Unmensch

Immer wieder hört man in den Medien Beispiele davon; allein in den letzten Wochen machten gleich mehrere dieser Meldungen die Runde: Unschuldig Verurteilte, die zwanzig oder dreißig Jahre im Gefängnis saßen. Ihr halbes Leben verbrachten sie hinter Gittern, bis plötzlich ein neuer Beweis, ein neuer Zeuge oder der tatsächliche Täter auftauchte und sie doch noch entlastet wurden.

Solche Vorkommnisse wecken Zweifel am Rechtssystem; dass so etwas passieren kann, macht Angst: Eine Falschaussage hier, ein Missverständnis dort, und der laute Ruf der Menge nach Gerechtigkeit reichen manchmal aus, Schicksale von Menschen zu besiegeln.

Gerade nochmal gut gegangen, bei denen, die dann doch wieder freikamen und ein neues Leben beginnen konnten – spät, aber vielleicht nicht zu spät. Doch machen wir uns nichts vor: Es wird kein einfaches Leben für diese Menschen werden, und ein normales schon gar nicht. Und verlieren wir dabei auch nicht aus dem Blick, dass wir ohne Rechtsprechung, ohne Verurteilung und ohne die Inhaftierung von Straftätern ebenfalls gewaltige Probleme hätten:

So anfällig für Fehler ein Rechtssystem auch sein mag, bietet es zugleich auch immer Schutz – gerade den Schwachen, die sich nicht selbst schützen können, denen ohne Einfluss und Stimme, die sich in jeder Lebenslage immerhin noch auf allgemeines Recht berufen können.

Und zuguterletzt hören wir ja auch in unseren Breitengeraden mitunter den Ruf nach Vergeltung: Wer gemordet hat, mit Vorsatz und bei klarem Bewusstsein, der ist des Todes! Eine Haltung, die bei uns Gott sei dank zwar wenig gesellschaftsfähig ist, in den meisten Ländern dieser Welt aber offiziell anerkannt und umgesetzt wird. Im Nahen Osten,
Malaysia, China, in den USA: In 68 Staaten wird noch heute die Todesstrafe praktiziert, die auch in Europa lange Zeit galt. In der DDR wurde sie z.B. erst 1987 abgeschafft – zumindest offiziell.

Warum werden Menschen verurteilt, zum Tode verurteilt und auch tatsächlich getötet? Was treibt einen Staat dazu an, einen Staat, hinter dem ja immer auch eine Gesellschaft oder eine weit verbreitete Ideologie steht? In einer Fernsehdiskussion sprach hierüber eine Wissenschaftlerin und zählte gleich mehrere Beweggründe auf:

Rache – um der Wut über das Verbrechen ein Ventil zu geben und diejenigen zu trösten, die betroffen sind von der Tat: Angehörige, Freunde, Nachbarn. Es hat sich jedoch schon oft gezeigt, dass Trost, echter Trost so nicht gefunden wird. Gleiches gilt für ein weiteres Motiv, die Abschreckung:

Verbrecher sind selten Menschen, die ruhig abwägen und kalkulieren. Sie handeln meist im Affekt, aus Verzweiflung oder fühlen sich selber im Recht als von der Welt Benachteiligte. Schwerverbrecher handeln oft ähnlich wie die, die ihren Kopf fordern: Bei beiden kommt es zu einer Enthumanisierung und zu einer Dämonisierung von Menschen. Der Blick für den Einzelnen wird unscharf, das abstrakte, kalte Prinzip herrscht über alles.

Was passiert, wenn Menschen ihr Menschsein abgesprochen wird, das wissen wir aus dem wohl finstersten Kapitel deutscher Geschichte: Der Holocaust wurde vor allem möglich, weil die Juden nicht mehr als Menschen mit ihrem vollen Wert und ihrer ganzen Würde betrachtet wurden. Sie alle wurden entmündigt und entwertet durch eine krude Behauptung, die sich als „Rassenlehre“ den Schein der Wissenschaftlichkeit gab. Sie alle standen plötzlich für etwas, worin der jeweils Einzelne nicht mehr vorkam. Das nimmt den Handelnden die Hemmungen und dämpft das schlechte Gewissen.

Ähnliches geschieht bei der Dämonisierung: Hier personifiziert sich alle Wut, alle Aggression und alles Schlechte in dem Verurteilten. Wird er getötet, wird auch all das Schlechte und Dunkle in der Welt getötet und diese dadurch, so meint man, ein wenig heller. Wir kennen das Ritual des „Sündenbocks“, dem symbolisch alle Vergehen aufgeladen werden und der dann in die Wüste gejagt wird: Ein durchaus selbstkritisch verstandener religiöser Brauch im Alten Testament, aber ein meist selbstherrlich und einvernehmlich vollzogener Akt in der heutigen Gesellschaft, in der Politik, auf Arbeit oder in den Familien.

Gerechtigkeit, Selbstgerechtigkeit, Überheblichkeit und Demut: All das spielt in unser Handeln hinein, mal mehr, mal weniger. Der Prophet Nathan wählte eine gute Methode, um König David die Augen darüber zu öffnen: Er erzählte eine Geschichte von zwei Männern, der eine reich begütert, der andere arm. Dieser besaß nur ein Schaf, das ihm obendrein lieb war – und gerade das ließ der reiche, wohl auch ein wenig geizige Mann schlachten, um einen seiner zahllosen Gäste zu bewirten. Er nimmt dem Armen damit alles, was er hat – das Wertvollste, das Liebste. Keine Frage: Ein ungeheures Verbrechen, moralisch absolut verwerflich.

Wohl jeder würde so wie David auf diese Erzählung reagieren: Es braucht kein Jurastudium, um hier die Schuld festzustellen und ein Urteil zu sprechen. Der Fall liegt klar auf der Hand. Und jetzt komme bitte nicht wieder so ein vom Leben Verwöhnter, Gutbehüteter und rede von Milde und Nachsicht! Wenn hier nicht die Gerechtigkeit zum Zuge kommt, dann brauchen wir nie wieder davon zu reden. Wer anderen das Liebste nimmt, wer anderen schadet um sich selbst schadlos zu halten, der ist unzweifelhaft nur eines: Der ist des Todes.

„Du bist der Mann!“ sagt Nathan zu David. Mutige Worte gegenüber einem König, der ja durchaus das Recht und die Macht hatte, Todesurteile zu verhängen. Aber David hatte ein Gewissen, und daran appellierte Nathan. „Du bist der Mann!“ Du hast furchtbare Dinge getan, die Du selbst verurteilst. Was in der Geschichte von den zwei Männern geschehen ist, das hat sich ganz ähnlich so auch in der Wirklichkeit abgespielt, das wurde tatsächlich verbrochen und erlitten, und die Folgen der Tat sind im Grunde unübersehbar.

David hatte sich die Frau eines anderen genommen. Er hatte sie neugierig beobachtet, sich in sie verguckt – und schickte ihren Mann an die Front, damit er dort umkam und der Weg frei wurde. Ein fein kalkulierter Plan, der auch wunderbar funktionierte. Am Ende aller Taktik aber stand die Schuld offen im Raum: „Du bist der Mann!“ Keine Erklärung hilft, keine mildernden Umstände gelten.

„Du bist der Mann! Du bist die Frau!“ Ja, liebe Gemeinde, wir sind gemeint. Wenn wir unsere Fäden spinnen, uns die Dinge zurechtlegen, dann kann das eine ganze Weile gut gehen. Bis eben einer kommt und alles aufdeckt, uns und anderen die Augen öffnet. Es ist das Werk unserer Hände, unserer Worte und Gedanken, das dann offen daliegt.

Die Wissenschaftlerin aus der Fernsehsendung hatte – natürlich – ein Buch geschrieben. Es trug den schönen Titel „Jeder von uns kann zum Mörder werden“. Nun, das scheint mir zu reißerisch formuliert, zu weit hergeholt und zu weit weg von unserer Lebensführung, die ja so dramatisch schlecht nun auch wieder nicht ist! Was der Titel zum Ausdruck bringen wollte, war eher Folgendes:

Seien wir uns unser selbst nicht so sicher. Wir alle sind große Künstler darin, unser Handeln schönzureden, wie immer es auch ausfällt. Unsere Unbestechlichkeit verlässt uns, wenn sich der Blick nach innen richtet. Und so folgt Unrecht auf Unrecht, Tod auf Tod.

Um zu einem Leben zu finden, das nicht bestimmt wird von diesem unseligen Kreislauf, das uns hilft, ohne falschen Stolz, aber auch ohne Angst in den Spiegel zu schauen – da braucht es jemand von außen, der uns wie Nathan die Augen öffnet. Gut wäre es, wenn dieser jemand glaubwürdig ist; wenn er das Leben und alle seine Niederungen kennt, durch die wir gehen und die uns immer wieder verleiten. So jemand, der mit beiden Beinen fest auf der Erde steht und weiß, was uns umtreibt.

Gut wäre es auch, wenn dieser jemand uns dann nicht mit der schonungslosen Wahrheit allein lässt: Der faule Apfel schmeckt nicht besser, wenn ich ihm das falsche Etikett abgezogen habe! Gut und notwendig wäre es, wenn wir unsere Schuld und Last bei ihm ablegen könnten – nicht um schon wieder einen Sündenbock zu haben, sondern weil er alles, womit wir uns so unendlich schwertun, tragen kann und tragen will. Eigentlich unvorstellbar!

Das Ärgernis, die Torheit des Kreuzes – an ihm zerbricht unser Stolz, unsere Vergeltungssucht, unser lautes Rufen nach einer besseren Welt, an der wir doch ohne weiteres still und ruhig arbeiten dürfen. Nur leider stehen wir uns dabei oft selbst im Weg: Es ist an Gott, den Kreislauf von Schuld und Verurteilung zu unterbrechen.

Es ist an ihm, uns die Augen zu öffnen und uns einen Weg zu zeigen, bei dem unsere Taten, gute wie schlechte nicht mehr das Entscheidende sind. Es ist der Auferstandene, in dem unsere Welt ihr Urteil gefunden hat und in dem wir alle zu einem neuen, guten und gerechten Leben berufen sind.

Du bist der Mann. Du bist die Frau. Du bist gemeint – Dein Nachbar auch und Deine Nachbarin, natürlich, ebenso wie die Lieben daheim, die Kollegen, alle, die wir miteinander umgehen und uns dabei mitunter vergehen.

Aber der Weg mit Gott, an dessen Ende nicht Schuld und Urteil, sondern Gnade und Leben stehen, dieser Weg, an dessen Anfang das Kreuz Christi steht, dieser Weg beginnt mit Dir. Dafür ist Gott Mensch geworden, um Dir als Mensch zu begegnen und Dich zu befreien von deiner Angst und Schuld.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.