Gut festhalten

Früher, da hat man die Dinge noch aufgehoben. Geräte, Geschirr, Gegenstände, die ihren Dienst getan und oft auch schon ihren Glanz verloren hatten – sie wanderten nicht einfach in den Müll: Wer weiß, wann man das eine oder andere noch einmal gebrauchen kann! Früher, da herrschte an manchem auch Mangel. Schöne neue Dinge waren schwer zu bekommen, und so behielt das Alte länger seinen Wert – man hielt es buchstäblich in Ehren: Wer weiß, ob ich je Ersatz dafür in gleicher Qualität bekomme!

Wenn ich in den Sommerferien als Kind meine Großeltern besuchte, faszinierten mich solche Zeugnisse früherer Zeiten: Die Farben verblasst und stumpf, erfüllten Becher und Krüge, Gartenwerkzeuge und häusliches Inventar doch weiterhin ihren vorgesehenen Zweck. Sie erinnerten an eine mir unvorstellbare Vergangenheit weit vor meiner Geburt, da meine Großeltern noch jung und frisch verliebt waren, ihren Hausrat nach und nach ansparten und auch Jahrzehnte später keine Notwendigkeit sahen, sich von den alten Sachen zu trennen. Sie verbanden etwas damit, das mir fremd war.

Manchmal wünsche ich mir, auch ich könnte mehr von früher in die Gegenwart retten: Die Fülle an immer neuen Aufgaben, der Zeitdruck und die Sorge um den morgigen Tag lassen schnell vergessen, was gestern noch von Belang und Bedeutung war. Die Boden- und Wurzelpflege kommt zu kurz, wenn der Blick sich nur auf die Früchte des Baumes richtet.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief an die Hebräer, am Anfang des 13. Kapitels. Dort lesen wir: „Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.“

Ermahnung, Ermunterung und auch etwas Trost sprechen aus diesen Worten, gerichtet an die zweite und dritte Generation der Christen. Ihre Brücken in die Vergangenheit sind zunehmend brüchig geworden, ihre Perspektiven für die Zukunft bedroht durch Streit, Verfolgungen und Unsicherheit.

Man braucht Halt, wenn es über unwegsames Gelände geht, man braucht Begegnung mit dem Unbekannten, wenn man nicht nur unter sich bleiben und den Stillstand will, man braucht die Empathie, braucht Augen und Ohren des Herzens, um sich die eigene Endlichkeit in der Not des Nächsten zu vergegenwärtigen und nicht wegzusehen: Das ist es, was hier der „Enkelgeneration“ Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus mitgegeben wird. Was davon wird heute von uns Ururur…-Enkeln noch in Ehren gehalten und ist im täglichen Gebrauch?

Der unbedachte, ja lieblose Umgang mit Traditionen, Ritualen und alten Schätzen hat mich in meinen Studientagen zu einem eher konservativen Menschen gemacht – und in Konserven, das wissen wir, bleiben Lebensmittel besonders lange haltbar, auch wenn der Geschmack mitunter etwas leidet. Heute sehen viele Menschen das Heil wieder in einer „guten alten Zeit“, möchten am liebsten alles in den letzten Jahrzehnten Erreichte auf den Müll werfen und sich weltanschaulich wie in den 50er Jahren einrichten: Wenn das so weitergeht, werde ich mich wohl bald als liberal bezeichnen müssen!

Ich denke nicht, dass wir als Christen in herausfordernden Zeiten, als Gemeinden in einer auseinanderbrechenden Gesellschaft oder als Kirche in den Wirren der großen Politik weit kommen, wenn wir einfach nur an etwas „festhalten“, so gewohnt und vertraut, so lieb und teuer es uns auch sein mag.

Die brüderliche oder geschwisterliche Liebe, an der festzuhalten der Hebräerbrief uns mahnt, ist kein unverrückbarer „status quo“, sondern eine sehr dynamische Beziehung von Mensch zu Mensch. Da gibt es Spielregeln und Maßstäbe, auf die man sich geeinigt hat, aber innerhalb derer sich das Leben in wunderbarer Vielfalt vollzieht – sonst eckt man ständig an, sonst wird aus menschlicher Nähe schnell eine lebensfeindliche Enge.

Das gilt für Geschwister und Gemeinden wie auch für Gäste: Sie sollen sich wohlfühlen bei uns, sollen spüren, dass sie willkommen sind und nicht nur Hausregeln zu beachten haben. „Der Gast bringt Gott herein“, so drückte es der katholische Theologe Romano Guardini einmal aus – wohlwissend, dass wie bei Geschwistern, wie in Gemeinden so auch Gäste natürlich nicht immer ein Glücksfall sind, sondern auch große Anstrengungen bedeuten können, teils über die Schmerzgrenze hinaus. Doch dass frei nach Schiller „der Starke am mächtigsten allein“ sei, das ist und bleibt ein Trugschluss:

Wirkliche, lebensspendende Stärkung erfahren wir immer voneinander und von Gott – auch wenn das Vertrauen darauf uns manchmal verlässt. Als das Volk Israel nach seiner Befreiung durch die Wüste zog, wurde es vielen schnell zu viel und die Rückkehr in die Knechtschaft eine echte Option – immerhin warteten dort die „Fleischtöpfe Ägyptens“!

Gastfreundschaft, Empathie und Solidarität wie auch kritische Selbstbetrachtung – sie gelten als Luxus, den man sich in schwierigen Zeiten nicht leisten kann: Sie alle kennen die anhaltenden Diskussionen, und naive Sozialromantik trägt selten zu echten Lösungen bei. Doch ist es wirklich zu kühn gedacht, diese Tugenden weniger als eine Zusatzbelastung, sondern vielmehr auch als Kraftquelle und Chance zu betrachten?

In der Psychologie hat sich gezeigt, dass Menschen nach schweren Krisenerfahrungen am schnellsten wieder Sinn und Lebensmut entdecken, wenn sie trotz ihrer eigenen Misere sich auf andere Menschen in ähnlich belastenden Situationen einlassen: Sie können das oft besser als Beglückte und Begnadete, denn sie waren selbst an einem ganz ähnlichen Punkt, können Ohnmachtserfahrungen, Wut und Resignation teilen. So wird aus einem langen, beschwerlichen Weg für Einzelne schließlich eine gemeinsame Heilungserfahrung.

Neue Hoffnung, neues Vertrauen gedeihen selten in einer abgeschotteten Komfortzone – sie brauchen Freiräume, um sich zu entfalten und zu wachsen. Sie brauchen Zuwendung und Nahrung, gutes Klima und guten Boden, Schutz vor Stürmen und die Gewissheit, mit Verletzungen nicht allein zu sein und nicht alleingelassen zu werden. Diese Kultur zu pflegen ist ein urchristliches Prinzip, das es zu bewahren und zu beherzigen gilt – ganz gleich, ob in traditioneller oder moderner Form. Dieses Selbstverständnis war natürlich auch keine Erfindung der frühen Christen, die wir nun als Vorbilder zu nehmen hätten:

Nach dem Bilde Gottes geschaffen, sind wir auch berufen, nach seinem Vorbild zu leben – und schauen dabei auf Jesus, den Gekreuzigten und Auferstandenen. Herzliche Liebe, Gastlichkeit und Hinwendung zu den Schwachen zieht sich wie ein roter Faden durch Leben und Lehre von Gottes Sohn.

Wir sind auch beim besten Willen nicht wie er: Unser Herz ist nicht so weit, unsere Geduld nicht so groß, es ihm gleichtun zu können. Aber wir können das Unsere tun, jede und jeder an seinem Platz, nach seinem Vermögen und in dem Maße, wie es Freude macht und anderen bereitet. „Aber was ist dieses wenige für so viele?“ fragten die Jünger vorhin im Evangelium (Joh 6, 1-15) – ungläubig, doch am Ende überwältigt, weil Gott mit am Werk war.

Ermahnung, Ermunterung und auch Trost sprechen aus den Worten des Hebräerbriefes, die auch für uns so viele Generationen später unverändert Geltung haben. Gut, dass wir diese Worte immer wieder hervorholen und uns an ihnen orientieren können. Gut, dass die Flut der Sorgen und Bedenken nicht das letzte Wort behält und auch wir mit unserer so bescheidenen Weisheit nicht allein bleiben müssen. Das ist eine große Gnade und eine große Chance, die – mit Gottes Hilfe – uns allen ungeahnte Wege und Wunder erschließt.

Und der Friede Gottes, der höher ist alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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