Wie predigt man guten Menschen? Was kann man denen ans Herz legen, die bereits um den Wert und den Segen der christlichen Botschaft wissen? Was lässt sich noch sagen, ohne zu verfallen in ermüdende Wiederholungen des schon so oft Gehörten, Selbstverständlichen?
Paulus war ein begnadeter Prediger. Er nahm kein Blatt vor den Mund, wenn es darum ging, Schieflagen in den Gemeinden aufzuzeigen, Missbräuche anzuprangern oder auch Trost und Hoffnung zu spenden, wo Angst und Zweifel groß waren. Doch die Gemeinde in Thessaloniki, an die sich unser heutiger Predigttext richtet, scheint ihn in Verlegenheit zu bringen:
„Wie gesagt, ihr wisst ja schon, wie ihr ja schon tut“ – diese wiederkehrenden Wendungen sind wenig geeignet, die Aufmerksamkeit der Hörer zu fesseln (zumal es sich wohl durchweg um Männer handelte). In dieser Gemeinde ist offenbar alles im grünen Bereich, worüber also noch Worte verlieren?
Da heißt es immer, aller Anfang sei schwer, doch das stimmt nur zum Teil: Es ist ein Leichtes, jemandem Tipps und Ratschläge zu geben, der neu ist, der unerfahren ist und Hilfe braucht. Der neue Kollege, der sich auf Arbeit erst noch zurechtfinden muss. Der neue Nachbar, der sich im Ort noch nicht so auskennt.
Und auch in Glaubensdingen lächeln wir mitunter über den noch ungebremsten Elan, die Begeisterung und manchmal auch Naivität von Menschen, die neu zur Kirche gefunden haben. Wir wissen: Auch diese Menschen werden noch ihre Erfahrungen machen, werden reifen und „normaler“ werden.
„Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“, schrieb Hermann Hesse – das passt schon eher. Denken Sie doch mal selber an die Zeit, wo sie ihre besten Freunde oder Lebenspartner kennengelernt haben: Was war das aufregend! Wie haben wir uns bemüht, dem anderen ja alles recht zu machen, wie haben wir die Gemeinschaft genossen und gehofft, sie möge nie enden! Oder das erste Kind: Mit wie viel Seligkeit freuen sich junge Eltern und ihr ganzes Umfeld über das Neugeborene, wie viel Hingabe und Aufmerksamkeit schenken sie ihm!
Ein solches Übermaß freilich lässt sich auf Dauer nicht durchhalten. Bereits die äußeren Umstände, die alltäglichen Verpflichtungen zwingen uns früher oder später, zur Normalität zurückzukehren. Schade – aber es geht ja auch darum, das Neue mit dem Gewohnten in Einklang zu bringen, es in den Alltag einzufügen und mit auf dem Weg durchs Leben zu nehmen.
Da bleibt dann naturgemäß einiges auf der Strecke: Nicht jede Woche überrascht der junge Ehemann seine Frau mit einem Blumenstrauß, die Flitterwochen sind vorbei. Das kleine Kind löst nicht mehr nur helles Entzücken aus, vielmehr werden Kraft und Geduld immer öfter auf die Probe gestellt. Der erste Zauber verfliegt mit der Zeit und weicht einer lauen Routine. So ist das halt: Kein Wunder, wenn es uns Christen mit unserem Glauben oft ähnlich ergeht.
Freunde, Ehe- und Lebenspartner bleiben sich gleichwohl herzlich zugetan, das Kind bleibt trotz aller Mühen natürlich weiterhin Stolz und Freude der Eltern, wie auch der christliche Glaube Bestand hat, gelebt und gepflegt wird – nur eben ein wenig zurückhaltender, gleichsam „energiesparender“, denn wir müssen mit unseren begrenzten Kräften haushalten.
Das ist die unausweichliche, meist viel größere Herausforderung, die es zu bewältigen gilt: Aus der Euphorie des Anfangs eine Beständigkeit, eine Verlässlichkeit zu entwickeln und dann auch in schweren Zeiten durchzuhalten. „Treue“ ist hierfür ein passendes Wort. Sind gute Menschen, also Menschen, die um Wert und Segen der christlichen Botschaft wissen, die ihre Mitmenschen im Blick behalten und sozialen Pflichten nachkommen, sind solche Menschen immer treu?
Der Reiz des Neuen, ist der nicht manchmal stärker? Man muss ja nicht gleich alles über Bord werfen, wenn man sich mal eine Abwechslung gönnen will – so hört man in der Werbung, wenn Vermittlungsagenturen augenzwinkernd zum „diskreten Seitensprung“ einladen. Man muss auch mal an sich denken, die Kinder kommen schon klar – und lassen sich ja auch wunderbar mit Fernsehen und Videospielen ruhigstellen. Und zum Gottesdienst, na klar, ab und an geht man schon noch hin, ein gewisses Verbundenheitsgefühl ist ja schließlich vorhanden, das ist schon eine gute Sache, man ist ja wer: Aber wir wollen es nicht übertreiben!
„Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist gibt.“ Gute Menschen fallen nicht in Ungnade, nur weil sie mal gestolpert sind. Gute Menschen sind sich sogar meist bewusst, dass sie nicht perfekt sind, und Christen wissen, dass sie auch als ruhig lebende, abgesicherte Erfolgsmenschen zeitlebens angewiesen bleiben auf Gnade und Vergebung von Gott und ihren Mitmenschen. Selbstanmaßung und Perfektionswahn sind keine christlichen Tugenden und finden sich gottlob nur selten in unseren Reihen. Aber reicht das?
Theodor Fontane hatte einen scharfen Blick für die kleinen Tricks, mit denen wir Menschen uns die Dinge gern zurechtlegen: „Man wird nicht besser mit den Jahren“, schreibt er. „wie sollt es auch! Man wird bequem und bringt, um sich die Reu‘ zu sparen, die Fehler all in ein System. Das gibt dann eine glatte Fläche – man gleitet ungehindert fort, und allgemeine Menschenschwäche wird unser Trost- und Losungswort. Die Fragen alle sind erledigt. Das eine geht, das andre nicht: Nur manchmal eine stumme Predigt hält uns der Kinder Angesicht.“
Es ist einfach zu billig, den Begriff „Unreinheit“ immer nur mit sexuellen Dingen oder den Begriff „Sünde“ mit juristischen Verfehlungen in Verbindung zu bringen. Der dunkle Fleck auf der Weste, vor allem auf der Weste anderer, bietet sich zwar an, mit dem Finger von sich weg darauf zu zeigen und sich rechtschaffen zu empören – Unreinheit genau wie Sünde kann man aber auch übersetzen mit „Störung“, mit einer Trübung dessen, was wichtig und richtig, was gottgewollt ist.
Solche Trübungen erleiden auch gute Menschen, und wenn sie nicht aufpassen, verursachen sie sie sogar selbst. Vielleicht sind gute Menschen sogar in einer besonderen Weise anfällig dafür, dass sich in ihre ordentliche Routine Dinge einschleichen, die eben nicht in Ordnung sind: Stolz, Verdrängung, innere Distanz. „Man bringt die Fehler all in ein System“ – und merkt es nicht einmal. Und jene „stumme Predigt“, die uns bei Fontane „der Kinder Angesicht“ hält, sie findet allzu selten Beachtung und dringt nur schwer durch unsere dicke Haut.
Liebe Gemeinde, wie predigt man guten Menschen? Was kann man denen ans Herz legen, die bereits um den Wert und den Segen der christlichen Botschaft wissen? Schlechter machen als sie sind sollte man die Menschen nicht, das wäre falsch, das führt zu Entmutigung und Ablehnung. Auf einer solchen Grundlage wächst kein guter Glaube.
„Denn Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondern zur Heiligung. Wer das nun verachtet, der verachtet nicht Menschen, sondern Gott, der seinen heiligen Geist gibt.“ Das heißt: Nicht blind werden für die vielen kleinen Wunder, die uns alltäglich begegnen, nicht gleichgültig werden gegenüber Menschen, die uns nahestehen, nicht müde werden, uns von Gottes Botschaft ansprechen und vielleicht auch mal überraschen zu lassen.
Vorhin fiel das Wort „Treue“ – und ich denke, das ist ein guter Schlüssel, Menschen immer wieder die Augen zu öffnen, sie lebendig zu halten im Glauben. Wie die Treue vom gegenseitigen Vertrauen lebt, so lebt auch der Glaube in der Beziehung zu Gott und dem Nächsten.
Unser Glaube ist robust, wir können seiner Kraft vertrauen und ihm auch einiges zutrauen. Er überdauert trübe Tage ebenso wie gelegentliche Rückschläge und Enttäuschungen. Er ist nicht unantastbar – ganz im Gegenteil, er lässt sich berühren, bewegen, bleibt verletzlich. Darin zeigt sich seine Größe, darin äußert sich aber auch seine heilsame Wirkung.
Berufen zur Heiligung, das bedeutet, dass Gott uns seine Treue zusagt – auch wenn wir nicht als Heilige durch den Alltag gehen. Nur wach sollten wir bleiben, uns in Erinnerung rufen, wer wir sind, wer unser Gegenüber ist. Das bedeutet, sich nicht hinreißen lassen von billigen Reizen und Ablenkungen, sich nicht verleiten zu lassen von zu glatter Routine. Das bedeutet, den Zauber der ersten Liebe nicht zu vergessen und ihr immer wieder eine Chance zu geben.
Gottes Liebe ist uns mit dem Glauben gleichermaßen auf den Leib und in die Seele geschrieben. Sie ist es, die über den Bestand von Kirche und Gemeinden entscheidet, sie ist die Kraft, die uns Hindernisse auf dem Weg zueinander überwinden hilft. Sie hilft uns, zurückzufinden, wo wir auf dem Holzweg waren, sie hilft Gräben zu überwinden und Wunden zu verbinden: Denn das ist der Wille Gottes, der sie, mich und so viele andere berufen hat zur Heiligung.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.