Ausgesetzt

Wir haben es eingangs und in der Lesung der Apostelgeschichte gehört: Pfingsten, der Geburtstag der Kirche. Ein
Grollen, ein Stürmen, ein lautes Brausen im Haus, feurige Flammen entzünden sich, setzen Energie frei. Pfingsten –
das Fest des lebendigen Feuers, Pfingsten, das Fest der vielen Sprachen, Pfingsten – das Fest, das bewegt.

Eigentlich doch ein frohes, ein schönes Fest, dieser Geburtstag der Kirche! Die Geburt eines Kindes hat ja auch immer
etwas Dramatisches, und die anschließenden Geburtstagsfeiern sind geprägt von rückblickender Dankbarkeit über das Geschenk des Lebens, von der Freude darüber und von guten Wünschen für alles Weitere. Der Charakter der Feiern ändert sich freilich mit den Jahren: Topfschlagen im Altersheim ist eher unüblich, da machen die Gelenke nicht mehr mit, und man lässt es beschaulicher und ruhiger angehen.

Unsere Kirche ist eine richtig stolze Jubilarin: Im Gegensatz zur Reformation kann sie bereits auf 2000 Jahre zurückblicken. Dabei hat sie ihren Anfang keineswegs aus dem Blick verloren: Den Sturm der Begeisterung, der alle Menschen damals erfasste, der sich über Grenzen der Sprachen und Nationen hinwegsetzte und eine Bewegung auslöste, die auch heute noch die Welt verändert, in Ländern nah und fern, auf ganz unterschiedliche Weise.

Die Vorgeschichte zu Pfingsten ist dagegen gar nicht so bewegend: Jesus nimmt Abschied von seinen Jüngern, um „zum Vater zu gehen“, wie er sagt. Heimgehen, aus dieser Welt scheiden: Für Tod und Verlust gibt es viele Umschreibungen, die aber alle eines nicht verhindern können: Den Schmerz der Hinterbliebenen, ihre Fassungslosigkeit und offenen Fragen.

Es ist keine Sache des Verstandes, keine Anstrengung des Intellekts, die hier Abhilfe schaffen könnte. Getrennt zu sein, wo so viel Nähe war, nicht aufhalten zu können, dass sich etwas Grundlegendes ändert – das bringt wohl jeden Menschen ins Wanken und macht Angst.

„Es ist gut“, sagt Jesus zu seinen Jüngern. Die Trauer macht sie stumm. „Es ist gut“, das sind oft letzte Worte, mit denen Sterbende ihre Angehörigen trösten wollen. Es ist ein Sich-Fügen in das Unabänderliche, es ist ein Friedensschluss mit dem Leben, mit den Umständen, mit denen man oft gehadert hat, an denen man manchmal vielleicht sogar verzweifelt ist.

Es ist gut, wenn ein Mensch in diesem Frieden gehen kann, und wenn er auch anderen ein wenig von diesem Frieden geben kann – wenigstens am Ende. Womöglich eine Frucht des Geistes, des Trösters, der uns beisteht, wo andere verstummen?

Was genau tut der Geist, jener Trost und Beistand? Der Evangelist Johannes zeichnet ein Bild von ihm: Er sagt, dass das Neue, das Jesus in diese Welt gebracht hat, das Heilsame, das Aufrüttelnde, das Segensreiche und auch das Hinterfragende, dass das nicht verloren geht. Der Heilige Geist ist die Gegenwart Gottes in der Welt, nur in anderer Weise, wie es Jesus war.

Als Mensch war Gott greifbar, sichtbar und erlebbar – Gott hat sich in Jesus dem Leben ausgesetzt, dem Leben wie auch dem Lebensende. Durch seinen Geist ist Gott und so auch Jesus in anderer, nicht weniger bedeutsamer Weise da und kommt uns nahe:

Das Ertragen der Stille am Sterbebett. Die Freude am Glück der Kinder, ohne ihnen ständig reinzureden. Das offene Ohr für den Kollegen, der mit seinen Sorgen nicht weiß wohin. Die kleinen Zeichen der Liebe, die geräuschlos und unscheinbar eine besondere Würde und Schönheit entfalten und dem Leben Wert geben.

Sind das nicht menschliche Tugenden? Ja, weil jeder dazu befähigt ist. Nein, weil oft die Kraft und die Bereitschaft fehlen. Gottes Geist kommt dem nahe, dem er nahe sein will – er weht, wo er will, er wirkt Wunder manchmal an den seltsamsten Stellen und wird manchmal schmerzlich vermisst, wo wir ihn uns wünschen, ja selbst in der Kirche.

„Wenn er kommt, wird er der Welt die Augen auftun über die Sünde und über die Gerechtigkeit und über das Gericht“ Ja, wenn doch der Welt die Augen aufgehen würden! Wenn wir und unsere Nächsten z.B. begreifen, dass nur Vergebung und Verzicht zum Frieden führen, und nicht das Aufrechterhalten von Feindbildern und das Verbreiten von Hass und Häme.

Wenn der Welt die Augen aufgehen würden über die Gerechtigkeit, die wir Menschen uns nicht geben können, die
Jesus aber allen geschenkt hat. Dass er uns alle Unzulänglichkeit genommen hat, mit der wir uns und andere so oft
quälen. Dass er uns die Würde gegeben hat, befreit als Kinder Gottes aufzublicken in den Himmel und sein Reich zu
erwarten. Ach, die Liste des „Ja, wenn“, die Wunschliste an das Wirken des Heiligen Geistes ist lang, und allzu lang
soll meine Predigt auch nicht werden:

Es ist gut. Der Geist Gottes ist da, der der Welt die Augen auftut, dass der Fürst der Welt gerichtet ist. Habt Mut! Das
Böse, das Schlechte, das Menschen dazu treibt, Bomben zu zünden in Konzertsälen, Gebetshäusern und Schulen. Die
Geistlosigkeit, mit denen Menschen anderen ihre Würde und Freiheit absprechen, für sich aber mit lauter Stimme
immer mehr einklagen, über all das – ist schon das Urteil, das Gericht gesprochen.

Jesus hat es bereits getan durch seinen Tod am Kreuz. Lasst euch nicht erschrecken und irre machen, auch wenn so vieles schrecklich ist, was uns begegnet. Lasst euch trösten durch die Wahrheit Gottes.

Was für eine Ansprache zu einem Geburtstag! Das ist mal was ganz anderes als die leicht verdaulichen Glückwünsche, die es sonst zu hören gibt. Sie zeigen ganz ungeschminkt die Spannung im Leben, die uns nicht loslässt; es macht die Pole deutlich, zwischen denen sich unser Leben abspielt: Zwischen Freud und Leid, Erbaulichem und Niederschmetterndem, Gewinn und Verlust, Leben und Tod. Und doch: Es ist gut.

In der Welt habt ihr Angst, sagt Jesus an anderer Stelle bei Johannes, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden. Lebt euer Leben mit aller Lebendigkeit, lasst euch inspirieren, herausfordern, spart nichts auf, sondern kostet das Leben auch mit seinen Widrigkeiten, Umwegen und seid getrost, wenn man es euch verleiden will:

Der Geist Gottes, das Geburtstagsgeschenk an unsere Gemeinschaft, unsere Kirche ist ein Geschenk, das es in sich hat! Es ist Leidenschaft und Harmonie, Mutmacher und große Kraft, stetiger Antrieb und – Gott sei Dank! – manchmal auch heilsame Unruhe, die neue Wege für uns und unsere Kirche weist.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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