Schaut, da ist er schon wieder! Dreht und wendet sich in seinem neuen Kleid, blau ist es und mit Gold bestickt. Er dreht sich vor dem Spiegel, seine Augen leuchten vor Glück und daneben sitzt sein Vater, unser Vater und strahlt ebenfalls über das ganze Gesicht. Er hat seinen Liebling wieder glücklich gemacht! Josef, des Vaters Liebling!
Und wir? Wir Älteren, die wir Tag für Tag auf die Felder hinausgehen und die Herden hüten, schuften und schwitzen – wir gehen mal wieder leer aus. Josef, sein Josef, der darf bei den Zelten bleiben, der bringt höchstens mal das Essen raus und dann schwärmt er uns auch noch vor, wie was für ein toller Hecht er ist, und wie gut der Vater zu ihm ist. Es reicht! Wir Älteren sind uns einig. Schon zu lange haben wir diese Bevorzugung ertragen müssen.
Haben wir nicht dieselben oder gar noch ältere Rechte? Zwar ist unsere Mutter nicht des Vaters vielgeliebte Frau Rahel, aber trotzdem sind wir seine Söhne! Und immer und immer wieder haben wir Josef vor Augen, und unser Vater ist von ihm wie geblendet, so dass er uns kaum wahrnimmt.
Josef muss verschwinden, er muss weg, damit unsere Familie gerettet wird von dieser Ungerechtigkeit! Wir haben uns alles genau überlegt: Wenn er morgen zu uns kommt, töten wir ihn und sagen dem Vater, ein wildes Tier hat ihn gerissen.
Aber geht das? Er ist immerhin unser Bruder. Können wir wirklich über seine Leiche gehen? Sein Blut klebt dann an unseren Händen! Er soll einfach nur verschwinden. So machen wir es: Wir verkaufen ihn an eine Sklavenkarawane, töten dann eine Ziege und zeigen dem Vater Josefs blutiges Gewand. Soll er sich einen Reim darauf machen!
Liebe Gemeinde, Geschwisterkonflikte sind keine ungewöhnliche Sache. Geschwister ringen häufig miteinander um Zuwendung und Anerkennung, und allzu oft spielen dabei Neid und Angst eine Rolle wie bei Josef und seinen Brüdern. Und das sind nicht die ersten Streitigkeiten unter Geschwistern, die in der Bibel begegnen. Blicken wir in die Generationen vor Josef, so ziehen sich solche Streitigkeiten durch die gesamte Familiengeschichte:
Zum Beispiel Kain und Abel: Abel war Landwirt und Kain Viehhirte – beide brachten Opfer ihrer Arbeit. Beide bemühten sich um bestmögliche Ergebnisse, beide suchten Anerkennung. Anerkennung von Gott. Doch Gott reagierte wie wir es zuweilen von Eltern kennen:
Eltern lieben ihre Kinder und wenn man sie fragen würde, ob sie eines lieber haben als das andere, dann würden sie sicher aus tiefstem Herzen verneinen, aber letztlich bekommt der eine mal mehr Lob und der andere steht hintenan. Unbewusst, sicher auch unbeabsichtigt kommt es zu Bevorzugung, aus welchem Grund auch immer.
So, mit diesem elterlichen Verhalten wird Gott in unserem Predigttext beschrieben: Es wird aus der Erzählung nicht deutlich, warum Gott das Opfer Abels gnädig ansieht und Kains Opfer verschmäht, aber es wird von der Reaktion Kains berichtet: Der Neid blendet ihn so sehr, dass er Abel erschlägt. Kain flieht, leugnet seine Tat, aber er entkommt Gott nicht, er entkommt der Wahrheit nicht. Sie holt ihn ein, aber sie lässt ihn am Leben. Gezeichnet mit dem Kainsmal kann er sich ein neues Leben aufbauen, gezeichnet, aber geschützt von Gott: Keiner darf ihm sein Leben nehmen.
Anders verhält sich der Geschwisterkonflikt bei Esau und Jakob. Auch hier Rivalität, wenngleich diesmal durch die Mutter begünstigt. Jakob betrügt seinen Bruder Esau um den Erstgeburtssegen und muss fliehen, muss sein Vaterland verlassen und sich in der Fremde ein ganz eigenes Leben aufbauen. Er gelangt zu Wohlstand und Ansehen, doch all das führt ihn nicht an dem Konflikt mit Esau vorbei. Eines Tages muss er sich ihm stellen. Und es passierte, dass sich nach vielen Jahren der Trennung und nach großer Überwindung beide Brüder um den Hals fielen und ihre Versöhnung feierten.
Jakob hatte viele Söhne: Die zwölf Stämme Israels gehen auf sie zurück. Auch hier: Konkurrenz, Neid und finsterste Absichten gegenüber dem Bruder Josef, dem Liebling des Vaters. Doch Gott hielt seine schützende Hand über Josef: Seine
Brüder töteten ihn nicht, sondern verkauften ihn an einen Sklavenhändler. So kam Josef nach Ägypten und stieg dort zum Berater des Pharaos auf. Er wurde reich und mächtig. Es ist eine Geschichte voller Höhen und Tiefen, voller wunderbarer Wendungen.
Dann – ungefähr fünfzehn Jahre später stehen sie sich unerwartet wieder gegenüber: Josef und seine Brüder, die einstigen Konkurrenten um die Gunst des Vaters. Beide Seiten sind Opfer: Die Brüder Opfer von Josefs häufiger Bevorzugung, Josef Opfer der brüderlichen Missgunst. Josef kränkte seine Brüder, weil er einfach nicht verstehen konnte, dass sie sich nicht mit ihm freuen konnten, weil er nie fragte, wie es wohl ihnen erging, weil er nie die Nähe seiner Brüder suchte, sondern sie scheute und sich lieber in dem Sonderstatus sonnte. So drehte sich das Blatt, und aus den Opfern wurden Täter, die Josef beseitigten, die eine ungeheuerliche Lüge in die Welt setzten, um sich ihr Recht zu verschaffen und um ihre Stellung in der Familie aufzuwerten.
15 Jahre später – lange Zeit ist ins Land gegangen, eine halbe Generation. Die Brüder und Josef haben ihre jeweils eigenen Höhen und Tiefen durchlebt und unterschiedliche Entwicklungen durchgemacht. Sie haben ihre eigenen Existenzen aufgebaut, sind in gesellschaftlich gesicherten Positionen, jeder auf seine Weise. Not bringt sie jetzt unerwartet wieder zusammen; die Brüder kommen nach Ägypten, um Hilfe in der Dürrezeit zu erbitten. Josef ist der Verwalter der Getreidespeicher, es ist genug für alle da – trotzdem lässt er seine Brüder erst zappeln, gibt sich nicht gleich zu erkennen. Ich kann mir vorstellen, wie da in Josef traurige Befriedigung und freudige Aufregung miteinander rangen!
Traurige Befriedigung, weil ihre gemeinsame Geschichte so viel Böses aufwies und er doch nicht zugrunde ging. Freudige Aufregung, weil nun womöglich Wunden heilen können, die in der Vergangenheit aufgerissen wurden, weil nun vielleicht endlich ein neues Verhältnis auf besserer Grundlage unter den Brüdern möglich wird.
Wie geht das? Wie kann Josef seinen Brüdern begegnen ohne Rache zu nehmen? Wie kann er so mit seiner Geschichte Frieden schließen, die so ganz anders verlief als er sich einst vorgestellt hatte? Aus der Familienberatung sind ganz verschiedene Möglichkeiten bekannt, die zu einer solchen Entwicklung führen können: Seelische Wunden, Verletzungen können heilen, auch wenn Menschen ganz tief unten sind, so wie Josef: Von seinen Brüdern in einen Schacht gestoßen und allein gelassen. Eine grausame Tat, aber sie wird von den Brüdern in Kauf genommen. Solche seelischen Verletzungen können tiefe Wunden reißen.
Das Märchen von Scherazade, die wir aus der Erzählung von 1001 Nacht kennen, berichtet von einem Mann, der von seiner Frau betrogen wird. Tief verletzt flieht er und taucht bei seinem Freund unter. Dort sieht er, wie dieser von seiner Frau ebenfalls betrogen wird – und als er das realisiert, dass es anderen genauso ergeht oder vielleicht noch schlechter als ihm, lässt der Schmerz der Wunde nach, beginnt sie – langsam und nicht ohne Narben – zu heilen.
Josef erlebt, dass seine Brüder an der Hungersnot leiden, ihre Heimat verlassen müssen und als Bittsteller zu ihm kommen. Ihre Hinterlist hat nichts genützt. Und Josef ist in einer anderen, gesicherten Position, die er sich selbst erarbeitet hat. Er begegnet seinen Brüdern auf anderer Augenhöhe. Wunden können heilen, aber sie brauchen Zeit und brauchen eine Entwicklung in dieser Zeit: Das Trauma, die Kränkungen müssen bearbeitet werden und heilen können.
Josefs Vater Jakob hat dasselbe erlebt mit Esau, auch sie begegneten sich nach langer Zeit wieder und versöhnten sich. Gottes Mühlen mahlen langsam, sagt ein Sprichwort: Es braucht Zeit und es braucht Verzicht. Josef und auch Esau verzichten auf Rache. Verzichten darauf, erlittene Wunden anderen zuzufügen. Die Spirale der Gewalt dreht sich nicht
weiter, nicht mehr – endlich!
Im Römerbrief lesen wir: Mein ist die Rache, spricht der Herr. Die Regelung des Unrechtes Gott überlassen, nicht selbst die Hand an andere zu legen, das ist eine große Herausforderung, doch letztlich zeigt die Geschichte, dass sie dazu führt, dass man Frieden schließen, so wie Josef Frieden schließen kann mit seiner Geschichte und dass er seinen Brüdern nicht rachsüchtig begegnet. Er hat Gottes Güte erfahren und ist sich dessen bewusst. Er drückt es in seinem persönlichen Bekenntnis aus: Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut mit mir zu machen.
Dietrich Bonhoeffer kleidet diese Erkenntnis in andere Worte. Er schrieb aus dem Gefängnis: Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.
Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten. Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.
Gott steht über allem: Über Jakob und Esau, über Josef und seinen Brüdern, auch über unseren Familien, und zugleich ist er auch „mitten drin“: Er hat Konflikte am eigenen Leib erlebt und musste erfahren, was Menschen einander antun können aus Neid, aus Angst, aus Machtinteressen, aufgrund erlittenem oder empfundenem Unrecht.
Er, Gott, stirbt am Kreuz, von Menschen geopfert, die ihn aus dem Weg haben wollten. Das Kreuz steht für Wunden, Schmerzen und Tod. Hatte Josef ähnliche Ängste als er in dem Schacht saß, machtlos gegenüber seinen Brüdern? Erlebte Dietrich Bonhoeffer Ähnliches im Gefängnis in Berlin, voller Ungewissheit, was mit ihm geschehen würde und doch an der Güte Gottes festhaltend?
Gott ist bei uns in den dunkelsten Stunden, er hat den Tod selbst gekostet, dem Bösen ins Gesicht gesehen – und letztlich stand am Ende das Leben, stand der Neubeginn. Neues Leben für Christus, neues Leben für uns. Gutes beginnt, das das Böse hinter sich begraben hat. Josef beginnt mit seinen Brüdern neu, nach 15 Jahren, „denn Gott gedachte es gut zu machen“.
Liebe Gemeinde, und die Brüder? Welch ein Schreck war es für wohl sie, als sie Josef erkannten und ihnen klar wurde, dass sie von ihm, den sie nie wiederzusehen dachten, nun auf einmal abhängig waren? Fieberhaft gingen die Gedanken hin und her: Fliehen? Unmöglich. Zurückgehen? Unmöglich. Alles ungeschehen machen? Unmöglich.
Hoffentlich ist Gott gnädig und hoffentlich ist Josef gnädig mit uns. So wie Gott gnädig war mit Kain, der seinen Bruder erschlug und am Leben blieb, gezeichnet mit dem Kainsmal. Auch Täter sind und bleiben Menschen vor Gott. Überlass die Rache Gott und seiner Gnade. In einem Lied von Jochen Klepper, der ebenfalls viel Unrecht gesehen und erlitten hat, heißt es vertrauensvoll: Lass es sein und gib dich drein, deine Zeit und alle Zeit steht in Gottes Händen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen