Kostbar

Die Diskussion ist uralt – wohl seit den ersten Höhlenmalereien schon streiten sich die Gelehrten und ihre Verächter darum, welches die richtige Kunst ist: Soll sie anspruchsvoll sein, Tiefe besitzen, die jede Mühe sie zu ergründen lohnt? Oder gewinnt das Eingängige, Niedrigschwellige und damit jedermann leicht Zugängliche?

In der 2017 revidierten Bibelübersetzung nach Luther „lechzt“ der Hirsch nicht mehr nach frischem Wasser, sondern „schreit“ und dürstet danach – wie die verwundete Seele des Beters in Psalm 42, der sich einsam und von Gott verlassen fühlt:

Tränen sind seine „Speise Tag und Nacht“, Trübsal und Unruhe überschatten jede Freude, jeden Gesang und jedes Gebet. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue?

Die Frage nach einem gnädigen Gott bewegte die Reformatoren im 16. Jahrhundert, vielfach wurde der Psalm damals aufgegriffen und als Ausdruck existenzieller Not musikalisch interpretiert bis in die heutige Zeit, sogar in der Popkultur (Moby: Why does my heart feel so bad).

Biographisch verankert sind Bibelworte immer seltener: Tauf- und Konfirmationssprüche werden schnell abgetan, Hochzeiten zwar immer aufwendiger, aber zunehmend „freier“ von religiös tradierten Elementen.

Erst wenn die Trockenheit um sich greift, wird uns bewusst, wie kostbar selbst einfaches Wasser sein kann. Wenn ganze Landschaften ihre Gestalt verändern, die Gesellschaft geistig verarmt und Kultur als Luxus verpönt wird. Purismus und Monokultur sind dabei unheilvolle Vorboten solch lebensfeindlicher Wüstenerfahrungen.

Ob schmissiger Beat oder fein abgestimmte Orgelklänge – die Qualität von Kunst entscheidet sich nicht an ihrem Alter, sondern ist von dem bestimmt, was sie zum Klingen bringt:

Es gibt so vieles in unserem Herzen, das gesehen und angesprochen werden will. Es ist ein Weinen in der Welt, als ob der liebe Gott gestorben wär (Else Lasker-Schüler). Und er ist groß, der Hunger und der Durst so vieler Menschen.

Suchen wir darum nach Nahrung für unsere Seele: In der Kunst, im Stillewerden, Hören und Schauen, im Wort Gottes: Der das Volk Israel auf seinem Weg durch die Wüste mit Manna speiste, der abwischen wird alle Tränen und uns neues Leben schenkt.

Harre auf Gott; denn ich werde ihm doch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist
.
(Psalm 42)

Benachrichtigungen aktivieren Okay, gerne! Nein danke!