In den Wochen um Himmelfahrt und Pfingsten wird ja in vielen Gottesdiensten Konfirmation gefeiert. Das ist immer eine spannende Sache, weil wir es da mit jungen Menschen zu tun haben, die gewissermaßen am Übergang stehen. Und ich komme meistens aus dem Staunen nicht heraus, sehe ich die Veränderung, die sich an ihnen in so kurzer Zeit vollzogen hat!
Statt verlegen kichernder Mädchen begegnen einem da junge Damen mit allen Attributen gereifter Persönlichkeiten. Sie bewegen sich souverän im Altarraum, wo sie vielleicht bei der Krippenspielprobe zwei Jahre zuvor noch albern herumgetobt sind. Bei den Jungen – na ja, da dauert das meist ein wenig länger, und in manchem dunklen Anzug steht durchaus noch erkennbar ein großes Kind! Aber auch da wird man sich früher oder später verwundert die Augen reiben: War das nicht… ja, und ist jetzt ein junger Mann, eine junge Frau, die wissen, wo es lang geht und nun mit festen Schritten den Weg ins Erwachsenenleben gehen.
Mit der Konfirmation ist es auch deshalb eine spannende Sache, weil für das Familienfest viel vorzubereiten und zu organisieren ist – d.h. für die Eltern, in deren Zuständigkeit das fällt. Die Konfirmanden selbst verhalten sich unterschiedlich dazu: Da sind die einen (meistens die Mädchen), die sehr konkrete Erwartungen formulieren, wie alles ablaufen soll. Die anderen, in der Regel die Jungs, wollen von all dem Gewese mit der Familie lieber verschont bleiben. Und die Eltern haben die dankbare Aufgabe, all dem und den Gästen dann angemessen gerecht zu werden – aber als liebender Vater oder Mutter macht man das ja gerne…
Ja, Kinder können sich meist darauf verlassen, dass ihre Eltern ihnen Rückhalt geben – auch wenn nicht immer alles Harmonie und Sonnenschein ist. Am Anfang steht die Rundum-Betreuung mit schlaflosen Nächten und kaum Zeit für anderes. Dann kommt wenig später die Trotzphase, die einem schnell begreiflich macht, dass Kinder mehr Ausdauer haben als wir Erwachsene. Die Schuljahre meines Sohnes habe ich mit gleicher „Begeisterung“ verfolgt wie meine eigenen. In der Pubertät wird schließlich die Weltrevolution am Küchentisch geprobt, und auch nach dem 18. Geburtstag nimmt die elterliche Nervosität nicht wirklich ab.
Doch ganz gleich, welche Lebensphase das eigene Kind gerade durchmacht: Zu jeder Zeit steht für die Eltern unausgesprochen fest, dass sie bei ihm bleiben, es unterstützen, wo sie nur können – auch wenn mal Türen knallen, mit den Augen gerollt wird oder unbedachte Worte verletzen. Als Vater oder Mutter muss man sich das nicht alles gefallen lassen – aber für seine Kinder da sein, als ein Gegenüber, Stolperstein, Prellbock oder fester Halt im Leben, das sollte man schon: Sie sind auf dem Weg, unsere Kinder, sie lernen schrittweise laufen in einer ja nicht immer einfachen Welt. Sie sind uns anvertraut, sie brauchen uns – und darum lassen wir sie nicht allein, darum halten wir uns (am besten unauffällig im Hintergrund) bereit, um im richtigen Moment zur Stelle zu sein – vor allem mit Liebe, nicht mit großen Worten!
Ich will euch einen anderen Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit, lesen wir heute im Predigttext. Es scheint, nach Christi Tod und Auferstehung, nach Himmelfahrt und Pfingsten sind nun auch die Jünger erwachsen und mündig geworden. Sie müssen nicht mehr hinter Jesus herlaufen, nicht mehr seinen manchmal unverständlichen Anweisungen folgen. Mit der Ausgießung des heiligen Geistes zu Pfingsten feiert die Kirche ja auch ihren Geburtstag, ist die Christenheit also gleichsam „volljährig“ geworden und darf sich nun frei entfalten.
Hier sind es aber nicht die Kinder, die aus dem Haus gehen: Stattdessen stellt es sich so dar, als würden die Eltern die Schlüssel auf den Tisch legen und ihnen das Haus überlassen: Viel Spaß damit, eine gute Zeit und macht was draus – wir sind jetzt weg, und schreiben euch auch mal. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.
Was ist das für ein Band, das da geknüpft wird? Woraus setzt es sich zusammen? Zum einen ist da ein beachtliches Vertrauen: Den Jüngern, den frühen christlichen Gemeinden wird viel Vertrauen geschenkt. Gott legt seine Schöpfung und die weitere Verbreitung seines Wortes, seiner Botschaft an die Welt in die Hände von einigen Menschen – kann das gutgehen? Die Jünger geben in den Evangelien kein allzu überzeugendes Bild ab. Liest man die Briefe des Apostels Paulus und anderer, finden sich darin ebenfalls Berichte von Schwierigkeiten, Streit, Unsicherheit und großen Krisen.
Vielleicht wird gerade deshalb der heilige Geist so vielgestaltig beschrieben: Als der Tröster und Beistand, zu dem man fliehen kann, wenn man an den Menschen oder an sich selbst verzweifelt. Als der Lehrer, der einem die Augen öffnet über falsche Hoffnungen, Wunschdenken, Scheinwahrheiten. Als der unverfügbare Wille Gottes, der alles durcheinanderwirbelt, wo wir uns doch so schön eingerichtet und festgelegt hatten mit fertigen Antworten auf die Fragen der Welt, mit lieb gewonnenen Vorstellungen, mit einem trägen Herzen und bequemen Verstand.
Mit der Kirche ist es daher auch eine spannende Sache, weil es ungeachtet ihres Ursprungs in Gott, ihrer großen Botschaft und wunderbaren Verheißung immer wieder viel zu regeln gibt: Wo auch im Miteinander von Christen Geduld gefragt ist, wo Nachsicht und Vergebung geübt werden muss, es ohne ernsthafte Auseinandersetzung und Stehvermögen nicht geht.
Und dabei sind wir nicht viel anders als Konfirmanden gegenüber ihren Eltern: Wir laufen manchmal in zu großen Schuhen, wollen aber alles bestimmen. Wir überblicken nur einen Teil, meinen aber, alles zu kennen und besser zu wissen. Und manchmal, da halten wir uns unnötig zurück, wo wir doch viel mehr wagen und leisten könnten.
„Dass es die Kirche trotz allem noch gibt, ist eigentlich der größte Gottesbeweis“ – diesen recht flapsigen Spruch pflegte mein Vater als altgedienter Kirchenmusiker gern zu bringen, und er hatte in gewisser Weise recht! Wäre da nicht einer, der im Hintergrund geraderückt, was uns als Nachfolger Christi so alles richtig misslungen ist, in der Kirchengeschichte, in der Gemeinde, im ganz privaten Leben – es stünde nicht gut um uns und um diese Welt.
Was würde Jesus sagen? In manchen frommen Kreisen dient diese Frage als Prüfstein für die richtige Entscheidung, den richtigen Maßstab. Eigentlich eine gute Idee – aber die Antwort auf diese Frage geben am Ende immer noch Menschen, und sie könne damit leider auch ziemlich daneben liegen. Ob wir besonders fromm, eher pflichtbewusst oder nachlässig im Glauben sind: Gott erspart uns die Reifeprüfung nicht! Anders als bei sog. „Helikoptereltern“ lässt er uns als seine Kinder Erfahrungen machen, heilsame wie mitunter auch schmerzhafte.
Er, der in Jesus Christus Mensch wurde wie wir, der uns durch tiefste Tiefen und in höchste Höhen vorangegangen ist, bügelt unser Leben nicht glatt. Wir sind in der Welt gefordert, wir sind dazu von Gott berufen – und nicht allein auf uns gestellt: Durch den heiligen Geist bleibt Gott bei uns und wird in uns sein, so haben wir es gehört. Das ist das Band, das zu Pfingsten geknüpft wird. Ein Band, das uns mit Gott und miteinander verbindet. Ein Band, das schon ein beachtliches großes und starkes Netz geworden ist: Das so manche Trennung und Zerrissenheit überwunden hat, das Menschen eine gemeinsame Sprache sprechen lässt.
Werden wir uns heute zu Pfingsten dieser Verbindung wieder neu bewusst und geben wir weiter, was wir von Gott empfangen haben: Eine große Zusage, die uns demütig und mutig sein lässt. Die uns die Welt öffnet, dass wir als Gottes Kinder darin wirken und weitergeben, was wir von ihm empfangen haben. Damit auch wir aus dem Staunen nicht herauskommen, wenn wir die Veränderungen sehen, die Gottes Geist bei uns und in uns bewirkt!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.