Distanzlos

Wenn Menschen jubeln, dann ist das ein ganz besonderer Ausdruck von Freude. Wer jubelt, der ist „hin und weg“, der ist überwältigt. Der Jubel kennt keine Grübeleien und vergisst alle vornehme Distanz. Im Jubel macht sich die Seele so richtig Luft, da entfalten sich ungehemmt Lebensfreude und Begeisterung.

Dieser Sonntag trägt die Bezeichnung „Jubilate“. In den Sonntagen nach Ostern wird gleichsam das Ostergeschehen noch einmal in seinen verschiedenen Aspekten beleuchtet, werden einzelne Elemente noch einmal jeweils für sich thematisiert. Und so sind wir denn heute von „Quasimodogeniti“, den neugeborenen Kindern, über „Miserikordias Domini“, der herzlichen Güte Gottes, angelangt bei „Jubilate“, der Wiedereinstimmung in die Osterfreude und den Jubel über Gottes Wunder.

Jubilate, damit beginnt auch unser heutiger Wochenpsalm: Jauchzt Gott, alle Lande! Dieser Psalm besingt Gottes Wunder in vielfältiger Form: Er erinnert an die Befreiung Israels aus Ägypten, gleichsam als Grundschema der befreienden Begegnung mit Gott. Er verweist darauf, wie Gott uns vor mancherlei Versuchungen bewahrt hat, und wie wir dank seiner Hilfe Krisen unseres Alltags und Grenzen überwunden haben. Grund zum Jubel ist das allemal.

Beim Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth wird diese Jubelstimmung aber nicht so richtig deutlich. Es weht ein leicht melancholischer Zug durch seine Zeilen, wenn er von Müdigkeit und von Trübsal spricht. Er bleibt bei diesen Punkten zwar nicht stehen, sondern setzt ihnen positive Kontrapunkte entgegen – aber der Jubel klingt irgendwie gedämpft, nicht unähnlich dem verhaltenen österlichen Jubel in vielen unserer Gemeinden heute.

Jubel muss doch einhergehen mit Triumphgefühl, mit Siegerlaune! Unsere Gesellschaft liebt Sieger, liebt Menschen, die sichtbar hervorstechen, unübersehbar Großes leisten, und die dadurch Faszination und Bewunderung auslösen. Solche Siegertypen reißen uns nämlich mit, sie überzeugen uns, solche Menschen sind glaubwürdig in ganz besonderer Weise. Und so ein Siegertyp war eigentlich auch der Apostel Paulus: Mit schier unermüdlicher Energie ist er jahrelang durch den gesamten Mittelmeerraum gezogen, war in Syrien, Kleinasien, Griechenland, in Rom – immer getrieben von seinen Missionsbemühungen und von der Sorge um seine Gemeinden. Denn so zahlreich die Gemeinden, so zahlreich waren auch seine Sorgen:

Da gab es grundlegende Fragen zu klären, etwa nach dem Tod und dem ewigen Leben. Da ging es um das Verhältnis von Starken und Schwachen in der Gemeinde, oder um die Frage, wie man sozialen Unterschieden begegnet. Kaum vorstellbar, was Paulus da an körperlicher und geistiger Kraft investiert, und was er dabei alles erreicht hat.

Kaum vorstellbar, dass hier derselbe Paulus zu uns spricht. Hier schreibt ein Mann, der nun offenbar in die Jahre gekommen, verwundbar und krank geworden ist. Sein Körper ist geschwächt, er ahnt, dass er bald den „Weg allen Fleisches“ gehen muss. Er gesteht sich und ganz offen auch seiner Gemeinde ein, dass ihm das Gefühl von Müdigkeit nicht fremd ist.

Auseinandersetzungen mit Menschen können ziemlich ermüdend sein. Auch Enttäuschungen machen müde. Vergebliches Bemühen macht müde. Das Verdrängen von Schuld macht müde. Das Erkennen von Schuld macht müde. Zu langes Predigen macht müde. Da will sich wohl bei niemandem ein Lied einstellen, schon gar kein jauchzender Lobgesang – da heißt es wohl besser nur „Augen zu und durch“. Doch mit welcher Kraft, und mit welchem Ziel?

Paulus ist kein Schönredner. Er will nicht die Abgründe des menschlichen Daseins zudecken mit lautem Jubel, um damit die Verzweiflungsrufe angesichts bedrückender Lebensfragen zu übertönen. Paulus spürt neben der zunehmenden Müdigkeit aber auch etwas anderes. Er spürt in sich auch eine Kraft, die offenbar nicht von ihm selber ausgeht. Eine Kraft, die ihn ausfüllt, und die ganz anders ist als das, was sein Körper, was sein Äußeres zu erkennen gibt.

„Darum“, so schreibt er, „darum werden wir nicht müde: Sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert.“ Was soll das heißen – Innen und Außen, Körper und Geist? Wie sollen wir das verstehen mit dem sichtbaren Verfall und der unsichtbaren Herrlichkeit?

Tatsächlich trifft man nicht selten auf alte Menschen, die sich trotz schwerer körperlicher Gebrechen ein unbekümmertes Herz, eine Leichtigkeit und einen Frohsinn bewahrt haben, der Jüngere mitunter neidisch machen kann. Aber genauso haben Sie sicher auch schon die Erfahrung machen dürfen, wie schnell unsere seelische Stabilität aus dem Gleichgewicht gerät schon beim einfachsten Zahnweh. Und wer umgekehrt seelisch hungert und dürstet, wer sich z.B. vergeblich nach Liebe und Anerkennung sehnt, der wird nicht selten irgendwann auch körperlich krank.

So hat auch Jesus die Menschen immer als Ganzes im Blick: Er hat Blinde und Lahme ebenso geheilt wie Zweifler und Sünder. Innerer und äußerer Mensch, das hat nichts zu tun etwa mit einer Unterscheidung von organischen und geistigen Dimensionen. Der innere Mensch, das ist der Mensch in Bezug auf die andere, auf die unsichtbare Dimension des Lebens, die er mit dem Herzen sieht, die er nicht in seiner eigenen Gewalt hat.

Der innere Mensch, das ist der Mensch, der als kranker, als müder, als sündiger Mensch nicht mehr nur für sich und seine absehbare Endlichkeit steht, sondern sich begreifen kann als ein Kind Gottes. Bei den Einkehrtagen der Johanniter in Kohren-Sahlis, wo wir uns mit dem Thema Freiheit und Knechtschaft beschäftigten, kam dieser innere Mensch ebenfalls und in ganz ähnlicher Weise zur Sprache:

Wie nehmen wir uns wahr, wenn wir auf uns selber blicken? Und wie nehmen wir uns wahr, wenn wir uns als Kinder Gottes begreifen dürfen, wenn wir merken, dass die Botschaft von Kreuz und Auferstehung uns tatsächlich nicht etwa zu besseren, sondern wirklich und wahrhaftig zu gänzlich neuen Menschen macht:

Dort, wo wir Gott in uns als eine Kraft bemerken, die uns trägt, weiterträgt, erfahren wir eine ganz neue Qualität von Freiheit und eben auch eine ganz neue Form der Lebensperspektive. „Siehe, Neues ist geworden“ – jetzt und hier, mitten in dem mitunter ermüdenden Getriebe der Welt. Darum können Erschöpfung, Verfall und Resignation bei all ihrer schmerzlichen Realität am Ende auch nicht Gewalt über uns bekommen:

„Sondern wenn auch unser äußerer Mensch verfällt, so wird doch der innere Mensch von Tag zu Tag erneuert“ – z.B. als Sünder, der mit seiner Schuld nicht fertig wird, sich aber vor Gott gerechtfertigt weiß und darum mit neuer Kraft nach vorne schauen kann. Der innere Mensch, dieser „Schatz in irdenen Gefäßen“, er kann und darf auf Gott vertrauen, der ihn geschaffen hat, der ihm Vergebung zuspricht und der ihm die Ewigkeit im Glauben schenkt.

Allemal ein Grund zum Jubeln. Allemal ein Grund, „hin und weg“ und überwältigt zu sein. Der Jubel kennt keine Grübeleien und vergisst alle vornehme Distanz. Im Jubel, da entfalten sich ungehemmt Lebensfreude und Begeisterung, da schreiten wir über unsere Grenzen hinweg.

Wir feiern Jubilate, und darum schließe ich auch mit den letzten Worten des Wochenpsalms: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft, noch seine Güte von mir wendet.“