Unverhandelbar

Die Kranken. Die Unmündigen. Die Mittellosen. Die am Rand Stehenden: Kaum beteiligt am sog. „normalen Leben“, erfuhren sie oft wenig Aufmerksamkeit, führten ein Schattendasein – zumindest damals. Es war den Religionen überlassen, die Menschen zu ermahnen, aufzurufen zu Fürsorge und Almosen, um das Leben dieser Unglücklichen lebenswert zu machen.

In manchen Glaubensvorstellungen funktioniert das wie ein Kuhhandel: Ich kümmere mich um jemand Bedürftigen oder spende einen größeren Betrag, dafür werden mir im Gegenzug meine Verfehlungen nachgesehen. Do ut des, lateinisch für: Ich gebe, damit du gibst – in diesem Fall also damit Gott mir etwas zurückgibt oder etwas vergibt, also Schulden anderer Art erlässt.

Nun, einen Ablasshandel gibt es schon lange nicht mehr, und wir können froh sein über den gesellschaftlichen Fortschritt, der halbwegs verlässliche Sozialsysteme hervorgebracht hat, die unabhängig bestehen vom guten Willen oder schlechten Gewissen anderer Menschen. Taugen die vielzitierten „Witwen, Waisen und Fremdlinge“ dann noch zur christlichen Verkündigung? Sind sie nicht Relikte einer düsteren Epoche, die Gott sei Dank überwunden ist?

Damals waren Geldspenden unverzichtbar, sie bildeten den sozialen Kitt der Gemeinschaft: Aus dem, was die Einzelnen an Beiträgen „in den Kasten“ legten, wurde das Netz gewebt, um in Not geratene Menschen aufzufangen. Dass in unserem Predigttext nun ausgerechnet eine Witwe etwas „einlegt“, verwundert gleich in doppelter Hinsicht: Denn Witwen wie alle „Hilfsbedürftige“ waren von der Abgabepflicht befreit – was hätten sie auch schon groß beisteuern können? Sie belässt es auch nicht bei einer bloß symbolischen Geste, sondern gibt beide ihrer Münzen dahin, statt wenigstens eine für sich zu behalten.

Ein Akt der Verschwendung, im Verhältnis gesehen, und im Grunde unerhört: Da sammelt die Gemeinde Geld, um zu helfen – und sie legt nichts zurück, sondern leert ihre Taschen. Eine antikapitalistische Grundhaltung, wenn man es politisch betrachten will. Ein Ausdruck vielleicht auch von Stolz – ich will und ich kann auch was geben, auch ich gehöre dazu!

All das interessiert Jesus aber nicht, zumindest spricht er es hier nicht an. Ihm ist anderes wichtiger, und in ihm kocht noch der Zorn über mancherlei Missstände. Kurz zuvor lesen wir von Jesu Einzug in Jerusalem – doch dem Hosianna folgen bekanntlich schnell die Konflikte:

Der Tempel ist voller Verkaufsstände mit Opfergaben, Geldgeschäfte werden gemacht: Ein Bethaus, ein Raum für Besinnung und Begegnung mit Gott sieht anders aus! Zugleich stellen die Hohenpriester Jesus immer neue Fangfragen, um ihn unglaubwürdig erscheinen zu lassen – doch seinen Antworten können sie nichts entgegensetzen.

Es endet mit der Frage nach dem höchsten Gebot, die Jesus ihnen mit Bibelversen aus dem Alten Testament beantwortet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von all deinen Kräften – und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Jesus spricht von geschwisterlicher Annahme, von vertrauensvoller Hingabe und von unbedingter Liebe: Das alles hat keinen Marktwert, da lässt sich nichts verhandeln. Das zeigt auch die Witwe mit ihren „zwei Scherflein“: Sie hätte sie dringender nötig als die Gemeindekasse, trotzdem geht sie das Risiko ein, bald wieder zu kurz zu kommen, Hunger zu leiden und Not.

Sie macht sich trotz ihrer eigenen Situation nicht frei von der Sorge um ihren Nächsten. Sie lässt ihr Herz nicht eng werden durch die Ungewissheit, was morgen sein wird. Sie gibt ihre Würde nicht auf, egal wie ihr Rang in der Gesellschaft ist. Ein bisschen wunderlich mag diese Haltung wirken, aber auch bewundernswert!

Wir erfahren nichts Näheres über diese Witwe: Sie betritt die Szene, löst Verwunderung aus mit ihrer bescheidenen, aber vielsagenden Tat – dann verschwindet sie wieder. Ihr Schicksal und ihr Name bleiben unklar, keine Anerkennung und Ehre wird ihr zuteil, zumindest nicht sichtbar. Doch sie ist nicht allein. Es gibt viele Menschen wie sie, einst wie heute:

Die junge Frau, die sich trotz aller Schwierigkeiten für ihr ungeplantes Kind entscheidet. Eltern, die Erziehungsaufgaben und Familie über Karriere und Freizeit stellen. Menschen, die ihr Leben der Pflege und Betreuung von Angehörigen widmen. Der Soldat, der sein Leben riskiert, um Aggression und Zerstörung entgegenzutreten: Auch da begegnen uns Annahme, Hingabe und Liebe. Auch da wird nicht kalkuliert und abgemessen, sondern verschwendet.

„Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist Unglück, sagt die Berechnung. Es ist nichts als Schmerz, sagt die Angst. Es ist aussichtslos, sagt die Einsicht. Es ist lächerlich, sagt der Stolz. Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht. Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung. Es ist, was es ist, sagt die Liebe“ – so der Dichter Erich Fried.

Nicht ohne Grund war unser Text früher vorgesehen als Predigttext zum Sonntag Okuli, also in der Passionszeit. Der Schilderung vom Scherflein der Witwe folgen letzte Worte Jesu – er spricht vom Untergang des Tempels, in dem die Szene gerade noch spielt. Er mahnt zu Vorsicht und Wachsamkeit, lässt sich von einer fremden Frau verschwenderisch mit Öl salben – und geht schließlich den Weg zum Kreuz. Widerstandslos, doch voll Schmerzen. Aufrecht, und doch gedemütigt. Treu im Glauben, doch unter dem Eindruck größter Verlassenheit.

Die Rechnung geht nicht auf. Das tut sie nie. Auch siegt nicht irgendeine höhere Moral: Wer Jesus verstehen will, der geht hier mit ihm aus dem Tempel und folgt ihm in den Garten, wo er am Abend verraten und abgeführt wird. Da ist wenig Romantik und auch kein Happy End, so wie viele es erwarten.

Da ist Gott, der in die Tiefe steigt. Der Gott der Lilien auf dem Feld, der Vögel unter dem Himmel und der „grauen Mäuse“ unserer Gesellschaft. Er hat die Niedrigkeit angesehen und bringt Gerechtigkeit und Friede wieder in die Welt – auf seine Art.

Ich atme auf, wenn mir diese Art in welcher Form auch immer bei anderen Menschen begegnet. Wenn unsere Gesellschaft es wagt, den Schutz von Schwachen über die Sicherung von Wohlstand zu stellen. Wenn unsere Kirche dem Beispiel des Weizenkorns folgt, um neu zu wachsen. Ich hoffe und bete, dass auch mir es gelingt, ein stückweit diesen Stil und diese Botschaft mitzutragen und zu leben: Mein Scheitern in dieser Kunst ist mir nur allzu bewusst.

Liebe Gemeinde, es war seit jeher den Religionen überlassen, die Menschen zu ermahnen, aufzurufen zu Fürsorge und Almosen, um das Leben von Unglücklichen lebenswert zu machen. Und ich denke, diese Aufgabe besteht heute nach wie vor, vielleicht sogar mehr denn je: Sie bemisst sich nicht allein in Heller und Pfennig – davon hat die Welt reichlich, das ist eher eine Frage der gerechten Verteilung. Annahme, Hingabe und Liebe zu zeigen gegenüber Menschen, deren Not nicht immer so offensichtlich ist wie hier: Das ist mehr, auch mehr als Sozialsysteme leisten können und sollen.

Das ist allein auch kaum zu schaffen. Wenn wir in die Nachfolge Jesu gerufen sind, dann um sein Wort zu hören, uns von ihm befreien zu lassen aus sorgenvoller Verlorenheit, und um es weiterzugeben in welcher Form auch immer. Wir sind damit nicht allein. Wir kennen so viele Menschen, hier in der Gemeinde und da draußen, die es täglich leben – jene bewundernswerte, trotzige, verrückte Haltung, in der mehr deutlich wird als in manch trockener Predigt.

Das alles sind Spiegelungen jener „güldnen Sonne“, die wir eingangs besungen haben. Das sind die Lichtblicke, die es schon so oft hell werden ließen in aller Dunkelheit. Das ist der Stern, der dem Gottesvolk den Weg weist in das gelobte Land, damit es wahres Leben hat.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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