Engelsrufer

Wie erzählen wir von der Weihnachtsgeschichte? In unseren Köpfen und Herzen sind die Ereignisse von vor 2000 Jahren ja untrennbar verbunden mit den Beschreibungen aus dem Lukasevangelium, mit dem Stern, den Hirten und dem Stall von Bethlehem: Und jedes Jahr wird vor allem in den Krippenspielen versucht, die Botschaft dahinter neu zu vermitteln, indem besondere Figuren, weitere Erzählstränge oder Zusammenhänge hinzugefügt werden.

Das ist keine leichte Übung, fördert aber oft das bessere Verständnis. Ich denke an so einige originelle, teils (freiwillig oder unfreiwillig) erheiternde Aufführungen. Auch beklemmende Stille habe ich schon erlebt bei Krippenspielen, die besonders zu Herzen gingen. So oder so: Wenn wir die Botschaft von Weihnachten richtig lebendig werden lassen, dann lässt das
kaum einen unberührt.

Im Evangelium nach Lukas wird diese Botschaft besonders bildhaft und einladend. Matthäus, wie wir eben als Lesung gehört haben, beschäftigt sich mehr mit dem Argwohn Josephs beim heiklen Thema Jungfrauengeburt und hält sich mit weiteren Beschreibungen eher zurück. Bei Markus und Johannes schließlich finden wir gar keine großartige Geburtserzählung, ebensowenig wie bei Paulus oder dem unbekannten Verfasser des Hebräerbriefes.

Er macht etwas anderes, was aber auch typisch für Weihnachten ist: Er singt ein Lied, einen Hymnus. Rhythmus und Takt der Worte gingen bei der Übersetzung zwar verloren, aber die Bilder blieben erhalten: Er knüpft an die alten Zeiten, die getragen waren von den Verheissungen der Propheten, er kopiert auch den aufzählenden Sprachstil von Jesaja, wenn es dort
heißt: „Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter, und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, auf dass seine Herrschaft groß werde…“

Die Krippe im armseligen Stall, der Stern in dunkler Nacht, die ganze prekäre Lage – hier wird sie gleichsam gespiegelt, hier wird deutlich, wofür das alles „eigentlich“ steht: Es geht nicht um eine sozialromantische Idylle, sondern um eine große Offenbarung, die alles übersteigt und alle, eben auch die im hintersten Winkel der Welt betrifft. In ihr erfüllt sich, was unsere
Väter zu glauben gewagt haben, denn mit dem neugeborenen Kind bricht eine neue Zeit an.

Eigentlich, so sagt dieser Text, braucht es jetzt keine Propheten mehr, ebenso wenig wie Engel. Und in der Tat: Nach der Verkündigung an Elisabeth und Zacharias und an Maria und Joseph haben sie nach jenem großen finalen „Fürchtet Euch nicht!“ an Heiligabend kaum noch etwas zu melden, sie begegnen nur noch selten im Neuen Testament. „Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“ heißt es in einem bekannten Weihnachtslied: Die Cherubim, die Wächterengel mit dem Schwert wurden abgezogen, der Himmel steht offen.

Und wir, hier auf der Erde? Ich wünsche mir so manches Mal, dass wieder ein Engel zu uns kommt – und sei es nur, um das „Fürchte dich nicht!“ noch einmal zu wiederholen. Es kann gar nicht oft genug gesagt werden! Manch einer wünscht sich auch, dass Gott wieder öfter zu uns redet – Machtworte spricht, zurechtweist, klare Ansagen macht, v.a. den anderen…

Es bleibt ein schmerzliches Geheimnis, warum auch nach jener Nacht in Bethlehem, in der Gottes Liebe zu uns Menschen mit Händen greifbar wurde, warum da Leid und Not immer noch existieren. Warum Menschen am Leben zerbrechen, stumpf werden für diese Welt oder einander die Hölle auf Erden bereiten. Wie kann Gottes Botschaft da lebendig werden?

Wer das besondere Vergnügen hat, ein Kind großzuziehen, der kennt vielleicht – hoffentlich! ähnliche Fragen: Wie rede ich, damit mein Kind hört und etwas annimmt von meinem Rat? Wie höre ich, damit mein Kind redet und das äußert, was es auf dem Herzen hat? Worte, die nicht Eingang finden in die eigene Lebenswahrnehmung, die werden auch beim besten Willen nicht verstanden und darum auch kaum Früchte tragen. Genau so die Botschaft der Weihnacht, die Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in Jesus Christus – auch sie bleibt unerhört und fremd, wenn sie nicht in mir lebendig wird!

Dieses Jahr müssen wir auf die gewohnten Krippenspiele verzichten. Wir können nicht wie sonst die wohlvertrauten Weihnachtslieder schmettern, und das herzliche Miteinander nur im kleinen Kreis genießen. Wie erzählen wir da von der Weihnachtsgeschichte? In Krippen spielen wird versucht, die Botschaft neu zu vermitteln, indem besondere Figuren, weitere
Erzählstränge oder Zusammenhänge hinzugefügt werden. Ich glaube, die „stille Nacht“ in diesem so speziellen Jahr kann uns auf ihre ganz eigene Weise Anstoß sein, über das Gewohnte hinaus Weihnachten neu zu erfassen und uns auf Gottes Geheimnis einzulassen.

Liebe Gemeinde, wir sind nicht immer „Weihnachts-Christen“: Manchmal sind wir einfach auch nur Hoffende und Betende, wie unsere Väter, und lauschen dankbar alten Liedern und Propheten. Manchmal sind wir es: Das Volk, das im Dunkeln wandert, und müssen das Licht suchen. Manchmal sind wir das Kind und müssen wieder lernen, Gottes Wort anzunehmen.

„Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt“, heißt es in einem Adventslied von Jochen Klepper: Das beschreibt gut, was das Lukasevangelium mit seinen heimeligen Bildern ausdrücken und was uns der Hebräerbrief mit seiner Rede von Glanz und Herrlichkeit sagen möchte.

Die Botschaft von Heiligabend ist auch im „Corona-Jahr 2020“ nicht blasser als sonst, auch in diesen Tagen erdet sie Gottes Wirklichkeit in dieser Welt, und ein für allemal lässt sich nichts Größeres denken als was damals, vor 2000 Jahren, in Bethlehem geschah:

Ein wenig mag die Würze und Süße fehlen, hier und da. Mancher Schrecken ist uns unangenehm nahe gekommen, und von unserer Endlichkeit mögen wir an diesen Tagen eigentlich nichts hören. Aber wenn doch, lassen wir uns wie die Hirten von den Engeln leiten, und deren letztes Wort als die große Überschrift von Weihnachten auch uns gesagt sein: „Fürchtet euch nicht, denn siehe, euch ist heute der Heiland geboren!“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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