„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen“: Dieser Satz, den der Philosoph Ludwig Wittgenstein vor rund 100 Jahren formulierte, wird gern zitiert und ist zum Mantra vieler Atheisten und Agnostiker geworden. Der Vorwurf lautet: Weiß die Kirche, wissen die Christen überhaupt, was sie da reden? Handeln die da nicht mit ungedeckten Schecks?
Ein Vorwurf, der betroffen macht: Zeigt er doch vor allem, dass wir Christen mitunter nicht besonders reflektiert erscheinen, dass wir nicht immer überzeugend, aufgeschlossen und glaubwürdig auf manche Mitmenschen wirken.
Nur leider üben sich die „Klugen dieser Erden“ auch nicht gerade in schweigender Zurückhaltung. Verfolgt man heute die Diskussionen im Fernsehen, in der Öffentlichkeit oder auch im Bekanntenkreis, so scheint jener berühmte Satz mittlerweile auf den Kopf gestellt: „Wovon man nicht schweigen muss, darüber lässt sich reden“. Eine solche Denkweise ist tieferer Einsicht und Erkenntnis ebenso wenig zuträglich wie dem Niveau menschlichen Miteinanders.
Der dreieinige Gott – unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege, lesen wir bei Paulus: Denn von ihm und durch ihn und zu ihm sind alle Dinge. Das ist ein ziemlich weiter Bogen, der da gespannt wird, und ich muss gestehen: Er übersteigt meinen Alltagshorizont, oder erfordert zumindest ein erhebliches Maß gedanklicher Abstraktion. Mein Bild von Gott, also die Art, wie ich in wahrnehme, ist meist etwas enger gefasst.
Da ist Gott als der Lehrer, der mir die Augen öffnet – vor allem über mich selbst und meiner wieder und wieder betriebenen Selbsttäuschung.
Da ist Gott als der Schöpfer dieser Welt, deren großartige Natur ich nicht satt werde zu betrachten und in die ich mich am liebsten einfach so fallen lassen würde.
Und da ist Gott als der Geist: Er begegnet mir in meinen Grübeleien, in tiefer Einsamkeit, in liebevoller Zuwendung, in guter Gemeinschaft mit vertrauten ebenso wie mit bislang fremden Menschen.
Es hängt sehr von meiner persönlichen Situation ab, wie ich Gott wahrnehme. Und es hängt auch sehr von meiner inneren Verfassung und Bereitschaft ab, wie ich meine Mitmenschen wahrnehme:
Mal sind es Brüder und Schwestern, mal Lichtgestalten, mal Quälgeister, mal sehe ich in Ihnen Weggefährten, und manchmal erscheinen sie mir als Feinde auf dem Feld. Ein dreieiniger Gott erscheint geradezu harmlos im Vergleich zu dieser Vielgestaltigkeit!
Wie ist das denn bei uns Menschen? Was macht uns aus, macht uns einzigartig und liebenswert? Sind es unser Verstand, unsere Kraft und Kreativität, die uns für andere wertvoll machen? Oder hängt das vielmehr von unserem Aussehen, unserer Ausstrahlung und unserem Charakter ab? Oder ist es womöglich viel entscheidender, wie man die Gemeinschaft mit uns erlebt: Schenken wir Geborgenheit, sind wir zu Hingabe fähig, können wir auf andere eingehen?
Die „Tiefe des Reichtums“, von der Paulus spricht, sie gilt auch mit Blick auf uns Menschen, auf uns selbst und auf unseren Nächsten. Was uns treibt, was uns kennzeichnet, das lässt sich nicht einfach mit knappen Worten umreißen. Wenn uns ein Mensch wirklich nahe kommt, dann spüren wir das, und manchmal verschlägt es uns sogar die Sprache. Fragen Sie mal frisch Verliebte, die werden es Ihnen bestätigen!
In der Aufklärungswelle der späten 60er Jahre gab es im westdeutschen Fernsehen eine Reihe mit dem schönen Titel: „Die Frau, das unbekannte Wesen“. Und da offenbar auch das andere Geschlecht mancherlei Rätsel aufgab, folgte bald darauf auch die Reihe „Der Mann, das unbekannte Wesen“. Ich war zu der Zeit gerade erst geboren und entsprechend wenig interessiert, habe aber den Eindruck, dass auch damals genug Fragen offen geblieben sind.
Wobei: Unbekannt ist nicht der richtige Ausdruck. Schließlich haben Männer und Frauen tagtäglich miteinander zu tun, haben jede Menge Erfahrungen miteinander gemacht und können endlos darüber berichten, ohne dass das Thema sich erschöpft. Statt „unbekannt“ sollten wir also besser mit Paulus von „unbegreiflich“ und „unerforschlich“ reden:
Darin drückt sich weniger Fremdheit aus, sondern vielmehr Vielfalt, Reichtum – das klingt nach Verheißung: Ich entdecke bis heute immer wieder Neues und Überraschendes an meiner Frau, und auch sie wundert sich weiß Gott nicht selten noch über mich.
Bei Gott kommt natürlich eine weitere Dimension hinzu: Er begegnet uns in Jesus Christus auf Augenhöhe, er stellt sich als Mensch der Weite und den Niederungen unserer Welt. Wer an Jesus Christus glaubt, der täuscht sich nicht über das Böse, Falsche und Elende, das in der Welt herrscht.
Wer Jesus nachfolgt, wendet seinen Blick nicht davon ab, sondern übt sich in einer Form der Liebe, die allen Schrecken, allen Zorn und alle Furcht überwindet, um neues Leben zu gewinnen. Das Bekenntnis zu ihm stellt unser Leben auf eine neue Grundlage – umfassender und weitreichender, als eine Beziehung von Mensch zu Mensch es könnte.
Gott begegnet uns im heiligen Geist, so haben wir es letztens zu Pfingsten gefeiert: Für den gemeinen nüchternen Protestanten, der um die Fallstricke menschlicher Selbstverliebtheit und Verführbarkeit weiß, ein eher schwieriges Kapitel. Und doch erfahren wir ausgerechnet in diesem so schwer fassbaren heiligen Geist die Gegenwart Gottes am intensivsten:
Durch ihn haben wir die Kraft, Christus nachzufolgen, den Mut, über unsere beengenden wie heimelig-vertrauten Grenzen hinauszugehen und die Freiheit, uns aus lähmenden Abhängigkeiten zu lösen. Nicht einmal unsere Kleingläubigkeit gäbe es ohne den Geist Gottes, der uns mit Schrecken und Entzücken ahnen lässt, wer wir sind und wem wir uns verdanken.
Gott begegnet uns im Schöpfer, im Vater. Auch der Ungläubige darf aufblühen unter der Sonne, die er scheinen lässt. Jeder Mensch an jedem Ort und zu aller Zeit kann die Wunder seiner Werke erleben, darf sich tragen lassen von Gottes Macht, die über allen Dingen steht. Und auch jeder Gläubige muss verstummen vor dem Unergründlichen, dem Dunklen und Verstörenden, das uns in dem Allmächtigen gegenübertritt.
Wie unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege – das kann bei einer unverhofften Entwicklung der Dinge verstanden werden als ein freudiger Ausruf: Wer hätte das gedacht! Nicht zu fassen! Ja, wer sich und sein Leben vor Gott gestellt weiß, der wird das Staunen, die Freude und die Dankbarkeit nie so ganz verlernen – und über alle eigenen Pläne und Bedenken zudem immer ein kleines „wer weiß…“ stellen.
Nicht selten wird dieses Bekenntnis auch mit belegter Stimme gesprochen, am Grab eines geliebten Menschen etwa, der unerwartet aus unserer Mitte gerissen wurde. So ein Ereignis lässt einige Menschen am Glauben zweifeln, anderen hingegen öffnet es den Weg dorthin auf eine Weise, die für Außenstehende schwer nachvollziehbar ist.
Unbegreiflich, unerforschlich zu sein – das lässt viel Raum für Unerwartetes, sei es erfreulich oder erschreckend. Und Gott lässt sich nicht kleinreden: Er, der die Kinder zu sich ruft, mit den Sündern zu Tisch sitzt und die Kranken heilt, er, der uns Kraft verleiht, damit wir nicht gefangen bleiben in unseren Zweifeln und unserer Engstirnigkeit – er ist und bleibt für uns auch immer ein gutes Stück unerreichbar, und wir kommen nicht ganz hinterher. Er lässt sich nicht einhegen und bändigen, um sich vor unseren Karren spannen zu lassen. Er geht nicht auf in unseren Kategorien von richtig und falsch. Er sprengt jeden Rahmen, in den wir ihn pressen und jede Vorstellung, mit der wir ihn uns bequem machen wollen.
Die Dreieinigkeit Gottes ist schwer zu fassen – aber sie ist ganz unzweifelhaft weder Ausdruck für ein stummes Schicksal, eine kalte Weltformel oder bloßes Wunschdenken. Wer Christen so etwas unterstellt, der kennt die Freuden und Mühen des Glaubens nicht. Der kennt nicht das Ringen im Gebet, nicht den Trost im Kreuz und nicht die fremde und gerade darum heilmachende Gerechtigkeit Gottes.
Leider verlernen auch wir das manchmal, und darum sind sie so wichtig, die vielen Sonntage der Trinitatiszeit. 20 „Sonntage nach Trinitatis“ stehen uns dieses Jahr bevor: Viele Gelegenheiten, mit den vielen Fragen unseres Lebens vor Gott zu treten und ihn zu erfahren als den, der es in seinen Händen hält, als den, der uns leitet und als den, der uns auf jedem Weg begleitet und zu sich zieht.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.