Am Übergang

Was gefällt Ihnen am meisten am Sommer? Ist es die herrliche Freiheit, die Natur genießen zu können bei (überwiegend) schönem Wetter? Ist es die wohltuende Entspannung, auf der Terrasse, auf dem Balkon oder am Strand zu liegen? Oder ist es einfach der Abstand von Arbeit und Alltag, der wieder durchatmen lässt und den Blick weitet für Anderes, für neue Eindrücke?

Es mag an meinen pommerschen Wurzeln liegen, dass ich nur schlecht zum Sonnenanbeter tauge: Blass oder mit Sonnenbrand, anders werden Sie mich nach dem Urlaub kaum erleben! Darum mag ich vor allem die milden Abende im Sommer: Wenn wie um diese Zeit das grelle Licht des Tages abnimmt und sich andere, wärmere Farben über alles legen. Wenn es ringsum stiller wird und nur noch vereinzelte Geräusche wahrzunehmen sind, dieser Übergang in die Nacht hat für mich seinen ganz eigenen Zauber.

Solche Zeiten des Übergangs haben ihren eigenen Reiz, ihren ganz eigenen Charakter: Die Grenzen verschwimmen im Dämmerlicht – mehr und mehr entzieht sich dem Blick, anderes wird allmählich sichtbar, tritt hervor wie die Sterne am Nachthimmel. Zeiten des Übergangs kennen wir auch aus unserem Leben: Wenn wir an einen neuen Ort ziehen, die Arbeitsstelle wechseln, Abschied nehmen müssen oder einen Neubeginn wagen.

Wie mag das für die Jünger des Johannes gewesen sein? Es ist ein ziemlich bemerkenswertes Zusammentreffen, das unser Predigttext schildert: Paulus ist unterwegs auf seiner dritten Missionsreise, der noch viele weitere folgen werden. Aber jetzt steht er noch am Anfang: Sein Damaskus-Erlebnis, seine dramatische Gotteserfahrung, die alles anders werden ließ, sie liegt noch nicht lange zurück, und auch sein Amt als Apostel war erst vor kurzem offiziell bestätigt worden.

Anfänger im Glauben? Das war Paulus ganz sicher nicht, als hochgebildeter Pharisäer: Aber vom Verfolger der ersten Christen zum großen Missionar zu werden, das ist weit mehr als nur eine Frage der Zeit: Ich stelle mir vor, wie oft Paulus wohl an früher, an sein altes Leben gedacht haben muss. Wie schwierig es für ihn wohl war, immer wieder Sicherheit und Überzeugung auszustrahlen, wo doch längst nicht alle seine Zweifel und Fragen geklärt waren.

Und da sind ja auch noch die anderen: „Warst Du es nicht, der damals…?“ Nein, Menschen vergessen nicht so schnell – schon gar nicht, wenn es Verletzungen gab, wenn Erinnerungen mit der Erfahrung von Leid und Not, Angst und Gefahr verbunden sind. Das überwindet niemand so ohne weiteres!

Nun kreuzen sich zwei Wege, die hier auch für ganz besondere Lebenswege stehen: Paulus, der noch wachsen muss, innerlich für sich im Glauben, und nach außen hin für die, zu denen er unterwegs ist. Die Jünger des Johannes, die einen doppelten Karfreitag erlebt hatten: Die Hinrichtung ihres Lehrers, des Täufers, und die Kreuzigung Jesu – der Person, mit der doch alles anders, alles neu werden sollte.

Auf dieses Wort hin, auf diese Verheißung des Johannes waren sie einst getauft worden, mit dieser nun freilich stark erschütterten Hoffnung waren sie beieinandergeblieben und waren sie gemeinsam unterwegs – halb schon im Neuen, halb noch im Alten. Wie weiter?

Paulus und die Jünger des Johannes, sie gleichen sich in vieler Hinsicht: Wo kommt ihr her? Wie ist Gott in euer Leben getreten? Der Heilige Geist, der Paulus bei seiner Bekehrung in Damaskus buchstäblich vom Pferd gehauen hat und ihn die ersten Tage mit völliger Blindheit schlug, eben dieser Heilige Geist begegnet hier jedoch weit weniger aufsehenerregend:

Die Jünger des Johannes lassen sich die Botschaft des Paulus gesagt sein, lassen sich taufen auf die Taufe Jesu, und der Heilige Geist kam auf sie: Immerhin erleben sie ein kleines Pfingstfest, als auch sie „in Zungen zu reden begannen und weissagten“.

Paulus und die Jünger verbindet nun noch mehr, als sie wieder ihrer Wege und auseinandergehen. Sie alle haben etwas zurückgelassen von ihrem früheren Leben, sie alle sind einen Schritt weiter in ihrem neuen Leben, zu dem Gott sie berufen hat. Viele, sehr viele Schritte liegen noch vor ihnen – aber sie alle kennen die Richtung.

So eine Vorläufigkeit, die gefällt uns für gewöhnlich nicht: Denn das bleibt immer verbunden mit Veränderungen, mit Ungewissheit. Im Vorläufigen kann man nicht wohnen und keine Wurzeln schlagen, und gerade das ist es ja, was wir suchen: Gewissheit, festen Halt, sichere Heimat, inneren Frieden, Geborgenheit und Schutz vor allem vor dem langen Schatten der Vergänglichkeit. Das wünschen wir uns, das wünschen wir uns auch für unsere Lieben und letztlich für alle Menschen in dieser oft so geplagten Welt.

„Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ – dieser Satz von Johannes dem Täufer gilt mit Blick auf den Übergang vom alten zum neuen Bund Gottes mit uns Menschen, er gilt aber genauso auch für unseren Glauben hier und heute – für die Sicherheiten, nach denen wir streben, an die wir uns klammern, für die Ungewissheiten, die auf unserem Weg liegen, für die Verluste, die wir bei aller Hoffnung und Zuversicht dabei erleiden, und die wir wie allen Schmerz nicht kleinreden sollten.

Vom Glauben zu sprechen – das heißt, auf Jesus zu weisen: Darauf, wie sein Weg mit uns Menschen war, und darauf, wie er uns begegnet – wenn er im Gebet unser Herz anrührt, in dunkler Zeit ein Licht ins uns entzündet und uns wissen lässt, dass Gott auch im Dunkel wohnt und für uns aufgehen wird wie die Sonne nach langer Nacht.

Mittsommer – das ist nur ein zufälliges Datum, ein kalendarisches Kuriosum, das man feiern kann oder auch nicht. Der Ruf Gottes an uns auf unserem Weg, er kennt keine feste Zeit und keine feste Form. Er trifft uns an den Anfängen des Lebens, bei der Taufe ebenso wie an den Kreuzwegen des Lebens und an dessen Grenze. An den Abgründen wie an den Übergängen, die wir nicht überschauen und nicht überwinden können ohne Gottes Beistand.

Die Nächte werden wieder länger, ganz allmählich. Freuen wir uns der Sonne, die uns in diesen Tagen sicher noch viele Male lacht, und schrecken wir nicht zurück vor dem, was im Ungewissen liegt. Erinnern wir uns an das Licht, das dem Volk in tiefster Nacht erscheint und halten wir es mit dem Beter unseres Eingangspsalms:

„Das ist ein köstlich Ding, dem Herrn danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster: Des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen“.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus – Amen.

Benachrichtigungen aktivieren Okay, gerne! Nein danke!