„Das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind“, lässt Goethe seinen Doktor Faust sagen – nicht ohne spöttischen Unterton: Der alte Geheimrat hatte es bekanntlich nicht so mit der Frömmigkeit seiner Zeit und pflegte daher eine spitze Zunge.
Aber auch ich tue mich schwer damit, Ereignisse im Leben vorschnell als „Wunder“ hinzustellen, wo mir vielleicht bloß das nötige Hintergrundwissen fehlt, um Geschehnisse besser, nüchterner zu verstehen. Ich möchte vermeiden, gleich aufgeregt mit dem Finger auf Gott zu zeigen, wo vielleicht doch nur der Zufall oder jemand anders die Finger im Spiel hatte. Und ich kann es gut verstehen, wenn das Volk Israel wie auch jene Menschen, die Jesus damals schon nachfolgten, mit ihrer Glaubenshoffnung bedacht und sparsam umgegangen sind.
Bei Matthäus freilich begegnet uns eine reiche Sammlung an Wundererzählungen, die gleich nach der Bergpredigt vor allem von Heilungen ganz unterschiedlicher Gebrechen berichten: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige gesunden, Stumme können wieder sprechen. Sogar Tote werden auferweckt, so lesen wir, ein Mädchen und die Schwiegermutter des Petrus.
Die Jünger und das Volk Israel, sie machen bei all dem meist eine ziemlich schlechte Figur: In ihnen zeigen sich Kleinglaube, Zweifel und Angst in einem Maße, wie es sie angesichts von Gottes Handeln durch Jesus doch eigentlich nicht mehr geben dürfte!
Und dann kommen quasi als Gegenbeispiel zu diesen „Insidern“ die von außen: Der Zöllner, die Ehebrecherin, der Samariter wie auch der römische Hauptmann – sie, die am wenigsten in den Traditionen stehen, die kaum etwas gehört hatten von der guten Nachricht, ausgerechnet sie werden hier zu Vorbildern und zeigen uns, wie es richtig geht!
„Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden“ spricht Jesus zu den seinen, hier und so ähnlich auch an anderen Stellen. Wie beschämend! Und es überzeugt mich nicht, wenn manche Christen meinen, solchem Verhalten nun platterdings nacheifern zu müssen, alles Zögern und Zweifeln bei sich selbst wie auch bei Mitmenschen ignorieren zu dürfen:
Ich denke, wir sollten auch oder gerade in Glaubensfragen sensibel bleiben und aufpassen, auf unserem Weg nicht zu viele Scherben zu hinterlassen. Ignorant und überheblich wird schon genug herumgetrampelt auf der Menschheit, das haben wir in den letzten Jahren in den USA und anderen Ländern, in Politik und Gesellschaft beobachten dürfen, das erleben manche bis in den Familien- und Kollegenkreis: Da braucht es nicht noch Christen, die auf Gedeih und Verderb ihre vermeintliche Glaubensstärke demonstrieren wollen.
Der Zöllner, die Ehebrecherin, der Hauptmann – sie alle sind Glaubenszeugen, zweifellos, aber auf eine andere Art: Sie zeigen uns, wie der Glaube geweckt werden kann, lebendig und lebensrettend sein kann auch außerhalb religiöser Beheimatung und Traditionen. Sie sind ja jeder für sich so verschieden, dass eine direkte Vorbildfunktion gar nicht in Frage kommt:
Aber in ihrer jeweiligen Sonderstellung machen sie deutlich, wie jeder einzelne von uns mit seinem Anderssein und seiner persönlichen Biographie sich nicht vor Gott verstecken muss. Sie haben jeder für sich erkannt, dass Gott nicht Halt macht an den Grenzen von Nationen, Konfessionen, Kirchenkreisen oder gesellschaftlichen Milieus. Er lässt sich auch nicht daran binden, und ja, wir müssen es aushalten, wenn Menschen andere Wege und andere Formen finden, ihren Glauben auszudrücken. „Glaubensgeschwister“ – dieser Begriff drückt es ganz gut aus: Denn Geschwister sucht man sich nicht aus, man muss mit ihnen leben lernen!
Der römische Hauptmann unseres Predigttextes ist dabei nochmal eine Größe für sich: Dass die Kranken, Armen und Ehrlosen ihre Hoffnung auf Gott werfen, überrascht wenig, denn was haben sie schon zu verlieren? Beim Hauptmann jedoch stehen die Dinge anders, er ist schon „wer“, er genießt Ansehen, Macht und Wohlstand. Drei Dinge fallen mir bei ihm auf:
Zum Einen bittet er nicht für sich, sondern für seinen Knecht, den eine Lähmung und große Qualen befallen haben. In der damaligen Zeit galt ein Menschenleben nicht viel: Wir dürfen annehmen, dass sich der Hauptmann leicht einen neuen Knecht hätte nehmen können. Warum also dieser Aufwand, woher diese Sorge um so einen einfachen Menschen?
Nächstenliebe als göttliches Gebot war dem heidnischen Hauptmann ebenso unbekannt wie humanistische Ideale. Aber er sah sich offenbar in einer Fürsorgepflicht, und ordnete ihr alle Eitelkeiten und Berührungsängste unter: Wenn es eine Chance gibt, dann ist sie auch zu ergreifen!
Dabei verlangt er zweitens nicht nach Erklärungen und Beweisen. Vermutlich hätte er auch wenig anfangen können mit den Prophetenworten des Alten Testaments. Er weiß nur, dass es einem jüdischen Rabbi nicht gestattet ist, das Haus eines Unreinen – und damit auch sein Haus – zu betreten. Er respektiert das, er will nicht, dass Jesus in Konflikt gerät mit den Geboten seiner Gemeinschaft. Er spielt folglich auch nicht die Karte des großen Hauptmanns, der Jesus zwingen könnte – er achtet ihn, und steht so dem Wunder nicht im Weg.
Und drittens weiß er als Hauptmann natürlich, was eine Befehlskette ist: Es genügt, wenn eine „Ansage von oben“ kommt; sie wird ihren Empfänger unverfälscht und ungemindert in ihrer Bedeutung erreichen. Uns sträuben sich historisch bedingt ein wenig die Nackenhaare bei so einem „Befehl ist Befehl“ – doch ist das im guten, ursprünglichen Sinne ja auch ein Vertrauensbeweis, und zwar in beide Richtungen: Der Kommandant vertraut dem Soldaten, und der vertraut ihm.
Der eine kann sich auf den anderen verlassen, zumindest sollte es so sein und nicht einseitig missbraucht werden. So teilt man Macht, so findet sie wirksame Verbreitung, so gelangt man schnell ans Ziel. Wer seinem Herrn vertraut, der traut ihm etwas zu – und traut sich selber darum, auch mal ungewohnte, unsicher erscheinende Wege zu beschreiten.
Ich betone dass, weil das Wunder „des Glaubens liebstes Kind“ sein mag, das Vertrauen jedoch seine wichtigste Grundlage bildet. Wer vertraut, der löst sich auch von allzu festen Bindungen, der klammert nicht und bleibt nicht nur bei sich selbst. Ohne Vertrauen können Kinder sich nur schwer entwickeln und weiterkommen. Solches Vertrauen ist ein Geschenk, dem einiges vorausgeht: Um jemand wirklich zu vertrauen, muss ich sehen, hören, im Herzen spüren, ob es ihm ernst ist mit seinem Anliegen und mit mir als Person.
Manchmal reicht schon ein dummes Missverständnis, um Vertrauen zu zerstören: Es dauert lange und braucht viel, bis es wieder wachsen kann. Aber wenn wir Vertrauen haben, dann können wir vieles verbinden und überwinden, dann können wir hinwegsehen und hinweggehen über unwichtige Kleinigkeiten, ja können sogar schwierigste Situationen überbrücken und Halt finden in einem Gegenüber.
Insofern ist der Hauptmann von Kapernaum doch ein Vorbild: Er gibt seinen kranken Knecht nicht einfach auf, sondern nimmt ungewöhnlich viel auf sich, um ihm zu helfen. Er rechtfertigt das Vertrauen, das in ihn gesetzt wurde. Und zugleich schenkt er dem Vertrauen, von dem es heißt, er könne gesund machen – könne heilen, was zerrissen ist, und aufrichten, was am Boden liegt.
Solches Vertrauen sehen wir nicht immer und überall. Natürlich nicht! Wer wüsste nicht zu erzählen von Enttäuschungen oder Kränkungen, die uns wachsam und vorsichtig gemacht haben, völlig verständlich, völlig zurecht. Wir brauchen verlässlichen Halt im Leben, um nicht umhergewirbelt zu werden und uns womöglich zu verlieren. Wir brauchen feste Standpunkte, brauchen Heimat und Sicherheit auch für unseren Glauben.
Doch nicht wir sind es, die ihn erfunden haben. Auch können wir ihn nicht schützen, wenn unsere Welt ins Wanken gerät. Wir brauchen Gemeinschaft als Glaubende, und vor allem Gemeinschaft mit Gott, der immer wieder seinen Bund mit uns erneuert, damit wir nicht allein auf uns gewiesen sind. „Wir sind verlorener, als wir zugeben wollen, und tiefer erlöst, als wir zu hoffen wagen“, so beschreibt es der Theologe Sören Kierkegaard.
Manchmal sind es gerade die Außenstehenden, die uns dafür die Augen öffnen. Auch sie, diese merkwürdigsten unter den Engeln, sind ein Geschenk Gottes an uns. Halten wir die Kirche, halten wir unsere Herzen offen für sein Wort, das uns durch sie zuteil wird, so wird unsere Seele gesund!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.