Bilder haben eine große Macht: Wenn uns etwas Besonderes vor Augen steht, sehen wir genauer hin – und wenn uns dieses Bild etwas zu sagen hat, Bedeutung für uns erlangt, dann wird es meist auch im Gedächtnis abgespeichert, geht manchmal sogar zu Herzen.
„Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen“, so steht es am Anfang der 10 Gebote – und doch ist die Bibel selbst reich an vielerlei anschaulichen Bildern. Um zu begreifen, eine zumindest ungefähre Vorstellung zu bekommen, die sich im Leben auch praktisch anwenden lässt, brauchen wir Menschen Bilder – und müssen uns nur bewusst sein, dass diese natürlich nur kleine Ausschnitte eines größeren Ganzen sind, dass da ein Geheimnis bleibt und die Wahrheit immer über das Bild hinausgeht!
Im Alten Testament wird Gott beschrieben als Naturgewalt, als Herr der Heerscharen oder Richter. Im Neuen Testament tritt uns Jesus entgegen und wählt selbst Bilder und Begriffe, die seine Bedeutung verstehen helfen: Ich bin das Brot des Lebens, bin der Weinstock, die Auferstehung und das Leben und eben der wohlvertraute „gute Hirte“:
Bilder helfen, zu verstehen und gedanklich weiterzukommen, zugleich vermögen sie auch Brücken zu bauen, Gemeinsamkeiten zu schaffen über Generationen und Jahrhunderte hinweg. „Der Herr ist mein Hirte“, jene Worte aus dem eingangs gehörten Psalm 23 sind wie das Vaterunser unverzichtbare Kernstücke des christlichen Glaubens:
Sie stehen als Leitwort über so mancher Taufe, begleiten als Konfirmationsspruch junge Menschen mitunter über deren Kirchenzugehörigkeit hinaus. In höchster Not treten sie an die Stelle, wo sonst Sprachlosigkeit droht, verbinden Sterbende und Trauernde in der Stunde des Abschieds. Es sind Worte, die vom Leben erzählen: Von Höhen und Tiefen, Durststrecken und Dunkelheiten. Wer kennt das nicht!
Doch die Tonart ist eine andere als die, in der Menschen heute wie sicher auch früher schon ihre Sicht der Dinge äußern: Nicht Wut und Empörung, Selbstmitleid und Resignationen sind hier bestimmend, sondern das Bewusstsein, dass Gott bei allem, was mir begegnet und mir widerfährt, bei mir ist, ein Auge auf mich hat und mich dorthin führt, wo Trost erwächst, wo grenzenlose Fülle wohnt und wo das Leben blüht.
Der Hirte hier im Bild hat keine Gewalt über das Wetter. Er kann auch die Wölfe nicht alle verjagen, das Gras nicht grüner und den Futterneid untereinander nicht geringer machen. Aber er kann durch all das hindurchführen, dranbleiben und weiß, wo es lang geht. Verlässlichkeit, Begleitung und Schutz – das ist es, was einen guten Hirten auszeichnet und ihn für seine Schafe wertvoll macht.
Er stellt sicher, dass auch dem stursten Bock in der Herde Grenzen gezogen werden und selbst bei Sturm und Dunkelheit der Weg in den Heimatstall gefunden wird. Doch so eindrücklich dieses Bild vom guten Hirten jedoch ist, so schwer tun wir uns mit den gleichermaßen sprichwörtlich gewordenen „Schäfchen“. Gänse, Esel, Ochsen, eitle Pfauen – in diese Menagerie könnte auch ich mich sofort einordnen, während Schafe doch allzu beschränkt und selbstgenügsam scheinen!
Vielleicht fallen Ihnen ja noch einige passende Exemplare aus der Tierwelt ein, oder wir erinnern uns, wie manche Hirten, lateinisch „pastores“ ihr Leitungsamt missbraucht und Gott und die Kirche in Misskredit gebracht haben. Die die ihnen anvertrauten Schafe ins dunkle Tal getrieben und dort allein gelassen oder den Wölfen zum Fraß vorgeworfen haben.
Auch von solchen schlechten, wie unbeteiligt handelnden, gegenüber dem Schicksal der Schafe gleichgültigen Hirten spricht Jesus hier, als hätte er es bereits geahnt: Als wäre diese unselige Fortsetzung des Sündenfalls bis in unsere Tage zu erwarten gewesen.
„Bin ich meines Bruders Hüter?“ Es ist bezeichnend, wie Kain sich mit diesen Worten aus der Affäre ziehen will, nachdem er seinen Bruder Abel erschlagen hat. Er sieht sich nicht im Hirtenamt, nicht in der Verantwortung gegenüber seinem Nächsten. Kain reagiert auf Gottes Rede mit einer rhetorischen Gegenfrage, auf die er keine Antwort erwartet.
Die Klugheit der Welt spricht aus ihm, wie sie auch in unseren Tagen vielfach zu hören ist: Bin ich etwa zuständig für den Hunger in der Welt, für meine Schwestern und Brüder, die unter Krieg, Vertreibung und Ausbeutung leiden?
Müssen wir uns als Eltern denn um alles kümmern, macht das nicht die Schule, das Jugendamt, der Staat? Kann mein Kollege nicht selber mit den Aufgaben klar kommen, ohne dass ich ihm alles zeige? Und besonders Schlaue schreiben dann noch das große Wort „Freiheit“ auf solche Todesurteile…
Auch eher zurückhaltende Kirchgänger dürften spätestens im weihnachtlichen Krippenspiel bemerkt haben, dass das Hirtenamt kein besonders angenehmer Beruf ist – schon gar nicht zur Zeit Jesu: Bei Wind und Wetter, Tag und Nacht draußen bei den Schafen zu sein, das lässt nicht viel Raum für Wohlstand und Freizeit. Schafe sind zudem keineswegs so genügsam und einfältig, wie man gemeinhin glaubt:
Sie können sich nach neuesten Studien über 50 Gesichter ihrer Artgenossen über Jahre hinweg merken – mit Konflikten in der Herde ist daher ebenso zu rechnen wie mit Wölfen und Dieben, die sich bedienen wollen und dabei nicht locker lassen. Viel erwarten darf man nicht in diesem Job: Weder viel Geld noch große Anerkennung, wohl aber viel zu tun und schmutzige Hände.
Gott und seine Kinder, der Hirte und seine Schafe: Das Bild ist tatsächlich stimmig, auch bei näherer Betrachtung: Er zieht sich nicht aus der Verantwortung, auch wenn ihm manche Menschen alles Elend der Welt in die Schuhe schieben wollen. Das ist ja auch so ungeheuer bequem und entlastend!
Nein, Gott nimmt die Welt und ihre Bedrohungen ernst, und geht in Jesus über alles Maß hinaus – er lässt sein Leben für die Schafe. Die Wölfe, die Diebe, die Kälte und Dunkelheit – er stellt sich ihnen entgegen, schützend vor seine Schafe. Nur über seine Leiche – das ist hier bei ihm kein leeres Wort!
Und noch etwas fällt auf: Der gute Hirte blickt über seine kleine Herde hinaus, sieht jedes verlorene Schaf und all die anderen Schafe – und geht Ihnen nach, als hätte er nicht schon genug mit uns zu tun! „Es wird eine Herde und ein Hirte werden“ – das ist in der Tat ein paradiesisches Bild in einer Zeit, da Meinungen unversöhnlich aufeinanderprallen, wo wieder Abgrenzung und Isolation gesucht werden, Stallgeruch wichtiger ist als Wissen und Wert.
Die „Mietlinge“ werden es nicht retten, so gut oder weniger gut sie ihre Arbeit als Hirten auch tun. Und von alleine werden wir Schafe kaum zueinander finden: Da braucht es Vertrauen in den einen Hirten und in dessen Macht und Liebe. In ihm sehen wir das Angesicht Gottes, er bringt uns den Frieden, er weiß den Weg auch dort, wo er uns verborgen ist.
Ihm dürfen wir nachfolgen und wissen: Das ist gut für mich, für uns und für die ganze Schöpfung. Durch ihn haben wir Freiheit und Leben.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft…