Harte Kontraste prallen da aufeinander, beinahe schmerzhafte Gegensätze treten uns am heutigen Palmsonntag und hier im Predigttext vor Augen: Ein großes Freudenfest steht an, alle Vorbereitungen laufen bereits, die Stimmung steigt – und Eile ist geboten bei denen, die schnell noch etwas erledigen müssen:
Er, der kurz vor dem Fest eben erst in Jerusalem eingezogen ist, und mit dem sich die große Hoffnung so vieler Menschen verbindet – er stört empfindlich die alte Ordnung und die bestehenden Strukturen: Er muss auch erledigt werden, ein für allemal.
Es ist schon alles auf den Weg gebracht – der Verrat im engsten Kreis, der Plan zur Ergreifung, das Todesurteil. Im Glanz des großen Festes wird das Volk ihn sicher schnell wieder vergessen – ihn, der in unglaublicher Verwegenheit „Sohn Gottes“ genannt wird und weiß Gott schon genug Unruhe gestiftet hat!
Er kann es einfach nicht lassen, so scheint es: Gerade jetzt sitzt er im Haus des Simon. Jener Simon war eigentlich einer der ihren, war auch ein Pharisäer, aber er stand ihm nahe, jenem Jesus. Der Mann aus Nazareth hatte ihn auf wundersame Weise befreit von Aussatz – einer üblen Krankheit.
Heilung galt damals als ausgeschlossen, und ausgeschlossen wurde man damit auch von der Gemeinschaft: Zu groß war die Gefahr von Ansteckung, zu schrecklich war der Anblick der Kranken, und kaum erträglich war auch der Geruch, der von ihnen ausging. „Simon, der Aussätzige“ – Spuren der Krankheit blieben offenbar weiterhin an seinem Leib, in seiner Seele wie auch an seinem Namen haften.
Es muss eine eigentümliche Runde gewesen sein, damals am Tisch des Simon. Er war nicht mehr derselbe wie vor seiner Krankheit, und nicht mehr derselbe wie vor seiner Begegnung mit Jesus. Jesus, der bei seinem Einzug als hochwillkommener Messias gefeiert worden war und doch schon wusste, dass seine Tage auf Erden gezählt waren. Mit ihnen waren schließlich noch die „anderen“: Angehörige des Simon und Jesu Jünger vermutlich, Nahestehende, Zeugen und Begleiter dieser so eigenen Lebenswege.
Es ist ein Moment der Ruhe – keine Fragen, kein Streit, keine Wundertaten. Ein einfaches Beisammensein nach all der Aufregung, bevor es weitergeht. Doch wie das meist so ist mit ersehnten Ruhepausen – sie währen selten lange: Eine Frau betritt die Szene, unbekannt, ungefragt und ungeladen. Ohne Zeit zu vergeuden schreitet sie unvermittelt zur Tat und salbt Jesu Haupt mit einem „unverfälschten, kostbaren“ Öl. Warum, was soll das?
War sie eine von den vielen, die „Hosianna“ riefen bei Jesu Einzug in Jerusalem? Die Palmzweige vor ihn auf den Weg streuten wie bei einem König, damit er sich bloß nicht schmutzig macht im Staub der Straße? Ging ihr vor Erwartung das Herz so über, dass ihr nichts zu teuer war, sie jedes Maß und jede Zurückhaltung vergaß bei dieser eigentümlichen Geste?
Oder hat sie etwas kommen sehen, was nur die wenigsten sahen – wohin der weitere Weg Jesus führen würde? Durch Demütigung und Folter, hinauf nach Golgatha, hinab in das Reich des Todes? Wir wissen nicht, was sie wusste, was sie im Leben bereits alles erfahren hat, was ihre Erwartungen im Guten wie im Schlechten prägte. So oder so:
Ein bemerkenswerter Akt liebevoller Hingabe, nicht abwägend oder berechnend. Viel blieb nicht zu tun, nur noch dies eine. Und so war es für diese unbekannte Frau das einzig Richtige, am richtigen Ort zur richtigen Zeit: Wenn diesem König nur die Dornenkrone zuteil wird, soll wenigstens sein Haupt gesalbt sein wie das eines Königs.
Dreißig Silbergroschen bekam Judas für seinen Verrat, dreihundert Silbergroschen hätte man wohl für das Öl einlösen können, so lesen wir. Weit mehr als das Scherflein der Witwe, zuviel des Guten, befinden die Umstehenden „und fuhren sie an“:
Ja, es ist schon beeindruckend, wie wichtig manchen Leuten plötzlich die Armen und Notleidenden werden, welche Aufmerksamkeit mit einmal Frauen und Kindern geschenkt wird, wenn andere dadurch in ein schlechtes Licht geraten! Ob Migration, Sozial- oder Gesundheitswesen – man kann nur staunen, woher all diese spontanen Interessen kommen, und wieso dabei ausgerechnet „Gutmenschen“ als Schimpfwort gebraucht wird.
Ich finde das Schweigen der Frau vielsagend. Manchmal fehlen einem die Worte, manchmal braucht es auch keine. Jesus tritt für sie ein und kehrt die Vorwürfe gegen die Umstehenden: War es Scham, der diese peinlich berührt zu solcher Empörung trieb? Scham, nicht mal im Ansatz Jesus solche Ehrerbietung erwiesen zu haben?
Scham, nicht wirklich Jesu Hoheit im Blick zu haben, sondern nur fixiert zu sein auf seine Lehrsätze und Wundertaten? Jesus und seine Botschaft sind weit mehr als das – das zeigt uns vor allem seine Passion, sein Leiden an Leib und Seele, sein Sterben: Für uns, wegen uns.
Die Stimmung ist gekippt im Hause des Simon. „Komm Herr Jesus, sei du unser Gast“ – der Wunsch, die Einladung gilt unvermindert, doch eine Distanz ist spürbar geworden, Jesus ist ihnen fremd geworden – durch die Tat einer Fremden, durch das Wort ihres, unseres Herrn. Die Decke ist weggezogen, die Botschaft ausgesprochen, die Offenbarung fast vollendet. Das ist ein Wendepunkt hier im Evangelium, und eine bleibende Anfechtung unseres Glaubens.
So viele Begebenheiten stehen uns vor Augen von Jesu Ankündigung und Geburt an, über seine Gleichnisse und Heilungswunder, seine Gerichtsworte und Verheißungen: Sie öffnen uns wahrhaft weiten Raum, der uns unsere Grenzen vergessen lässt. Doch nun spitzt sich alles zusammen, die Ereignisse verdichten sich und lassen das Unausweichliche erkennen:
„Ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun – mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.“
Wo Scham, Enttäuschung, Hilflosigkeit und Empörung aufbrechen, wo wir Jesus nicht gerecht werden und ihm nicht folgen können, da soll die verschwenderische Liebestat einer Fremden uns Gottes Größe vor Augen führen. Vom Haus des aussätzigen Simon soll dieses wundersame Geschehen in alle Welt hinausgehen, uns und allen Menschen zur Erinnerung und Besinnung.
Die Vorfreude auf das große Fest ist fürs Erste verflogen. Die Gäste verlassen das Haus, in Gedanken versunken, die Stimmen gedämpft. Bedrückung bleibt zurück und prägt auch die folgenden Tage. Es wird still. Totenstill.
„Es schlägt den Stolz und mein Verdienst darnieder, es stürzt mich tief, und es erhebt mich wieder, lehrt mich mein Glück, macht mich aus Gottes Feinde zu Gottes Freunde“ – so lautet die 6. Strophe des Wochenliedes, das wir vorhin gesungen haben. Im Angesicht des Kreuzes sehen wir viele Dinge anders: Auch uns, unsere Möglichkeiten und Erwartungen, unsere Erfolge und unser Scheitern.
Es ist eine bittere Pille, die wir in der Karwoche zu schlucken haben, eine Erdung, die große Überwindung kostet. Es braucht Zeit, das zu verstehen, es braucht Ruhe, um es für sich anzunehmen. Es braucht nichts weniger als Gottes liebevolle Schöpferkraft, dahinter einen neuen Horizont zu sehen und sich auf den Weg zu machen.
Unser König kommt. Er ist uns vorangegangen durch die tiefste Dunkelheit, damit es hell werde in uns und in dieser Welt und uns Gottes grenzenlose Weite offensteht. Ihm sei Ehre.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
EG 382, 1-3 Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr