Lost places

„Die Welt wird immer verrückter“, dachte sich der Knecht, als er den Stall auskehrte. Ochs und Esel betrachteten ihn bei seiner Arbeit und sagten – natürlich – nichts dazu. „Immer verrückter, die Welt und die Leute!“. Keine vier Wochen war es her, dass ein Zimmermann mit seiner hochschwangeren Frau abends bei seinem Herrn aufkreuzte:

Ob wohl noch ein Zimmer frei sei – zu dieser Zeit, mitten während der Volkszählung! Da dachte wohl wieder jemand, alle warteten auf ihn. Nun, sein Kind hat nicht gewartet: In der gleichen Nacht noch war die Geburt – doch wohin mit dem Neugeborenen? Da blieb nur die Futterkrippe – ein Unding, eine Zumutung, für das Kind und für die junge Mutter!

Einfach verrückt, und so ging es weiter: Erst kamen ein paar Hirten von den umliegenden Feldern, später drei Gelehrte von sonst woher, und dann zogen Vater, Mutter, Kind auch schon wieder los – aber nicht nach gleich Hause, sondern erstmal Richtung Ägypten, weg von dunklen Machenschaften des Herodes, wie es hieß. Wie das wohl enden wird!

Ochs und Esel blieben stumm, während der Knecht weiter den Besen schwang. Kalt war es geworden, karg und schmucklos wieder der Stall im kleinen Bethlehem. Nichts gab er mehr zu erkennen von jenen wunderbaren oder verrückten Geschehnissen vor ein paar Wochen, so als wäre nichts gewesen: Ach wie flüchtig, ach wie nichtig…

„Die Zeit heilt alle Wunder“, heißt es wortspielerisch in einem Lied der Gruppe „Wir sind Helden“, und es spricht von einer Erfahrung, die wir alle wohl schon das eine oder andere Mal gemacht haben: Schöne Momente, große Hoffnungen, der Zauber eines Neubeginns – all das hat seine Zeit und findet leider auch irgendwann ein Ende, so wie die Weihnachtszeit mit ihrem Glanz vielerorts schon jetzt und bald auch im Kirchenjahr abgeschlossen ist.

Die eigenen vier Wände machen wir uns schnell wieder schön, holen uns Frühblüher in die Wohnung und damit das Versprechen neuer, wärmerer Tage. In unserem Innern, in unseren Familien, in der Gesellschaft oder in der großen Weltpolitik gelingt das nicht so leicht, und auch nicht in der Kirche, wenn die Bänke wieder leerer werden im neuen Jahr!

Niedergeschlagenheit, die mehr ist als eine vorübergehende „Winterdepression“. Harter, trockener Boden, auf dem nichts gedeiht. Die vergebliche Suche nach frischen Quellen. Leer bleibende Krüge, die an bessere Zeiten zurückdenken lassen, wo täglich aus dem Vollen geschöpft wurde.

Jeremia deutet die langanhaltende Dürre in Juda politisch und theologisch, als eine Folge von Selbstherrlichkeit und Gottvergessenheit. „Schuld“ ist hier ein zentraler Begriff, und wie herrlich einfach wäre es, könnte ich diesen Gedanken, diese Klage 1:1 übernehmen: Mahnend mit dem Finger auf diese und jene unselige Entwicklung zeigen, Politiker, Manager, Geflüchtete oder Wohlstandsverwöhnte verantwortlich machen, ihnen alles Vergehen und Versagen vor die Füße werfen: Seht nur, was ihr angerichtet habt!

Aber wie heißt es so schön? Beim ausgestreckten Zeigefinger zeigen drei Finger auf mich selbst: Mein eigenes Fehlverhalten, meine Versäumnisse, mein verschlossener Blick vor offenkundigen Problemen, all das bringt auch mich auf die Anklagebank, und da will ich eigentlich nicht hin. Grenzerfahrungen schätzen wir Menschen nicht besonders, selbst der wildeste Extremsport reizt nur, wo ich mich auf Absicherungen und gute Ärzte verlassen kann.

Juda jedoch, so lesen wir bei Jeremia, Juda liegt jämmerlich da: Seine Städte, einst stolze und prächtige Wahrzeichen für Sicherheit und Wohlstand, sie sind heruntergekommen und ein Bild des Jammers. Asche zu Asche, Staub zu Staub – nur Wehklagen steigt noch aus den Trümmern empor.

Als „lost places“, verlorene Plätze bezeichnet man so etwas heute: Große Freizeitparks, aufwendig gestaltete Erlebnisbäder, imposante Industrieanlagen – pleite gegangen, dem Verfall preisgegeben, zu Schandflecken in der Landschaft verkommen. Man findet sie in aller Welt, auch hier in unserer Region. Was war passiert? Ist eine Finanzierung geplatzt, weil die Planer falsche Hoffnungen in das Projekt gesetzt hatten?

„Da muss man doch was machen können!“ heißt es oft, wenn es unerwartet hart auf hart kommt: Da muss sich doch noch ein Investor finden, da muss es doch noch ein lebensrettendes Medikament geben oder eine neue Technik, mit der sich das Bedrohliche abwenden oder zumindest aus dem unmittelbaren Blickfeld verdrängen lässt!

Und wo die menschliche Kunst nicht reicht, darf irgendwann vielleicht auch Gott sich endlich mal bewähren und aushelfen: „Not lehrt beten“, Unglück rüttelt uns auf, macht das Herz unruhig und lässt unsere Klage, die Frage nach dem großen „Warum“ laut werden vor Gott:

Wenn wir mit unserem Latein am Ende sind und wie Hiob anfangen, Klartext zu reden mit Gott und den Menschen. Wir kennen solche Zeiten und solche Anfechtungen des Glaubens, sie machen nach Luther genau wie das Gebet und die Andacht die lebendige Beziehung zu Gott aus – auf ihre Weise:

„Warum stellst Du Dich, als wärst Du ein Fremder im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt?“ heißt es weiter bei Jeremia – und lässt die Geborgenheit der Weihnachtstage, die Präsenz Gottes in unserer Welt beunruhigend brüchig erscheinen.

Es ist mehr als bloßes Unwohlsein, was unser Predigttext beschreibt – es ist der Kampf ums nackte Überleben, der keine Gnade und keinen Nächsten kennt: Wo Schwache wie auch Starke auf der Strecke bleiben, wo Visionen und Hoffnungsbilder nicht nur unsanft geerdet werden, sondern gänzlich verlöschen. Die Dürre, die Juda hier bei Jeremia heimsucht, sie ist existenziell!

Ob buchstäblich oder im übertragenen Sinne verstanden – in Dürrezeiten zeigt sich, wie viel Kraft unter der toten Oberfläche verborgen liegt: Wurzeln, die tiefer hinabreichen als die Hitze zu verbrennen vermag. Wasseradern, die einen Rest von Leben bewahren, Samenkörner, deren harte Hülle sie ausharren lässt, bis ihre Zeit kommt und Neues heranwächst.

Schuldfragen, wie Jeremia sie aufwirft, muss man sich irgendwann stellen: Sie, ich, „die da oben“ genau wie auch die angeblich ach so Unbeteiligten: Wenn das Tun und Denken von Menschen gedeihlich, sinnstiftend und lebensdienlich sein soll. Wenn Fehler benannt und behoben werden sollen, ohne ständige Angst vor Entdeckung, ohne die ewigen Ausflüchte, weil Scham und Verleugnung uns unerbittlich fest im Griff haben.

Buße und Umkehr bedeutet, auch etwas loszulassen, hinter sich zu lassen, mitunter auch sterben zu lassen, das unserem Verhältnis von Mensch zu Mensch, von Mensch zu Gott im Wege steht. Buße und Umkehr haben auch nichts gemein mit all den guten, aber oft unhaltbaren Vorsätzen für das neue Jahr, wie schon Erich Kästner wusste: „Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen. Es nützt nichts, und es schadet bloß, sich tausend Dinge vorzunehmen. Lasst das Programm, und bessert Euch drauflos!“

Mit Jeremia tritt uns bereits in der Epiphaniaszeit ein Passionsprediger entgegen, ein Vorbote, wenn Sie so wollen. Er stört empfindlich unseren Weihnachtsfrieden, wenn er uns daran erinnert, dass wir Gott nicht mit unseren Maßstäben messen können: Zu klein ist unser Glaube, zu eng unser Herz und zu endlich unser Horizont.

Uns bleibt nichts anderes, als Gott selbst gegen Gott anzuführen, wenn er uns fremd geworden ist. Gottes Liebe, seine Verheißungen, das Kind in der Krippe und Gott, der in Jesus Christus Schuld und Tod auf sich nahm, das tiefste, finsterste Tal durchschritt, um uns den Himmel neu zu öffnen. Ich muss an die Emmaus-Jünger denken auf ihrem Weg:

Überschattet vom Tod Jesu am Kreuz, überwältigt von Schmerz und Verzweiflung scheuen Sie sich nicht, ihren Glauben und ihre Ratlosigkeit zu teilen mit jenem Unbekannten, der da zu ihnen stößt. Jesus, der Auferstandene: Ein Wanderer, der nicht mal über Nacht bleibt, sondern gleich weiterzieht – kaum, dass die Jünger es begreifen.

Da ist kein Halten, da ist kein „Gutsein“, keine Gewissheit, auf der man sich lange ausruhen könnte. „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden“ – auch diese Bitte blieb damals unerhört, doch ihre Herzen brannten: Vor Schmerz? Vor Liebe? Vor einer Erkenntnis, die alle Worte übersteigt?

„Die Welt wird immer verrückter“, sagt sich der Knecht noch einmal, als er fertig war. „Aber der Stall ist wenigstens wieder ordentlich, die Krippe wieder Krippe.“ Er lehnt den Kehrbesen an die Wand, trat ins Freie und atmete tief durch. Dunkel war es geworden.

Und Ochs und Esel sagten natürlich wieder nichts. Aber die Sache mit dem Stern und dem Kind, die war noch lange nicht vorbei: Unaufhaltsam nahm sie ihren Lauf, nahm die verrücktesten Wege und fand einfach kein Ende.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen in Jesus Christus – Amen!

Benachrichtigungen aktivieren Okay, gerne! Nein danke!