Freiheitsruf

Glaube, Liebe und Freiheit – für Paulus die drei entscheidenden Elemente christlichen Lebens. Wo sie an oberster Stelle stehen, die Richtschnur unseres Denkens und Handelns bilden, da ist der Schritt vollzogen vom alten in den neuen Bund für die Juden, vom Dunkel ins Licht für die, die von Gott nichts wussten. Glaube, Liebe und Freiheit waren es auch, die vor 500 Jahren neu entdeckt, neu verstanden und ausgelegt wurden: Drei einfache, schöne Begriffe, die zugleich eine ungeahnte Sprengkraft hatten.

Vieles hat die reformatorische Bewegung seitdem hervorgebracht: Ein Aufblühen von Allgemeinbildung und Kultur, diakonische Einrichtungen in aller Welt, ein neues Selbstwertgefühl, das seinerseits den Weg freimachte für Entwicklungen, von denen wir bis heute profitieren.

Gerne hat sich die evangelische Kirche daher lange Zeit der Symbolkraft eines Martin Luthers bedient, der mit entschlossener Miene und markigen Hammerschlägen seine 95 Thesen in Wittenberg an die Tür der Schlosskirche heftete – damals 1517 freilich noch ohne die Absicht eines solch gewaltigen und leider auch gewaltsamen Umsturzes. Die Thesen waren lateinisch verfasst, also in der Gelehrtensprache, die besagte Tür eine Art „schwarzes Brett“, wo Aufrufe und Bekanntmachungen aller Art zu finden waren.

Mittlerweile sind die Zeiten lange vorbei, in denen die Kinder der Reformation, in denen wir Protestanten Wegbereiter und Stimmführer in unserer Gesellschaft sind. Ich entsinne mich noch der Friedens- und Umweltbewegung der 70er und 80er Jahre im Westen, da war Kirche mit dabei – mehr aber auch nicht. Ich habe noch die Bilder von 1989 vor Augen, wo die Kirche hierzulande Räume bot für die friedliche Revolution und ihr eine gute Richtung gab – bis die Gotteshäuser sich schnell wieder leerten, und die Kritik an der Kirche auch aus den eigenen Reihen wieder zunahm.

Schon beim Reformationsfest 2017 stellte sich daher die Frage, was es da eigentlich noch zu feiern gibt: Es stellte sich die Frage, ob man vielleicht wie so oft in der Geschichte irgendwo „falsch abgebogen“ oder gar stehengeblieben ist. Ein häufig gehörter Vorwurf lautet z.B., dass die ev. Kirche es mit ihrem Engagement für Umweltpolitik oder Flüchtlinge übertrieben habe, ja regelrecht aufgegangen sei in politische Standpunkte, die nicht alle ihre Mitglieder teilen. Eine andere Diskussion entzündet sich am tradierten Familienbild und darüber, wie ein Pfarrer oder eine Pfarrerin zu leben habe.

Zu geringe Verbindlichkeit und ein zu schwaches Profil wird weiterhin gesehen im ökumenischen Dialog mit anderen christlichen Konfessionen: Verraten wir da nicht unser lutherisch-reformiertes Erbe, wird da nicht verwässert und verharmlost, was uns im Wesenskern ausmacht? Die bei Kirchenaustritten spürbare Sippenhaft bei Skandalen wie aktuell in der katholischen Kirche macht die Situation nicht eben einfacher.

Und dann ist da schließlich noch die Krise, die uns alle in den letzten 20 Monaten an jedem einzelnen Tag begleitete: Corona. An Krisen kann man wachsen, heißt es – aber das Urteil über unsere Kirche steht hier noch aus. Neue, unerwartet gute Erfahrungen wie hunderte Teilnehmer an Videogottesdiensten oder die vielfältige Gestaltung der „stillen Nacht“ im letzten Jahr stehen unleugbaren Verlusten gegenüber etwa in der Kirchenmusik oder bei ausgesetzten Treffen von Gemeindekreisen.

Sind wir als Kirche zu leise geworden, zu brav, zu angepasst? Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte! Dennoch halte ich es für unangebracht, sich wie zuzeiten der Christenverfolgung wieder zurückzuziehen in den Untergrund und sich dort über den bösen Zeitgeist, die Irrwege des Mainstreams etc. zu erregen. Das macht sicher hier und da Eindruck, hat aber wenig mit unserer wunderbaren Berufung durch Gott, wenig mit der allen Sündern zugesagten Gnade Gottes und auch nur wenig mit jener Torheit des Kreuzes zu tun.

Glaube, Liebe und Freiheit – für Paulus die drei entscheidenden Elemente christlichen Lebens. Glaube – an Gottes Kraft, die im Schwachen mächtig ist, und die alle Allmachtsphantasien widerlegt. Liebe, die trägt und erträgt auch da, wo man mit reiner Vernunft nicht weiterkommt: Das lässt uns Menschen in guter Verbindung bleiben. Freiheit, die uns die Angst nimmt und füreinander da sein lässt – die freimacht auch von Geltungszwängen und Eitelkeiten, die doch so gerne so viel Platz in unserem Leben einnehmen.

Glaube, Liebe und Freiheit – das sind zugleich die großen Neuentdeckungen der Reformation, die ihre Würde haben auch ohne Heldenverehrung und konfessionelles Pathos. Feste Überzeugung, mutiger Widerstand und gelebte Werte – auch das sind natürlich Elemente unseres Lebens, und ich gestehe, dass ich mir manchmal mehr davon wünsche. Aber es wird gefährlich, wenn die Maßstäbe sich hier verschieben:

Wenn Abgrenzungsmechanismen immer deutlicher hervortreten, Mauern hochgezogen werden, wenn abenteuerlich zurechtgezimmerte Identitäten idealisiert und geradezu vergöttert werden. Dann laufen wir (vielleicht ohne es recht zu bemerken) wieder unter dem Joch, vor dem uns Paulus so eindringlich warnt.

Glaube, Liebe und Freiheit – drei einfache, schöne Begriffe, die zugleich eine ungeahnte Sprengkraft haben, heute wie damals. Luther selbst wusste sehr genau darum, und beschrieb es in seiner Freiheitsschrift von 1520 mit der berühmten, widersprüchlich scheinenden Aussage: „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Herr aller Dinge und jedermann untertan“.

Wie bequem ist es doch, wenn man Vorgesetzte hat, auf die sich alle Verantwortung schieben lässt! Wie ungeheuer entlastend ist doch ein Gesetz, eine Bestimmung, die mir keine Alternativen zum Handeln lässt! Nur dem Gewissen und Gott verpflichtet – das führt hingegen auch leicht zu Überforderung. Ja, Freiheit strengt an, ist nicht ohne Zumutungen und Versuchungen – davon berichtet schon die Bibel:

Als das Volk Israel von der Knechtschaft des Pharaos befreit zum gelobten Land zog, führte der Weg durch die Wüste – und „das Volk murrte, weil es sich nach den Fleischtöpfen Ägyptens sehnte“. Die Propheten, die Gott berief, wehrten fast alle ab: Auf dem Sofa zu sitzen und zu jammern war schon damals leichter.

Wie es mit der Liebe ist, und wie erst mit dem Glauben – ich denke, jeder von ihnen hat da bereits seine Erfahrungen gemacht und weiß um die Herausforderungen. „Du als Christ hast es leicht, du hast ja deinen Glauben“, solche Sprüche haben wir wohl alle schonmal gehört und uns dabei gedacht: „Du, der du meinst ohne Gott und Glauben leben zu können, du machst es dir in Wirklichkeit allzu leicht“!

Die Christen in Galatien, denen Paulus hier schreibt, sie hatten es auch nicht leicht. Der Freude über die neue, schnell gewachsene Gemeinde stand früh schon ein aufreibender Konflikt gegenüber. Es gab ernsthafte Abweichungen im Selbstverständnis, wir würden sagen, der „status confessionis“, die Frage nach der konfessionellen Identität stand zur Debatte. Uns scheint der Streitpunkt heute irrelevant, weil Hintergrund und Bindekraft der damals verhandelten Traditionen für uns nicht mehr nachvollziehbar sind: Wenn Nichtjuden zur Gemeinde hinzukommen, sollten die nicht auch beschnitten werden?

Wir haben andere Reizthemen, und das meine ich nicht abwertend: Eine gute Streitkultur ist immer auch Ausdruck von Engagement und Leidenschaft. Glaubensfragen lassen uns nunmal nicht kalt, und das ist gut so – hätte Luther damals nur mit den Schultern gezuckt, wären wir vielleicht heute noch im Mittelalter! Aber das Joch der Narrenfreiheit, der Selbstverliebtheit und des Fürwahrhaltens, das dürfen wir getrost anderen überlassen. Dafür darf kein Raum in der Kirche sein, an diesen Dingen lässt sich ihre Botschaft nicht ablesen, wird die Liebe Gottes nicht sichtbar.

Reformation, das meint Rückbesinnung auf die Herkunft und Ausrichtung auf die Zukunft. Eine Kirche, in der Menschen leben und arbeiten, braucht Reformation, immer wieder, nicht nur alle 500 Jahre. Ja, uns mag die Situation erschrecken, in der wir heute stehen – und ein beschwichtigendes „Das wird schon“ wird sicher nicht genügen. Wir alle sind gefordert, Ideen einzubringen, Einsatz zu zeigen, Neues zu wagen, Enttäuschungen zu riskieren und damit klarzukommen. Das ist die eigentliche Tradition, in der wir stehen – schon seit der Zeit der ersten Gemeinden, der Predigttext und viele weitere Texte belegen dies.

Manchmal könnte ich angesichts von voreiligen Änderungen, deprimierenden Rückschritten oder ewig scheinender Stagnation (nicht nur in der Kirche) in den Tisch beißen – und darf Ihnen versichern, dass auch meine Frau in ihrem Amt nicht nur Freudentränen vergießt. Dann hilft (mit ein wenig Abstand) ein Blick in die Geschichte, auf die Wege des Gottesvolkes, auf die vielen Prüfungen und die vielen Segnungen dabei.

Wir dürfen ein Teil dieser Geschichte Gottes mit den Menschen sein, und jeder auf seine Weise davon Zeugnis geben. Glaube, Liebe und Freiheit sind uns dafür von Gott geschenkt – machen wir was daraus!

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre eure Herzen und Sinn in Christus Jesus. Amen.

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