzius, bestätigt vom alten Goethe: „Man reist ja nicht um anzukommen, sondern um zu reisen“. Angewiesen auf Kutsche, Pferd oder die eigenen zwei Beine eine nachvollziehbare Ansicht – aber völlig ziellos loszuziehen dürfte auch damals nicht weit geführt haben.
Mir bereitet schon die Planung einer Reise viel Freude: Wo war ich noch nicht, was ist in der begrenzten Zeit zu schaffen, was gibt es vor Ort? Historische Städte, spektakuläre Landschaften locken ebenso wie die Aussicht, den eigenen Kontinent bald etwas mehr erkundet zu haben: „Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, beschrieb Hermann Hesse dieses Gefühl.
Und eines haben mich meine vielen Reisen gelehrt: So erfüllend es ist, eine berühmte Stadt zu durchstreifen, sich satt zu sehen an Bauwerken oder Schönheiten der Natur – das „Drumherum“ ist nicht minder bereichernd: Interessante Begegnungen und Gespräche trotz eher bescheidener Sprachkenntnisse, kleine Abweichungen vom Alltag, wie wir ihn als normal und selbstverständlich betrachten, die Herausforderung, sich mit dem Neuen und Ungewohnten vertraut zu machen.
Schnelle Abkürzungen, leichte Verfügbarkeit, pauschale Angebote dienen der Bequemlichkeit, berauben uns aber solch wertvoller Erfahrungen. Und wo die Anpassungsfähigkeit verlernt wird, bleiben wir letztlich immer nur bei uns selbst: „Fremd ist der Fremde nur in der Fremde“ lautet ein bedenkenswerter Satz des Humoristen Karl Valentin.
Fremd ist vielen Menschen auch die christliche Botschaft geworden. Wie aus weiter Ferne mögen Feiertage und Kirchen noch schemenhaft daran erinnern, aber persönliche Bezüge, Sprachübungen und Neugier sind selten geworden.
Ist es das Ziel, das nicht mehr lohnend erscheint? „Das bringt mir nichts“ klingt zwar abgeklärt, doch spricht daraus meist Unwille, mehr als nur einen flüchtigen Abstecher in Glaubensfragen zu unternehmen: Zu vieles fällt da aus dem Gewohnten, zu vieles hat man von denen gehört, die auch schon lange nicht mehr auf dem Weg des Glaubens unterwegs waren. Zu wenig befestigt, offenes Gelände, zu viele Verzweigungen, und obendrein oft missverständlich beschildert!
Auch ich habe mich schon mehr als einmal verlaufen – aber das zwingt mich ja nicht zum Stillstand! Und so würde ich mich freuen, wenn auch Sie Lust darauf bekommen, den Blick einmal wieder in die Weite zu richten: Der belebende Zauber eines Aufbruchs, Wege, die zu beschreiten uns verändert, Ziele, die uns die Welt neu sehen lassen – das alles erwartet Sie, und die Frage nach dem „Warum“ wird eine Antwort finden!
Eine gute Reise wünscht Ihnen
Prädikant Christian Weyer
(Andacht zum Orgelsommer 2026 in der Johanniskirche Plauen/V.)