Einen Petrusbrief haben wir vorhin als Epistellesung gehört, und eine Petruserzählung begegnet uns auch im Evangelium: Petrus, der sich der Verhaftung Jesu in den Weg stellt, der ihn aber wenig später dreimal verleugnet. Petrus, der, als er vom leeren Grab hört gleich mit einem anderen Jünger losläuft und als erster hineingeht, um sich zu überzeugen. Eben diesen Petrus sehen wir nun einige Zeit später wieder am See Tiberias: Er ist zurückgekehrt in seine alte Heimat, in seinen gelernten Beruf. Wieder ist er es, der das erste Wort hat, und wieder folgen die anderen ihm nach: „Ich gehe fischen“ – „Wir kommen mit.“
Die Szene gleicht einem Epilog, einem Nachspann in einem großen Drama: Das, worauf alles hinsteuerte, das alles entscheidende Ereignis ist eingetreten und liegt nun in der Vergangenheit. Aber sollte dann nicht ein wenig vom Glanz des Auferstehungswunders über der Szene liegen? Stattdessen sehen wir einen traurigen Haufen von ein paar Jüngern, nur sieben sind es noch von ehemals Zwölf. Wie sie es als Fischer gelernt haben, rudern sie nachts auf den See und werfen ihre Netze aus. Da sind die Chancen auf einen großen Fang für gewöhnlich gut. Doch der Rückzug aufs Gewohnte zahlt sich hier nicht aus: Ihre Netze bleiben leer.
Eine nachösterliche Erfahrung, die uns heutigen Christen leider auch nur allzu vertraut ist: So schön die vollen Kirchen zu Weihnachten und Ostern sind, so schmerzlich erinnern sie uns an die sog. „guten alten Zeiten“, wo der Gemeindebesuch ja wohl immer so üppig war. Wo man neue Kirchen in den Städten bauen musste, weil so viele Menschen dorthin zogen und alle selbstverständlich große Räume für Gebet und Gottesdienst brauchten. Und jetzt?
Leere Bänke. Leere Netze. Immerhin verbindet die gemeinsame Erinnerung – das ist gut, vor allem dann, wenn sich daraus Treue entwickelt, zueinander und zur gemeinsamen Sache. Nicht gleich loszulassen im Moment der Schwäche, das ist wichtig und verdient Respekt. Aber wenn da nicht mehr ist, dann wird es irgendwann zu wenig sein. Dann wird vergessen, dass Gottes Sohn Mensch wurde, dass er Wunder tat, eine gute Botschaft brachte, sein Leben hingab als Opfer für uns, und dass man sein Grab leer fand am Morgen des 3. Tages.
Wenn da nicht mehr ist, dann werden die Erzählungen leiser. Dann wird unser Gang unsicher und lenkt uns wieder in
alte, ausgetretene Pfade. Dann wächst das alltägliche Einerlei wie Unkraut über einst so kühne Hoffnungen und erstickt in uns die tiefe Sehnsucht nach Leben.
Was, wenn da nicht mehr ist nach Ostern – mit dieser Frage befasst sich auch ein Filmepos aus den 50er Jahren, dass jedes Jahr unerbittlich während der Feiertage im Fernsehen ausgestrahlt wird: „Quo vadis“ – wohin gehst du, Herr? fragt Petrus den Auferstandenen, als dieser ihm auf seiner Flucht aus Rom entgegenkommt. Jesus antwortet, er gehe nach Rom, um sich dort ein zweites Mal kreuzigen zu lassen. Petrus versteht – und kehrt um.
Von einer Umkehr der anderen Art erzählt unser Predigttext. Sie ist eher glanzlos, ohne die heroische Märtyrerpose in jenem Hollywoodschinken. Die Jünger, Petrus eingeschlossen, geben kein flammendes Bekenntnis am See Tiberias ab. Von innigen Gebeten ist auch nichts zu lesen. Nein, nach einer langen, vergeblichen Nacht des Netze-Auswerfens und Einholens stehen sie einfach nur mit leeren Händen in ihrem Boot, als eine fremde Gestalt am Ufer sie anspricht: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“
Eine ungewöhnliche Anrede für gestandene Fischer, doch die Jünger machen sich nichts daraus. Ist es Ehrfurcht vor dem Unbekannten, oder sind sie nur zu erschöpft, um Widerworte zu geben? Auf sein Wort hin starten die Jünger immerhin noch einen Versuch, zu verlieren haben sie ja nichts – was macht es da, wenn ihre Hoffnung schon fast gegen Null geht?
Sie erkannten Jesus nicht, so haben wir gehört – aber irgendetwas scheint sie doch erinnert zu haben, als sie seine Worte hörten. „Kinder“: Das kann spöttisch, abwertend gemeint sein, wenn ein Fremder so spricht, aber auch ganz zärtlich, wenn schon eine vertraute Beziehung besteht. Der Ratschlag, das Netz noch einmal auszuwerfen, kann der Dummheit und Ignoranz eines Ahnungslosen entspringen, oder er zeugt von der einzigartigen Vollmacht Gottes, das Verheißene auch Wirklichkeit werden zu lassen. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.
Nur nicht nachlassen: Das ist das menschenverachtende Credo, das ist der Fluch des ewigen „weiter so“, unter dem unsere Zeit mehr als jede andere leidet. Und genau das ist hier nicht gemeint, Gott sei Dank! Vertrauen auf Gott ist nicht erst geboten, wenn wir alles gewagt und verspielt haben, unsere Kräfte, unsere Liebe, unsere Geduld. Vertrauen auf Gott darf nicht erst zum Thema werden, wenn es zu spät ist: An unseren Leistungsgrenzen, am jüngsten Tag, dann, wenn wir unsere Träume und Pläne endgültig begraben haben.
Vertrauen auf Gott – das kann bei aller Glanzlosigkeit und trotz mancher Enttäuschungen die Grundmelodie eines guten, beseelten Lebens sein, das uns zweifeln, aber nicht verzweifeln lässt. Das uns straucheln, aber nicht fallen lässt. Das kann ein Leben sein, in dem jener Friede herrscht, der zu freien Taten ruft, die uns fordern, aber nicht über die Maßen erschöpfen.
Die Jünger haben dieses Vertrauen nicht verloren. Sie lassen sich von dem Unbekannten ansprechen, sie handeln auf sein Wort hin, und dann, tatsächlich erst dann erkennt einer von ihnen: „Es ist der Herr!“ Das hat aber gedauert, könnte man meinen – doch tut es das nicht immer? Bei den Jüngern von Emmaus, bei Maria im Garten, beim ungläubigen Thomas?
Die biblischen Erzählungen und die nachösterliche Kirchengeschichte: Sie zeigen uns wahrlich keine strahlenden Vorbilder im Glauben. Wie wir kämpfen die Jünger und die ersten Zeugen mit mancherlei Unzulänglichkeiten ihrer Umwelt und ihrer selbst. Ach ja, und manchmal auch mit ihrer Unbeherrschtheit, wie bei Petrus zu sehen: Er springt kurzerhand ins Wasser und schwimmt zu Jesus ans Ufer, er will trotz allem mal wieder Erster sein.
Auch wir als nachösterliche Gemeinde gehen heute noch fischen: Gerne würden wir uns sehen als diejenigen, die volle Netze einholen, die mehr Taufen als Beerdigungen haben, und die als Christen vielleicht sogar wieder Einfluss und Stimme gewinnen in der Gesellschaft. Und am liebsten wäre es uns, wenn sich dafür nichts ändern müsste und alles beim Alten bliebe. Aber der Fang ist mager, und wir dürfen den Unbekannten am Ufer nicht ignorieren.
Gottes Ruf erging zu jeder Zeit neu an seine Gläubigen. An seine Gemeinden, an die großen Reformer und Gestalter der Kirche wie auch an jeden einzelnen ganz persönlich in seiner ganz eigenen Lebenssituation. Bilden wir uns nicht ein, Gottes Nähe und Gottes Handeln immer gleich zu erkennen. Wir sind seine Kinder. Wir dürfen und wir müssen ihm vertrauen, in der Zuversicht seiner Verheißungen leben und nach dem Auferstandenen Ausschau halten an jedem neuen Morgen. Denn wir haben sein Wort: Dann werdet ihr finden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen