Ob zuletzt in den USA oder nun auch bei uns – jeder Wahlkampf ist begleitet von scharfer Kritik an den politischen Gegnern und blumigen Versprechen einer strahlenden Zukunft. Und so unverzichtbar Wahlen für die demokratische Gestaltung eines Landes sind, so scheinen diese Rituale mitunter etwas aus dem Ruder zu laufen:
Als wären es nicht Menschen, die hinter den jeweiligen Programmen stehen, sondern der Leibhaftige. Als wären es nicht komplexe Herausforderungen, die frühere Regierungen bewältigen mussten, sondern alles nur eine Frage guten Willens und der „richtigen“ Überzeugungen. Als würde die Welt nur darauf warten, wo auf dem Wahlzettel ich mein Kreuzchen setze, und alles andere sich wie von selbst daraus ergeben.
Überspitzungen, Übertreibungen gehörten offenbar dazu, wenn es um die Zukunft geht – um Versprechungen wie auch Erwartungen. Im privaten Leben ist das durchaus ähnlich – wenn ein spektakuläres Feuerwerk abgefackelt wird zur Schuleinführung, Hochzeitsfeiern zu kostspieligen Großveranstaltungen werden usw. Man kann darüber den Kopf schütteln oder es mit einem Augenzwinkern hinnehmen:
Die Eltern, das Brautpaar, die künftigen Koalitionspartner – sie alle wissen bei all dem Brimborium nur zu gut, dass das Leben sich letztlich kaum darum schert. Immer kann etwas Unvorhergesehenes eintreten, kann sich die Gesamtlage derart verändern, dass frühere Pläne dann nicht mehr taugen und man sich etwas Neues überlegen muss.
Angenehm ist das nur selten, und wie die Israeliten sich auf der Flucht durch die Wüste schon bald nach den „Fleischtöpfen Ägyptens“ zurücksehnten, so verklären auch wir gerne die „gute alte Zeit“ und schauen argwöhnisch auf alle Veränderung: Müssen wir uns etwa auch verändern und unsere Gewohnheiten? Wird unser Erfahrungswissen bald weniger wert sein, bleiben wir dann gefragt und können wir noch mitreden?
Als Wahlkampfhelfer wäre der Prophet Jesaja ganz sicher ungeeignet. Er redet nämlich nicht mit Honigzungen, er wiegt die Menschen nicht in Sicherheit oder bestätigt ihre Ansichten. Nein, er wischt vom Tisch, woran wir Sterbliche für gewöhnlich Halt zu finden hoffen, und zwingt uns hinzuschauen: Der Himmel über uns, die Erde, auf der wir stehen, das Leben, an dem wir hängen – alles ist bei ihm dem sicheren Untergang geweiht.
Anders formuliert: Die Hoffnung auf Gerechtigkeit mündet bei Jesaja nicht in verschärfte Ordnungen und Erlasse. Die Erwartung des Heils verbindet sich bei ihm nicht mit der Vorstellung einer „schönen neuen Welt“, wie sie uns vermutlich vor Augen steht. Der Messias, der kommende König, er durchkreuzt bei Jesaja alle klassischen Erwartungen und Hoffnungen auf das Gründlichste – genau wie das Kind in der Krippe es tat.
Jesaja hofft nicht auf „das Gute im Menschen“, das sich vielleicht irgendwann unter günstigeren Bedingungen wieder hervorkämpft aus dem Berg von Argwohn, Anfeindung, Spaltung und stumpfer Resignation. Er bittet das Volk Israel daher auch nicht um einen Vertrauensvorschuss für Gott, der eines fernen Tages alle offenen Rechnungen für uns begleicht. Jesaja rechnet nicht mit großen Umbrüchen und Wundern zum Jahreswechsel, er unterscheidet Vergangenheit und Zukunft überhaupt kaum voneinander.
Jesaja stellt stattdessen die Dimension der Ewigkeit daneben, und nimmt uns den Zeitmesser aus der Hand. Er weiß: Es bringt nichts, wenn der „alte Adam“ einfach nur die Räume wechselt, das Zimmer neu streicht oder große Veränderungen von Politikern, Wählern oder von sich selbst erhofft. Wir bleiben ganz die Alten – auch im Neuen. Uns treibt im Januar dasselbe an wie schon im Dezember und davor, und genauso lähmt uns all das, was uns zuvor schon immer zögern und zurückschrecken ließ.
Wirkliche Veränderung für einen echten Neuanfang muss tiefer ansetzen. Die Bibel spricht von „Umkehr“, was weniger einen Richtungswechsel meint, sondern vielmehr ein Umkrempeln des Altgewohnten. Kann ich meinen Blick lösen von dem, was mich gefangen hält? Kann ich zuhören, wo ich doch am liebsten selbst das Wort führe? Kann ich mich anrühren lassen von fremden Leid, wo ich mit eigenen Verletzungen kämpfe?
Was Jesaja verkündigte, hat sich erfüllt – so feiern, so bekennen wir es zu Weihnachten. Den großen Umschwung feiert die Christenheit also schon vor dem Altjahrsabend, der damit wie das Neujahrsfest nur ein kalendarisches Ereignis ist. Hat Weihnachten uns oder andere zu besseren Menschen gemacht, oder die Welt um uns herum verändert?
Bei allem Fortschritt und Wohlstand ist der Hunger in der Welt bis heute nicht besiegt. Noch immer leiden Menschen unter Ausbeutung, zerstören Unrecht und Ungleichbehandlung, Krieg und Vertreibung die Lebenshoffnungen von Menschen ebenso unumstößlich wie geistige und körperliche Krankheiten, für die wir keine Heilung wissen.
Wirkliche Veränderung und echter Neuanfang gelingt auf einer anderen Ebene, und sie erreicht uns Menschen auf eine andere Art als unsere besten Wünsche es vermögen. Es beginnt mit einem Eingeständnis – von Schwäche, von Endlichkeit, von Scheitern und Schuld. Das hohe Ross bringt uns nicht weiter, die Bilanz muss ehrlich sein, frei von Tricks und Verschleierungen. Und ja, diese Medizin ist womöglich eine bittere Pille.
Das Kind in der Krippe, dessen Weg ans Kreuz führt – beides in Jesus Christus anzusehen kann helfen, auch uns besser wahrzunehmen, die alten Verkleidungen abzustreifen und zu akzeptieren, wer und wo wir sind. Liebe lebt von solcher Offenheit, vom rückhaltlosen Vertrauen, vom Beschenktwerden ohne eigenes Verdienst. Heilwerden gelingt nur so, bei uns, bei unserem Nächsten, inmitten dieser manchmal unmöglichen Welt.
Mein Leben, meine Hoffnung, meine Zeit – in Gottes Hände gelegt, um frei zu werden von ständiger Selbstbehauptung und falscher Begehrlichkeit. Das ist das Versprechen, was Gott uns gibt, was uns befähigt, Vergebung, Hilfe und Zuwendung anzunehmen und weiterzugeben. Die Welt als solche wird dadurch nicht besser, aber die Wirklichkeit Gottes wie unserer Gotteskindschaft wird über allem spürbar, als Zeichen und Verheißung von etwas Großartigerem, als wir es hier erbauen oder uns erträumen können.
Liebe Gemeinde, ich wage keine Prognosen für das kommende Jahr: Zu vieles färbt meine Sicht der Dinge, zu oft lag ich mit meinen Einschätzungen auch schon daneben. Ich denke an andere „Zeitenwenden“ und daran, wie diese in der Kirche gefeiert werden: Bei Taufen oder Hochzeiten zum Beispiel. Wenn Eltern, Paten, Brautpaar die Frage gestellt wird „Wollt ihr…“, und die Antwort lautet „Ja, mit Gottes Hilfe“ – dann scheint mir das ein guter Maßstab und ein gutes Vorzeichen für alles, was darauf folgen mag!
Diese Antwort auf Veränderung schließt beides ein: Bereitschaft für großen Einsatz wie auch Bescheidenheit und Bitte. „Ja, mit Gottes Hilfe“ – dass bitte nicht alles auf meinem Mist wachsen möge, mit dem ich in die Zukunft gehe. Dass da Menschen sind, die mich brauchen, so wie ich sie brauche und mit ihnen das Leben teilen möchte.
Dass da Gott ist, vielleicht nicht bei jedem Gedanken und Handgriff zugegen, aber auch nicht fern über den Wolken – sondern als Wegweiser durch seine Gebote, seine Worte, und als Beistand in seinem Sohn, unseren Herrn und Bruder Jesus Christus, der alle Wege, Abgründe und schweren Aufstiege von uns Menschen kennt und uns vorangeht.
Mit ihm ist beides sicher – der gute Anfang wie das gute Ende. Heben wir die Augen auf zu ihm, wenn wir dem neuen Jahr entgegengehen: Ja, mit Gottes Hilfe, getrost und voller Hoffnung, dass es auch 2025 ein „anno domini“, ein Jahr des Herrn wird, in dem sein Heil und seine Gerechtigkeit uns begegnen.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinn in Christus Jesus. Amen.