Gnadenbrot

Wie schmeckt eigentlich ein „Gnadenbrot“? Den meisten unter uns dürfte der Geschmack fremd sein, und umso vertrauter dafür andere, feinere oder kräftigere Genüsse: Es sei Ihnen von Herzen gegönnt! Wenn ich mir für mein hoffentlich hohes Alter etwas wünschen dürfte, dann wären das eher eine regelmäßige Versorgung mit „Gnaden-Schokolade“ oder gerne auch gegen Abend mal ein „Gnaden-Bier“.

„Gnadenbrot“, das klingt nach Armenspeisung: Etwas altbacken schon, fad und nicht gerade hochwertig. Es war von gestern noch übrig und ja, es macht satt: Alte Ackergäule, die vor dem Schlachthof bewahrt wurden, werden damit abgespeist – und kaum jemand macht ihnen diese Mahlzeit streitig.

Gnade erfahren zu haben im Leben, bewusst und mit wachen Sinnen, das hat durchaus auch etwas mit Rettung, mit Überleben zu tun: „Wäre es strikt nach Recht und Gesetz gegangen, wäre mich das teuer zu stehen gekommen! Wenn da nicht jemand für mich eingesprungen wäre, hätte es gewaltige Probleme gegeben!“

Das Geschenk der Gnade als solches wahrzunehmen und in Ehren zu halten ist geradezu ein Markenzeichen von uns Christen. In der Reformation war es die Wiederentdeckung des „gnädigen Gottes“, das dem Geschacher mit Schuld und Strafe ein Ende setzte. Sola gratia, allein durch Gnade sind wir gerettet: Gott sei Dank!

Allein durch Gnade, das heißt: Ohne eigenen Verdienst, ohne einzuklagenden Anspruch, wohl oft auch unverhofft. Am Gleichnis des verlorenen Sohnes, das wir vorhin gehört haben, wird dies nochmal besonders deutlich: Allein durch Gnade – trotz allem Versagen und Verschulden, trotz aller Entfremdung steht am Ende kein harter Schlussstrich, sondern ein neuer Anfang: Wie durch ein Wunder, bekanntlich des Glaubens liebstes Kind. Ende gut, alles gut?

Es gibt Vorstellungen von Gnade, die ausgesprochen ungnädig sind: Wenn übersehen wird, wo tiefe Enttäuschungen nachhaltig belasten. Wo an Leib und Seele Verletzungen zugefügt wurden, die nicht so leicht verheilen. Wo von Vergebung die Rede ist, wo schreiendes Unrecht weiterhin mitten im Raum steht.

Er muss schon sehr tief sein, der Abgrund, der all die Vergehungen der Menschen fassen und verschwinden lassen kann – so eindrücklich-bildhaft schildert es der Prophet Micha am Ende unseres Predigttextes, nach einer gehörigen Portion an Zorn, Bitterkeit und Drohworten in den Zeilen zuvor: Denn, so heißt es da unter anderem, „der Beste unter ihnen ist wie ein Dornstrauch und der Redlichste schlimmer als eine Dornenhecke“.

Kein Wunder also, dass wir uns manchmal eine harte Hand wünschen, die durchgreift und Ordnung schafft. Gerade wenn das Leben uns übel mitspielt durch Krankheit, Kränkung, leidvolle Ohnmacht, dann klingt die Rede von der Gnade mitunter vermessen und schief. Dann wächst das Verlangen nach einem strafenden Gott, der uns Recht verschafft und reichlich spät, aber doch endlich als siegreiche Gewinner dastehen lässt: Das ist nur allzu menschlich.

Gottes Gnade gibt diesem Verlangen nicht nach, ist zugleich aber alles andere als blinde Vergebung: Sie hat vielmehr einen sehr scharfen Blick für die Situation, ein gutes Erinnerungsvermögen, über allem einen sehr ausgeprägten Gerechtigkeitssinn – sowie eine schier unfassliche Geduld. Wo verletzter Stolz und Selbstgerechtigkeit zu gnadenlosem Handeln antreiben, da tritt Gott uns entgegen: Seine Gnade sieht, was los ist und weiß allein den Weg aus all dem Schlamassel.

Für den alttestamentlichen Propheten Micha – hebräisch für „Wer ist wie du?“ – lag die Hoffnung allein in Gottes Erbarmen. Wissend um die Wankelmütigkeit der Menschen lässt er es gut sein, sofern sie zur Besinnung kommen und sich zumindest für eine gewisse Zeit wieder so verhalten, wie es ihrer Bestimmung und seinem Schöpferwillen entspricht. Ein zähes, immer wieder neues Ringen, wie es sich nicht zuletzt ja auch in unserer Geschichte in unschöner Regelmäßigkeit zeigt.

Das Geschenk der Gnade wahrzunehmen, Sonntag für Sonntag in jedem Gottesdienst und bei vielen anderen Gelegenheiten daran zu erinnern, ist ein Markenzeichen von uns Christen. Im Kreuz Jesu Christi findet es seinen schmerzhaft greifbaren Ausdruck, welcher sich in der Botschaft seiner Auferstehung wunderbar verwandelt zu einem Hoffnungszeichen.

Gerechtigkeit, ja, Schuldbekenntnis – was sonst, wenn wir uns nichts vormachen wollen? Der wache, unverstellte Blick für Täter und Opfer, für Schuld und Schmerz – unter dem Kreuz, das gleichfalls für all das steht, dort können wir diesen Blick getrost wagen und aushalten.

Wir suchen keine andere Zuflucht, wenn Gottes Gnade uns getroffen hat. Dann hören wir auf, unsere Ohnmacht und Machtphantasien bis aufs Blut zu verteidigen – sondern legen es vielleicht etwas blass um die Nase, aber voll Vertrauen in Gottes Hände. Seine Gnade macht frei davon, uns an der Last dieser Welt zu verheben, unsere Gerechtigkeit triumphieren sehen zu wollen, auf unseres Herzens Härte bauen zu wollen. Wir wissen doch, wozu das führt, spüren oder sehen es doch an so vielen Stellen!

Ja, das Gnadenbrot hat etwas mit Rettung und Überleben zu tun. Bisweilen ist es ein sehr hartes Brot, für das die wenigsten Schlange stehen würden. Kein frommer Zuckerguss versüßt uns den Genuss, es ist in der Tat eine Armenspeisung für die, die den falschen Glanz vermeintlichen Reichtums erkannt haben und sich nicht schämen, ihre leeren Hände auszustrecken nach mehr.

Wir feiern heute Gemeindefest: Hätte man da nicht besser einen anderen Predigttext (oder einen anderen Prediger) bestellen sollen? Nun, dafür ist es jetzt zu spät. Nicht zu spät ist es jedoch, sich selbst immer wieder mal die Frage des Propheten Micha zu stellen: Wo ist solch ein Gott, wie du bist? Die Gnade Gottes, die Botschaft Jesu Christi in Kreuz und Auferstehung, sie sind ein Schatz, den es im Grunde täglich neu zu entdecken und hervorzuholen gilt.

Ohne gegenseitige Hilfe und Erinnerung gelingt das allerdings schwerlich – und ich kenne leider einige Menschen, an denen sich genau dies zeigt: Die sich zurückgezogen haben, weil sie dies oder das an der Kirche, am Pfarrer oder an der Gemeinde mitunter auch berechtigt stört, oder weil sie Antworten gefunden haben, die schlüssig scheinen für ihre Fragen. Weil die Welt ihnen zu hitzig oder zu kalt und lieblos wurde, weil ihre Hoffnungen vertrocknen wie Blumen im Sommer und sie vergessen haben, wie herrlich diese blühen können.

Eine Gemeinde ist selten ein Paradies, Pfarrerinnen und Pfarrer keine ungetrübten Lichtgestalten und die Kirche – nun ja, die ist ohnehin ein Kapitel für sich! Guten Grund zum Feiern haben wir dennoch, denn wir haben Gottes Wort, in der Tat bezeugt, greifbar und spürbar. Wir teilen es gemeinsam im Danken wie im Klagen, im Beten und Singen, in der Stille und in der Musik – und wo uns vielleicht mal die Stimme stockt, da sprechen andere für uns.

Wir kommen hier zusammen mit all unseren Freuden und Sorgen, mit ganz verschiedenen Lebensgeschichten und Erfahrungen. Wir finden Raum in der Kirche und unter dem Kreuz. Wir finden Gehör bei Gott aus der tiefsten Tiefe unseres Herzens, und seine Antwort ist nicht fern. Es ist nicht weniger als ein Wort der Gnade und ein Wort des neuen Lebens, in das Gott uns führt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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