Niemandsland

Waren Einschnitte in ihrem Leben auch häufig mit Umzügen verbunden? Bei Aufnahme einer Ausbildung vielleicht, bei der ersten Arbeitsstelle, dem Beginn einer Partnerschaft? Oder bei Trennungen und Abschieden von Altvertrautem, von geliebten Menschen? Unser heutiger Predigttext erzählt ebenfalls von einem solchen Umzug:

Hörten wir vor zwei Wochen noch von der Geburt Jesu und gerade eben im Evangelium von seiner Taufe, so steht er nun plötzlich vor einer neuen Herausforderung: Johannes der Täufer ist gefangengenommen und sitzt in der Todeszelle. Vorbei ist die Zeit seines Wirkens am Jordan. Eine verstörende Nachricht, die allen Grund zu Angst und Sorge gibt: Warum nur geschieht das? Was soll nun werden, wie geht es weiter?

Eine Anfechtung, die Jesus just in einem Augenblick erreicht, wo er bereits kurz zuvor auf eine schwere Probe gestellt wurde. Zwischen Jesu Taufe und diesem Abschnitt ist von seiner Versuchung in der Wüste zu lesen. Vierzig lange Tage und vierzig lange Nächte klang ihm die Stimme des Verführers im Ohr, und sie fand verlockende Worte:

Er bot ihm an, aus Steinen Brot zu machen, damit weder Jesus noch sonst jemand mehr Hunger leiden müsste. Er wollte ihm die Welt zu Füßen legen, ihm die Macht geben, über alle Despoten und Unterdrücker zu herrschen und ihnen das Handwerk zu legen, und vieles mehr.

Einzigartige Möglichkeiten auch zum Guten zeichnen sich da ab. Sie machen es schwer, ja fast unmöglich, nicht nachzugeben – zumal es den Eindruck erweckt, hier habe jemand unsere innigsten Wünsche zum neuen Jahr erhört. Einkommen und Auskommen, Einfluss und Sicherheit, Gesundheit und Gerechtigkeit: Natürlich spricht uns all das im
Innersten an.

Jesus jedoch hielt stand. Drei Verse aus dem Alten Testament führten ihn jedes Mal an den Punkt, dass der Wille Gottes und unsere manchmal auch so verzweifelt drängenden, existenziellen Wünsche auseinanderzuhalten sind. Nur so hält man sich den Teufel vom Leib, auch wenn der nicht lockerlässt: Nun auch noch die Verhaftung und bald die Ermordung Johannes des Täufers! Ja, der Preis der Gottestreue ist manchmal hoch und trifft einen bis ins Mark.

Ein neuer Lebensabschnitt beginnt für Jesus, er zieht um. Er knüpft mit seiner Predigt nahtlos an die Botschaft des Johannes an: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“ – doch er geht nicht an den Jordan, um dort zu taufen. Er geht auch nicht nach Jerusalem, in die große Stadt mit ihren Tempeln und Schriftgelehrten. Nein, ihn zieht es ausgerechnet in die finsterste Provinz, die bei Matthäus so akribisch genau beschrieben wird:

Die Gegend von Kapernaum, am Nordufer des See Genezareth, ist ein absoluter Randbezirk: Beinahe ein „zweites Bethlehem“, so unbedeutend und normalerweise unbeachtet ist es. „Strukturschwach“, würden wir heute sagen. Was soll man von dort schon erwarten? Dort trifft man mehr Heiden als Gottesfürchtige, dort streut ihm niemand Palmzweige auf den Weg. Doch genau dort wird Jesus auf jenen römischen Hauptmann treffen, der sich so hartnäckig für seinen todkranken Untergebenen einsetzt, das man nur den Kopf schütteln kann: „Solchen Glauben habe ich in Israel bei keinem gefunden“

Er wird bodenständigen Fischersleuten wie Petrus begegnen, die sich von ihm ihren Alltag komplett durcheinanderbringen lassen. Helden und Feiglinge des Alltags kreuzen seinen Weg, moralisch zweifelhafte Zöllner und Randfiguren der Gesellschaft, Lebenskünstler und Verlierer machen dort Bekanntschaft mit Jesus.

Als Johannes zu früherer Zeit seine Jünger zu Jesus schickte, um zu fragen, ob er der verheißene Messias sein, hatte dieser schlicht geantwortet: „Blinde sehen und Lahme gehen, Aussätzige werden rein und Taube hören, Tote stehen auf, und Armen wird das Evangelium gepredigt.“ Und genau das geschieht nun auch in Kapernaum, jener trostlosen Gegend, die Jesus wegen ihrer lähmenden Gleichgültigkeit auch mal zur Hölle wünscht (Mt 11, 23).

Mit seiner Predigt stimmt Jesus das Lied des Lebens neu an, nachdem Johannes mundtot gemacht wurde. Er hat im Grunde auch keine neue Botschaft für die Menschen, er wiederholt einfach nur kurz und knapp, unverändert und unmissverständlich den Ruf des Täufers: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen!“

Die Verheißung, die wir zur Weihnacht gehört haben – dass da komme „ein Licht, zu erleuchten die Heiden, ein Volk, das im Finstern sitzt“ – diese Verheißung beschränkt sich nicht auf jene Nacht im Stall zu Bethlehem, auch nicht auf das Volk Israel. Diese Verheißung vollzieht sich nun auch ganz konkret und praktisch in jener galiläischen Kleinstadt, und wir merken: Sie gilt allen Menschen, ob sie nun in der Mitte der Gesellschaft oder am Rande leben, ob sie Weise aus dem Morgenland oder einfache Durchschnittsbürger in der Provinz sind, ob sie es glauben wollen oder nicht.

Die wunderbare Größe, aber auch die erschreckende Fremdheit der biblischen Verheißung: Wir spüren, wir erfahren sie am deutlichsten an unseren Grenzen, an den Orten und im Schatten des Todes. Sie kann uns ebenso restlos begeistern wie auch schmerzen, bis hin zur Unerträglichkeit.

„Das Volk, das im Finstern sitzt“: Das sind auch die Angehörigen auf der Intensivstation, das sind auch die Helfer in Krisengebieten oder die Prediger in der Wüste. Dort vom „hellen Licht“ zu sprechen geht schwer über die Lippen. Wer vermag denn schon, in solchen Momenten sich umzuwenden und auf den ersten Morgenstreif am Horizont zu achten, der kaum eine Chance zu haben scheint gegen die alles erdrückende Dunkelheit?

Das „helle Licht“ der Weihnachtsbotschaft hat es immer schwer im neuen Jahr. Der Weg von der Krippe in Bethlehem führt nicht ohne Grund an das Kreuz von Golgatha und von dort an das leere Grab des Ostermorgens. Dann wird das Himmelreich nicht nur nah, sondern tatsächlich da sein, vollkommen, greifbar, unendlich tröstlich. Bis dahin bleiben wir Suchende, Betende und Hoffende, die aus der Verheißung leben und den Horizont wachsam im Blick behalten: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.

Aber setzen wir das in unserem Alltag um? Und was ist mit unseren Mitmenschen, wie lebt man so für gewöhnlich in unserem „sächsischen Kapernaum“? Nun ja: Kaum anders als vor 2000 Jahren! Viele erleben auch heute die eindringlichen Worte und die heilsamen Taten Jesu eher als Zumutung. Gottes Zorn und Gottes Zärtlichkeit interessiert viele nur am Rande, wenn überhaupt. Einige aber lassen sich davon berühren, einigen kam Gottes Wort und Jesu Wirklichkeit so nahe, dass es ihr Leben veränderte.

Sie zogen neue Koordinaten in ihren Alltag ein, und es zieht sie seitdem zu Neuem hin. Sie sind Boten und Bauleute des nahen Himmelreichs geworden – manchmal unscheinbar, in kleinen Gesten und Taten, manchmal mit vollem Einsatz, ohne den Preis zu scheuen. Wertvoll und wunderbar sind alle diese Menschen, die aus dem Glauben handeln: Und wenn das neue Jahr ein gutes werden soll, dürfen wir auf sie, die Kraft des Glaubens und Gottes Botschaft an uns alle getrost vertrauen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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