Tiefenschärfe

Hatten Sie als Kind einen Spitznamen? Vielleicht haben Sie sich durch etwas Besonderes ausgezeichnet, durch ungewöhnliches Verhalten, durch ein bestimmtes körperliches Merkmal, ein ausgefallenes Hobby. Vielleicht stachen Sie in der Schule in einer gewissen Weise hervor – und zack, schon war ein Spitzname gefunden, der für einige Jahre zumindest ein Teil Ihrer Identität wurde.

Manche Spitznamen sind lustig, manche auch verletzend – und manche einfach notwendig, wenn die Eltern für ihr Kind einen ganz besonders ausgefallenen Namen gewählt haben, den sich einfach niemand merken kann.

Spitznamen haben den großen Vorteil, dass sie etwas über den entsprechend Titulierten verraten: Bei „Schnarchnase“ oder „Grobi“ wissen wir gleich, woran wir sind. Was Hans oder Ursula mit ihren Allerweltsnamen hingegen für Menschen sind, das erfahren wir erst, wenn wir einige Zeit mit ihnen verbracht und sie in ihrem Verhalten beobachtet haben.

Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Jesus weist seinen Hörern damit auch klare Eigenschaften zu, er sagt Ihnen: Ihr seid nicht irgendwer, ihr seid nicht Namenlose in einer großen Menge. Ihr seid nicht zufällig hier: Ihr seid etwas Besonderes in dieser Welt, man wird euch bemerken, jeden Einzelnen. Ihr gebt dem Leben Würze. Ihr macht es hell.

Das lasse ich mir gerne sagen – aber zu hören bekam ich eher andere Bezeichnungen: Der komische Kauz von der Kirche. Der Moralapostel. Der Vielredner. Bei der Zusage, etwas Besonderes zu sein, läuft man schnell Gefahr, selber abzuheben oder abgestempelt zu werden.

In meinem Beruf in der freien Wirtschaft galt ich vielen Arbeitskollegen, die Glaubensdingen fernstanden, anfangs oft als schräger Vogel, wurde bestenfalls belächelt, manchmal aber auch argwöhnisch als weltfremd betrachtet. Denn was man nicht kennt, das wirkt fremd, macht misstrauisch – gerade in den Bundesländern, wo Christen in der Minderheit sind, ein echtes Problem. Was tun?

Einige in der Kirche meinen, da müsse man einfach nur mehr auf den Putz hauen und die christlichen Überzeugungen mehr an die große Glocke hängen: Was uns überzeugt hat, muss andere doch auch überzeugen! Und wenn die frohe Botschaft bislang nicht angekommen ist, dann müssen wir halt die Lautstärke erhöhen. Fordert unser Predigttext nicht genau das? Stellt euer Licht nicht unter den Scheffel, sondern lasst es leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Trägheit, Blässe und Schwäche – das sind die Eigenschaften, mit denen unsere Kirche oft von christlichen „Hardlinern“ in Verbindung gebracht wird. Und wenn die Kirche dann doch mal deutliche Position bezieht, zum Beispiel zur Seenotrettung, dann ist es auch wieder nicht recht: Das ist ein merkwürdiges Phänomen unserer Zeit, wo immer mehr gefordert, immer härter geurteilt, immer unerbittlicher gestritten wird!

Nicht nur in Kirche, Politik und Wirtschaft, im Sport und in der Gesellschaft, ja selbst in den Familien geht es heute immer heißer her – und mir läuft es dabei kalt den Rücken herunter.

Ich bekam übrigens noch nie ein Restaurant empfohlen, weil dort das Essen „besonders gut gesalzen“ sei: Ein Restaurant wird empfohlen, wenn die Speisen dort mit guten Zutaten und viel Sorgfalt zubereitet werden. Wenn die Speisekarte eine Besonderheit bietet, das Drumherum stimmig ist und wenn es bei alldem vor allem auch gut schmeckt.

Gute Köchinnen und Köche beherrschen vor allem die Kunst der kleinen Dinge, der feinen Abstimmung, der besonderen Note: Das macht ein Gericht unverwechselbar. Zuviel Gewürze verderben da nur den Geschmack, wie z.B. auch eine grell erleuchtete Wohnstube selten gemütlich und einladend wirkt.

Die Wahrheit ist: Jeder und jede von uns kann mit seinen Gaben der Welt die nötige Würze geben und sie heller machen – auch wenn man kein Siegertyp ist, keine Lichtgestalt, kein Anwärter auf den Titel „Deutschlands bester Superchrist“.

Wenn wir uns morgen wieder aus dem Bett quälen,  zuverlässig unserer Arbeit und unseren Verpflichtungen nachgehen; Kinder großziehen, Familie gestalten und Gemeinschaft fördern, die vielen eine Heimat gibt; wenn wir für unseren Nächsten da sind, uns mit ihm freuen und mit ihm traurig sein können. Das alles mag unscheinbar klingen, und doch macht genau das die Welt zu einem besseren Ort.

Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Diese Eigenschaften spricht Jesus seinen Hörern zu. Er fordert sie nicht ein, als ein Gebot oder eine Voraussetzung etwa, nein, er redet von etwas, das uns mit unserem Glauben unauflöslich gegeben ist. Er redet von der Kraft, die im Kleinen, Unscheinbaren mächtig ist – wie an anderer Stelle von dem bisschen Sauerteig, der alles durchsäuert, oder dem winzigen Senfkorn, das in den Himmel wächst.

Diese Worte Jesu stehen gleich nach den bekannten Seligpreisungen in der Bergpredigt: Ein Lobgesang auf den Glauben, der sich zeigt in Barmherzigkeit und Friedfertigkeit. Ein Trostwort all denen, die mit der Welt nicht fertig werden, die mitfühlen mit ihrer Zerrissenheit, bitteren Not und himmelschreienden Ungerechtigkeit.

Ihr seid das Salz der Erde. Ihr seid das Licht der Welt. Ihr streut nicht Sand in das Getriebe der Welt, seid aber auch keine unbedeutenden Rädchen darin. Ihr habt eigene Regeln, eigene Maßstäbe, nehmt eigene Verantwortung wahr. Lasst Euch nicht mitreißen von den Wellen billiger Empörung, von den Schreihälsen oder denen, die alles verteufeln und schlechtreden.

Du bist ein Kind Gottes und Teil seiner Schöpfung – Du bist gewollt und geliebt, auch mit deinen Grenzen und Schwächen. In Jesus Christus sind sie überwunden, das sagt dir das Kreuz. Es nimmt der Verzweiflung und dem Tod die Macht. Es macht Dich frei von aller Schuld. Du bist tatsächlich wie neugeboren inmitten dieser Welt – das ist wahrhaftig ein Wunder, das fällt auf, und das bleibt nicht ohne Folgen.

Ihr seid Gottes Widerhall in dieser Welt – unübersehbar, unüberhörbar für jeden, der Augen und Ohren hat. Haben sie das schonmal erlebt: Wenn morgens die Sonne aufgeht, und in der dämmrigen Landschaft auf einmal einzelne Bereiche als erste hell aufleuchten? Und wenn sie dann abends versinkt und alles immer dunkler wird, wie dann im Abendrot die Konturen allmählicher schärfer werden und deutlicher wird, was am hellen Tag meist übersehen wird?

Wir gehen mit unserem Glauben in die Welt. Nicht allein, aber doch als Einzelne tragen wir ihn unverwechselbar auf unsere eigene Art in die Büros, in die Kaufhallen, in die Häuser und zu den Menschen, die uns begegnen. Wir müssen dabei nicht strahlen wie eine 100 Watt-Glühbirne, und wir sollten auch nicht besserwisserisch Salz in jede offene Wunde streuen.

Aber wir dürfen in unserem Tagwerk Kostproben geben von der wunderbaren Freiheit der Kinder Gottes, und hineinleuchten in das Zwielicht dieser Welt. Wir wagen Verletzlichkeit zu zeigen, weil wir um unsere Verletzungen und die Wunden so vieler anderer wissen. Wir wagen Großmut, weil auch wir sie von Gott erfahren haben.

Tragen wir so christliche Werte in die Welt? Ja. Und nein: Wir reden von Gott und unserem Glauben am deutlichsten durch uns selbst. Das tun wir nicht immer mit Worten und Werken, sondern auch durch unsere persönliche Haltung als Sünder und Befreite zugleich. Bescheidenheit und Selbstkritik gehören zu dieser Haltung ebenso notwendig wie frischer Mut und Offenheit. Die Welt ist groß, und mit Überraschungen ist darum immer wieder zu rechnen!

Darum ist es so wichtig, sich immer wieder Gottes Zusage zu vergewissern. Es ist wichtig, Zorn und Zweifel ernst zu nehmen, Raum zu geben all dem, was uns als Individuen im Wesen ausmacht. Gott will nicht, dass wir in Rollen schlüpfen oder fromme Vorschriften abarbeiten: Stereotype sind immer so schrecklich monoton, langweilig und darum auch unglaubwürdig.

Gebote sind uns gegeben „um unserer Herzen Härte wegen“. Die gute Botschaft in Jesus Christus ist uns gegeben als ein Tor zur lebendigen Freiheit – sie ist das Besondere, die uns zu etwas Besonderem macht: Uns alle in dieser Welt, in dieser Gesellschaft, und jeden von Ihnen hier in dieser Gemeinde.

Nehmen wir uns die Freiheit, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein, so kann sie auch uns und anderen ein Stück vom Himmel sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft              
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

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