Kalte Schulter

Unzählige Lieder und Gedichte drehen sich um das wunderbare Thema der Liebe. Wohl weil es so schwer in einfache Worte zu fassen ist, wurde die Liebe seit jeher kunstvoll in Verse gefasst und besungen.

Um ein Liebeslied geht es auch heute. Geschrieben wurde es vor zweieinhalbtausend Jahren im Vorderen Orient. Und es berichtet von einer tiefen, innigen und leidenschaftlichen Liebe, die starke Gefühle und Kräfte weckt. Wir stolpern vielleicht darüber, wie der Liebhaber von seiner Geliebten spricht: Sie ist kein Schatz, auch keine Perle – die Geliebte ist ein Weinberg.

Heute erscheint das ungewöhnlich, aber damals war der Weinberg ein bekanntes Bild für die Braut. Und lassen wir uns gedanklich auf dieses Bild ein, dann erscheint es gar nicht mehr so sperrig. Das Augenmerkt richtet sich nämlich vor allem auf die liebevolle Beziehung zwischen dem Weinbauer und dem Weinberg, die der zwischen Bräutigam und Braut gleichkommt.

Bei einer tiefen, innigen Zuneigung gibt wohl nichts, was der Bräutigam für seine Braut nicht tun würde: Leidenschaftlich, voller Elan und Hingabe gibt er seine Kraft und Zeit und auch seine Liebe für das Mädchen seines Herzens. So auch der Weinbauer: Er gräbt die Erde um, lockert den Boden, schleppt alle Steine weg, an sich schon eine schwere und zeitraubende Arbeit. Dann investiert er, kauft edle Reben, nur das Beste ist ihm gut genug. Das alles ist mehr als die Arbeit der Hände und die Investition von Besitz und Geld, es ist vor allem eine Arbeit des Herzens – Hingabe und Liebe sind Schlüsselwörter, die uns die Beziehung zwischen Weinbauer und Weinberg deutlich machen.

Der Weinbauer pflegte und hegte seinen Weinberg, baute gar einen Turm, bewachte seine Pflanzen und baute einen Kelter, wo aus den Trauben der Saft gepresst und in einen Behälter geleitet wurde. Meist wurden die Kelter in Stein gehauen – das ist harte Knochenarbeit, und wenn Sie in Weinregionen fahren und die Hänge sehen, auf denen Wein angebaut wird und den Winzer nach seinen Mühen befragen, dann bekommen Sie eine Ahnung, wie lange ein Weinberg braucht, bis er Ertrag bringt.

Das lässt uns auch ahnen, wie stark Liebe und Zuneigung gewesen sind, die der Liebhaber hier seiner Geliebten entgegengebracht hat. Vor allem am Anfang einer Beziehung geben Menschen oft sehr viel: Sie machen Geschenke, sie werben, sie sind freundlich und offen, sie investieren viel Zeit und sie öffnen ihr Herz, machen sich verletzlich. Dann kommt die Zeit des Wartens, der Geduld – wächst die Liebe und Zuneigung wir erhofft? Bringt die Werbung, bringt der Einsatz Früchte? Erwidert die Braut die Liebe?

Zeigen die Bemühungen des Weinbauers Erfolg? Jesaja erzählt: Nein, und die Enttäuschung ist groß und schwerwiegend. Keine Reaktion ist sichtbar, der Liebhaber, der sich um alles so sehr gemüht hat, stößt nicht auf Gegenliebe. Der Weinberg bringt schlechte Trauben. Soviel Zeit, soviel Geld, soviel Mühe und vor allem, soviel Liebe umsonst gegeben! Das tut weh und gerade, wenn das Herz geöffnet wurde, ist die enttäuschte Liebe umso schmerzhafter. Und mit der Verletzung kommen Traurigkeit, Unverständnis, dann Ärger und Zorn. Der verletzte Bräutigam, anfangs voller Hoffnung, zieht sich zurück.

Der Weinberg wird dem Verfall und der Verwüstung preisgegeben. Keine Zeit und Mühe soll mehr investiert werden, vielmehr soll nun auch für andere sichtbar sein, dass hier nichts gedeiht. Bei enttäuschten Liebesbeziehungen wird nicht selten viel an Vertrauen, an Opferbereitschaft und Hingabe zerstört. Wird sich der enttäuschte Liebhaber je wieder für einen anderen Menschen öffnen können?

Enttäuschte Liebe, enttäuschte Hingabe und Zuwendung – übersetzen wir das in die heutige Zeit, dann trifft es nicht nur das Werben des Mannes gegenüber einer Frau. Der Aufbau von Beziehungen, der sich in Interesse, Hingabe, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft oder gar Liebe zeigt bedarf der Würdigung, bedarf der Erwiderung, sonst ziehen sich die Beziehungssuchenden enttäuscht zurück, unabhängig ob Frau oder Mann oder Kind.

Das kann auch Eltern gegenüber ihren Kindern treffen. Da wurde viel ermöglicht, viel auf sie gebaut, die Liebe zu ihnen war ehrlich und hingebungsvoll. Doch am Ende kommen sie trotz allem vielleicht auf die schiefe Bahn, bekommen ihr Leben nicht in den Griff, gleiten ab, entfremden sich, sind unerreichbar. Die Eltern verstehen die Welt nicht mehr.

Oder der begabte Mitarbeiter in der Firma, viel gibt er, steckt Fleiß, Ideen, Leidenschaft in die Arbeit. Längst hat er aufgehört, die Überstunden zu zählen. Doch seine Leistung wird nicht anerkannt, seine Ideen verschwinden in Schubladen, bald wird ihm Geltungsdrang nachgesagt. Er zieht sich zurück, während andere die Früchte seiner engagierten Arbeit genießen.

Und manchmal frage ich mich, ob dieses Bild auch für die zutrifft, die in den Krisengebieten unserer Erde leben und ausharren müssen: Immer und immer wieder versuchen Frauen und Männer für ihre Familien eine Existenz aufzubauen oder doch zumindest in der Bedrohung einen Form von Normalität und Nähe zu ermöglichen – Kinder, die in Kellern unterrichtet werden, die in den wenigen ungefährdeten Minuten auf den Straßen inmitten von Trümmer sich austoben und spielen. Und dann kommt die nächste Zerstörungswelle.

Diplomatische Versuche scheitern, Vermittlungsversuche scheitern. Zu oft zählen nur die Macht und der eroberte Raum. Wir oft wird die Liebe zum Frieden enttäuscht? Enttäuschung, Trauer, Frust, Zorn – auch sie leidenschaftliche Gefühle, nur zu verständlich. Liebe hat viele Facetten, Zorn ist eine davon.

Zurück zu unserem Lied vom Weinberg: Der Weinbergbesitzer zürnt dem Weinberg, der seine Mühen und seinen Fleiß nicht mit Ertrag belohnt. Der Bräutigam zürnt seiner Braut, die seine Liebeserklärungen, sein Werben ablehnt, ihn stehen lässt. Gott zürnt seinem Volk, denn, so schreibt Jesaja: Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit. Es gibt keine Diskussion mehr darüber, was im Einzelnen vorgefallen wäre, es ist kein Gespräch möglich, es ist zu spät: Das Vertrauen ist zerstört, die Liebe enttäuscht, das Herz verletzt.

Es gibt eine Zeit des liebenden Werbens, es gibt eine Zeit, in der alles getan wird, das Herz der Geliebten zu erreichen, und immer wieder ist da Hoffnung auf Erwiderung. Und dann gibt es einen Punkt, an dem es nicht mehr weiter geht, ein Punkt, an dem sich die Gefühle umzukehren scheinen und von Liebe nichts mehr zu spüren ist.

Was sagt uns das über Gott? Kann Gottes Liebe sich auch so umkehren, kann er zornig sein, kann er die Menschen sich selbst überlassen, so wie der Weinbergbesitzer den Weinberg? Ist Gott nicht einer, der immer mit uns geht, der uns eben nicht dem Schicksal überlässt? Die Bibel ist voll mit Lob über Gottes Zuneigung und Zuwendung!

Der Gott wird auch im Alten Testament als ein liebender Gott dargestellt, zugleich aber als ein eifernder Gott, dessen Liebe auf Antwort wartet. Darin nimmt er die Menschen erst. Ernst nimmt er sie auch darin, dass er ihnen vor Augen führt, wohin die Abweisung seiner Liebe führt: In Rechtsbruch und in Klage über Schlechtigkeit. Ohne die Antwort auf Gottes Liebe verfällt eine Gesellschaft, wird das Miteinander kalt und unwirtlich, und die Klage darüber groß.

Gott ist ein Gott, der uns ernst nimmt als ein Gegenüber, der uns selbstverantwortliches Handeln zutraut, der uns herausfordert, damit wir seine Liebe suchen und auf sie antworten. Doch er wird enttäuscht – Passionszeit ist die Zeit darüber nachzudenken, wie die Früchte aussehen, die wir bringen: Ob es uns gelingt, Liebe mit Liebe zu beantworten. Ob es uns gelingt, den anderen anzunehmen, ihm seine Menschlichkeit zuzugestehen. Ob es uns gelingt, zu vergeben und barmherzig zu sein, und nicht immer nur voll Selbstmitleid zu klagen.

Was erwartet uns, wenn die Früchte unseres Tuns und Lassens sauer schmecken? Wenn doch der Ertrag ausbleibt? Es kann unzählige Gründe für eine schlechte Ernte geben, aber unendlich ist nicht unser Leben, und unendlich nicht die Geduld, die wir voraussetzen können.

Aber Gottes letztes Wort ist mit dem Lied vom Weinberg nicht gesprochen: Er überlässt uns nicht uns selbst mit allen Folgen, die das hätte. Seine Liebe zu uns geht weiter, die Geschichte mit uns geht weiter: Mitten in den unfruchtbaren Weinberg hinein pflanzt Gott einen neuen, fruchtbringenden Stock. Jesus Christus heißt er: „Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.“, sagt Jesus im Johannesevangelium.

Der Zorn Gottes führt nicht zum Verderben, führt nicht in die Verwahrlosung, vielmehr führt er uns dahin, dass wir seine Liebe erkennen. Erkennen wir diese Liebe, mit der sich Jesus für uns am Kreuz hingegeben hat? Erkennen wir diese Liebe, die am Ostermorgen erstrahlt und das Grabesdunkel erleuchtet? Es gibt Hoffnung, sagt diese Liebe, es ist nicht das Ende, sagt dieses Licht. In diese Liebe können wir uns bergen, sie lässt uns nicht los. Nicht im Dunkel, nicht in der Fruchtlosigkeit unserer Bemühungen lässt sie uns los, auch nicht in der Passionszeit, in denen wir Leid und Not bewusst und mit wachen Sinnen an uns heranlassen.

Ist das Lied vom Weinberg ein trauriges Lied? Im Grunde schon, denn ein enttäuschter Liebhaber ist immer etwas Trauriges. Aber der gesunde, lebendige Weinstock inmitten des zerstörten, unfruchtbaren Weinberges macht mir Mut: Wir müssen angesichts der Liebe Gottes nicht über die Ungerechtigkeit und die Unzulänglichkeiten dieser Welt hinweggehen. Wir müssen nicht die unschönen Seiten des Lebens ausblenden. Vielmehr wächst und lebt die Liebe Gottes gerade angesichts dessen und ist so immer ein Fingerzeig für einen neuen Anfang.

Lassen wir uns hineinnehmen in diese Liebe, lassen wir uns anstecken von ihr, dass dem fruchtbringenden Weinstock fruchtbringende Reben zuwachsen, die Liebe in sich tragen und Liebe weitergeben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Benachrichtigungen aktivieren Okay, gerne! Nein danke!