Wie konnte es soweit kommen? Ein „Oberer der Zöllner“, das war zu jenen Zeiten nicht irgendwer: Es war ein lukrativer Posten, den Zachäus sich da gesichert hatte. Sympathie und Anerkennung blieben ihm zwar verwehrt, wenn er im Dienst der römischen Besatzer Pacht und Steuern eintrieb. Doch seine Macht und sein gutes Einkommen sicherten ihm einen hervorgehobenen Status – und damit natürlich auch den Neid der Menge.
Menschen wie Zachäus werden oft darauf reduziert, wie sie uns gerade erscheinen: Viel Geld? Na, ob das mit rechten Dingen zugeht! Feiner Anzug? Hält sich für was Besseres! Führungskraft? Ist sich für harte Arbeit wohl zu schade! Der kritische Blick auf „die da oben“ ist uns allen nur allzu vertraut, und manchmal ja auch durchaus gerechtfertigt.
Genauso verbreitet ist auch das Herabschauen auf jene, die unserer hohen Gesellschaft nicht würdig erscheinen: Deren Beruf, Aussehen, Herkunft oder Lebensstil uns wenig vertraut sind und darum auf Ablehnung stoßen. Auch das dürfte Zachäus allzu bekannt sein, denn er war, so lesen wir, von bemerkenswert „kleinem Wuchs“.
Es lässt sich nur spekulieren, wie es Zachäus in früheren Zeiten ergangen war: Ob es ihm egal war, was die Leute über ihn dachten, und er deswegen auch keine Skrupel vor einer Karriere als Zöllner hatte. Oder ob es ihn angestachelt hat, bei all den Witzeleien und abfälligen Bemerkungen es irgendwann allen zu zeigen, wozu er in der Lage war?
Jede Geschichte hat so ihre Vorgeschichte. Zachäus kam nicht als Zöllner auf die Welt, und die Menge der Menschen, die sich da drängte anfangs in froher Erwartung, um dann bald zu meckern und zu murren, auch sie haben jeder und jede für sich an ihrer eigenen Lebensgeschichte, an ihren Erfahrungen und Enttäuschungen zu tragen. „Der Mensch sieht, was vor Augen ist“ – und sieht dabei nur einen Bruchteil der ganzen Wirklichkeit.
Wie konnte es soweit kommen? War es Neugier, Sensationslust oder doch mehr, dass Zachäus so sehr „begehrte, Jesus zu sehen“? Es muss ihn viel Überwindung gekostet haben, sein sicheres Zuhause zu verlassen, sich unter das Volk zu mischen, das ihm kaum wohlgesonnen war. Es muss beschämend für ihn gewesen sein, an den vielen Menschen nicht vorbei zu kommen, nichts zu sehen als Rücken an Rücken, angerempelt zu werden und als ein Oberer der Zöllner schließlich auf einen Baum zu klettern wie ein kleiner Junge, um besser sehen zu können – das war so sicher nicht geplant!
Immerhin, ein Maulbeerfeigenbaum kann nicht nur beeindruckende Höhe haben, sondern verfügt auch über einen dicken Stamm, hält also durchaus gewichtigere Personen aus. Jetzt hat Zachäus wieder sicheren Standpunkt und festen Halt, obendrein einen guten Überblick – und sieht den Grund für all die Aufregung:
Ein unscheinbarer junger Mann, in Begleitung von einem Dutzend anderer. Nichts an ihm ist auf den ersten Blick besonders, auch nicht auf den zweiten – hätte er sich unter die Menge gemischt, er wäre niemandem aufgefallen. Doch man erzählt sich viel von ihm: In einfachen Verhältnissen geboren und in der Provinz aufgewachsen, sei dieser Jesus ein Prophet, ein Wunderheiler, Gottes Sohn gar – und die Erfüllung einer alten Hoffnung:
Dass Gerechtigkeit und Frieden werde in der Welt, und alle Unterdrückung ein Ende habe. Dass die Verheißungen der Alten von einem Land, da Milch und Honig fließt, endlich greifbare Wirklichkeit werden. Das und vieles mehr sind die Verheißungen, die Gott seinem Volk Israel mit auf den Weg gab – einem langen, beschwerlichen, leidvollen Weg. Zeugen von Wundern zu werden, die Erfüllung aller Träume mit eigenen Augen zu sehen – ob gläubig oder ungläubig, wer wünscht sich das nicht?
Jesus folgt diesen Verheißungen – aber auf eine unerwartete Art: Kein Machtkampf, keine Revolution, kein Umbruch der bestehenden Ordnung findet da statt. Stattdessen der unermüdliche Blick vor allem auf das Kleine und Geringe, auf das wertlos Scheinende, auf das Verloren geglaubte. Und so lesen wir im Lukasevangelium vom verlorenen Schaf, vom verlorenen Groschen, vom verlorenen Sohn: Allesamt bekannte Gleichnisse und Sinnbilder dafür, wie unverbrüchlich Gott mit jedem Menschen verbunden ist.
Wie kann es soweit kommen? Meine Vorstellungskraft übersteigt das, und ich frage mich zudem: Wie lange mag das mit dem verlorenen Sohn in seiner wiedervereinten Familie gutgehen? Was ist mit den bleibenden Narben, was mit dem verlorenen Vertrauen und der verlorenen Lebenszeit? Und jetzt dieser Zachäus:
Dass Jesus sich der Kinder erbarmt, deren Lebensrecht übersehen wird, Respekt fordert für Frauen, denen ihre Würde vorenthalten wird, oder sich Kranken zuwendet in ihrer Not, das lassen wir ja alles gerne gelten – aber einen reichen Zöllner zu sich zu rufen, das ist unerhört, damit hatte niemand gerechnet – auch Zachäus nicht!
Dass Jesus unseren Erwartungen zuwiderhandelt, ist eine Herausforderung – für viele Gläubige und Ungläubige. Hier vollzieht sich ein Umbruch, eine Umkehr – Zachäus ist wie verwandelt: Er überwindet den Abstand zu seinen Mitmenschen, der jahrelang sein Leben prägte. Er verzichtet auf die Hälfte seines Besitzes, der allein ihm bislang Schutz und Sicherheit geboten hatte in einer feindseligen Umwelt. Er gibt sich in Gottes Hand – freudig, so lesen wir – und können nur staunen!
Das Leben geht weiter, heißt es ja so schön: Zachäus wird bald wieder Spott und Verachtung erfahren, und wird auch wieder Steuern eintreiben. Die Welt hat sich nicht verändert, für ihn nicht, nicht für die Menschen seiner Zeit und nicht für uns. Sie zeigt uns einst wie heute ihr schönes wie schreckliches Gesicht, und lässt uns unsre Ohnmacht spüren – wenn Menschen sich an anderen vergehen, das Unrecht blüht und Tränen einfach nicht trocknen können.
Was ist anders geworden – dadurch, dass Jesus Zachäus ins Auge gefasst hat, ihn in die Gemeinschaft mit Gott berief und so befreite aus aller Schuld, die Zachäus widerfahren war und die zugleich auch auf ihm lastete? Es wäre spannend, mehr darüber zu erfahren über die weitere Geschichte des Zöllners, über die Zeit nach dieser eindrücklichen Begegnung!
Am spannendsten ist aber immer doch unser eigenes Leben – unsere Wahrnehmung davon, wie Gott an uns und unserem Nächsten handelt: Wo stehen uns Erwartungen im Wege, wo lasten auf uns bittere Erfahrungen, Scham und unüberwindbare Zweifel? Wo haben wir Verluste zu beklagen, wo haben wir aufgegeben, was uns lieb und teuer war?
Es gehört zur Freiheit eines Christenmenschen, mit mehr Fragen als Antworten durchs Leben zu gehen – das hält die Tür offen für Überraschungen und manch unerwartetes Wunder. Es gehört zur Freiheit von Menschen, die sich Gottes Wort gesagt sein lassen, sich nicht beherrschen zu lassen von Misstrauen, Vergeltungsphantasien, Sorgen, auch nicht von jener großen Furcht angesichts der Grenzen unseres Lebens:
Das alles mag sich immer wieder aufdrängen, ungebeten, ungefragt. Doch Gott hört nicht auf, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist – was sich ängstigt und vor der Welt verbirgt, was zu kurz kommt und keine Stimme hat, oder hinter einer Mauer von Stolz und Selbstgerechtigkeit die Liebe vergessen hat.
Weil Gott gütig ist, weil Jesus das Verlorene sucht und uns aus aller Verlorenheit befreit, allein darum gibt es Hoffnung für diese Welt und für uns – und diese Hoffnung ist groß, ansteckend und heilsam. »Freut euch mit mir«, heißt es in den Gleichnissen vom Verlorenen: Freut euch mit mir, den ich habe mein Schaf, meinen Silbergroschen, meinen Sohn wiedergefunden. »Freut euch mit mir«, denn was tot ist, ist wieder lebendig geworden, und was verloren war, ist gefunden worden.
Jesus ist da wirklich gut zu Fuß, auch da, wo uns die Strecke zu lang, zu mühsam und unzumutbar wird: Kommen wir also herunter von unserer hohen Warte, lassen wir uns einladen und verwandeln durch den, der alles Leben schenkt.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus – Amen.