Goldene Hochzeiten haben einen ganz besonderen Charme: Das Rentner-Ehepaar zeigt weder die Nervosität oder Aufgeregtheit, wie man sie oft bei jungen Brautleuten sieht. Überbordende Heiterkeit ist bei der Feier ebenso wenig zu erwarten wie spektakuläre Nervenzusammenbrüche, oder Streit mit den Schwiegereltern.
Mann und Frau, die so lange Zeit verheiratet sind, haben einfach schon eine Menge miteinander durchlebt. „Nichts Menschliches ist ihnen fremd“, sagt man, und das Resultat ist eine gewisse Abgeklärtheit, eine stille Gelassenheit, die dem in Jahren gereiften Paar eine besondere Würde gibt.
Es hat viel aufgebaut und erreicht, wie auch Verluste und Enttäuschungen erlitten. Es ist nicht mehr so leicht zu begeistern wie vielleicht noch in jungen Jahren. Es ist aber auch nicht mehr so leicht aus der Bahn zu werfen, nach all den Erfahrungen und Wechselspielen ihres langen Lebens.
Es hat den Anschein, dass die Empfehlungen des Apostel Paulus bei einem solchen Ehepaar Realität geworden sind – aber ist das dann nicht am Ende eine bittere, eine trostlose Realität? Das fröhliche Lachen am Hochzeitstag, die großen Gefühle, Liebe, Streit, gemeinsame Kraftakte gegen die Widrigkeiten des Alltags – soll all das nur eitle Plänkelei ohne Wert, ohne jede Bedeutung und ohne Zukunft sein?
Die Zeit ist kurz, sagt Paulus. Kommt endlich zur Sache und lasst die albernen Torheiten: Hinter der nächsten Tür wartet das Jenseits, wo diese Dinge nicht zählen! Solche Ausblicke mögen für den einen bedrückend wirken und traurig stimmen, für andere aber vielleicht auch eine große Erleichterung bedeuten:
Ist es denn nicht so, dass viele unserer Erwartungen an das Leben gedämpft und enttäuscht werden? Wie vieles verkehrt sich nicht ins Gegenteil, schneller als wir denken? Der neue Computer – lange wurde das Geld dafür gespart, nun steht er auf dem Schreibtisch und bietet mir die tollsten Möglichkeiten. Nur leider bin ich die meiste Zeit damit beschäftigt, ihn bei Laune zu halten und immer neue Probleme zu beheben, die ich vorher nicht hatte. So hatte ich mir das nicht vorgestellt!
Das erste eigene Auto verheißt Unabhängigkeit und Freiheit – doch es kostet viel Geld fürs Tanken und für Reparaturen, die Möglichkeit zu fahren wird zur Pflicht, zum Zwang, und die Sorge um die Sicherheit siegt über den Besitzerstolz. Der äußere Besitz und Wohlstand, für den so viel geopfert wurde, er führt plötzlich zum Lebensüberdruss – alles ist da, alles vom Feinsten, doppelt und dreifach: Und doch, das Wichtigste, was immer es sein mag, das fehlt und scheint unerreichbar, gar schon unwirklich – wie ein vergeblicher Traum, den man schnell vergessen muss.
Schwerwiegender noch als solche materiellen Enttäuschungen sind scheiternde Beziehungen von Mensch zu Mensch: Immer war die Mutter für die Kinder da, auf alles hat sie verzichtet, alles geopfert (aus Liebe, wie sie sagt) – und dann gehen die undankbaren jungen Leute rücksichtslos ihre eigenen Wege, lassen sich nichts mehr sagen, lassen die alte Mutter alleine zurück. Ja, und das „verflixte siebente Jahr“ erleben Eheleute oft auch schon nach sieben Monaten, wenn der Alltagsdruck der Liebe immer mehr den Platz streitig macht.
„Fortan sollen die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.“ Noch einmal: Ein düsterer oder ein verheißungsvoller Ausblick?
Die sog. „Puritaner“, das sind Christen, die ihren Glaubensalltag schlicht und sauber gestalten wollen, leben ganz in dieser Perspektive: Abgewandt von den Verlockungen der Welt, sehen und leben sie dem Reich Gottes entgegen. Das befähigt sie zu großer Friedfertigkeit und Gelassenheit, manchmal allerdings gepaart mit stiller Verachtung gegenüber anderen Menschen, die bodenständiger sind und sich in den Niederungen des Lebens schmutzige Hände holen: „Wer in den Armen einer schönen Frau liegt und dabei an das himmlische Jerusalem denkt“, der war allerdings auch für Dietrich Bonhoeffer ein verdächtiges Subjekt, das alles Misstrauen verdient.
Eine Antwort ist damit gleichwohl noch nicht gefunden. Muss ich mich als unrein und gedankenlos sehen, wenn ich fröhlich bin? Oder beleidige ich meinen Schöpfer, wenn mir die Tränen kommen? Das Wesen dieser Welt – wie weit sollen wir uns darauf einlassen, wie weit sollen wir uns davon entfernen?
Als ich die Aufzählung des Paulus las, kamen mir die Worte der Seligpreisungen Jesu in den Sinn. Dort heißt es: Selig sind, die geistlich arm sind, denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig sind, die Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden. Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen.
Es geht also gar nicht um „gutes“ oder „falsches“ Leben. Es geht gar nicht darum, unsere Menschlichkeit abzustreifen, nicht darum, Familienvater oder Mönch zu sein! Es sind erlösende Worte, die Paulus an die Gemeinde richtet – er will bewusst machen, dass das Evangelium ein tröstlicher Freispruch ist für die Fesseln des Alltags, dass es alles andere sein will als ein neuer, nurmehr anderer Zwang, dem wir uns beugen müssen. Die Botschaft Gottes soll uns befähigen, das Leben und die Schöpfung zu genießen – und das können wir nur, wenn wir es annehmen, und wenn wir lernen, nicht bis zum letzten davon abhängig zu sein.
„Euer himmlischer Vater weiß, dass ihr all dessen bedürft. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch all das zufallen.“ Das Reich Gottes ist kein Gegenentwurf zu dieser Welt mit ihren Freuden, ihrem Leid, mit all dem Sinn und Unsinn, der uns darin begegnet. Das Reich Gottes ist der große Rahmen, in dem wir uns bewegen – nicht als abgeklärte und gefühllose Feinde der Welt, sondern als fröhliche, weinende Menschen, als Einsame wie auch als Paare mit einem hoffentlich langen und erfüllten Eheleben.
Die Botschaft vom Reich Gottes zeigt uns einen geweiteten Horizont, der uns freimacht von unwürdigen Zwängen und falschen Göttern, der uns fähig macht, Liebe und Vergebung zu schenken.
In Zeiten großer Arbeitslosigkeit, schwindendem Bewusstsein für Werte und unserer Verantwortung füreinander scheint mir diese Botschaft unendlich wichtig. Dass der Langzeitarbeitslose nicht sein Selbstwertgefühl verliert, der Jugendliche ohne Lehrstelle seine Ziele im Blick behält, dass die Schreckensmeldungen aus den Nachrichten uns nicht resignieren lassen – das ist es, was die Botschaft vom Reich Gottes bewirken will.
Daran sollten wir unser Herz hängen, das alles sollte uns heilig sein, denn das alles steht über dem Wesen dieser schönen, lebenswerten, vergänglichen Welt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.