Hier stimmt doch was nicht! So erschütternd, ja im Grunde skandalös wie dieses Gleichnis mit Mord und Totschlag, Heulen und Zähneklappern ist, so stellt sich mir die Frage nach den Hintergründen für dieses furchtbare Drama. Was ist das nur für eine merkwürdige Hochzeitsfeier! Das Brautpaar tritt völlig in den Hintergrund, über die Eindrücke und Meinungen von Braut und Bräutigam erfahren wir nichts. Nur der Vater, der König hat das Wort.
Was mag das für ein König sein, wenn seine Einladung so schlecht ankommt? Die Verachtung, die ihm entgegenschlägt, lässt Schwäche vermuten. Dieser König hat offenbar nichts zu melden. Was will der schon! Besonders beliebt scheint der König auch nicht zu sein, sonst könnte man ja trotzdem zu der Hochzeit gehen, einfach so, weil die Feier ja trotz allem ganz nett werden könnte, oder weil es Essen und freie Getränke gibt.
Doch der König scheint für die geladenen Gäste, vermutlich die Mächtigen und Vornehmen seines Volkes, nicht nur ein unbeliebter Niemand zu sein: Der Widerwille, seiner Einladung zu folgen, schlägt bei einigen in Spott, ja sogar in rohe, mörderische Gewalt um: Von den Folgen haben wir gehört.
Das Verhältnis zwischen Volk und König muss wohl zuvor schon ziemlich gestört gewesen sein, und die Geschehnisse rund um die Hochzeitsfeier haben sicher wenig zu einer Verbesserung der Beziehungen beigetragen. Selbst die „zweite Wahl“, die Menschen, die dann von den Dienern auf den Straßen zusammengelesen wurden, dürften sich nicht allzu wohl in ihrer Haut gefühlt haben: Zuwendungen, die im Grunde nur aus Enttäuschung und Verärgerung erfolgen, haben immer einen schlechten Beigeschmack. Wirkliche Freunde hat sich der König auch hier nicht gemacht.
Und eben diesem König soll das Himmelreich gleichen – so sagt es Jesus seinen Jüngern zu Beginn des Gleichnisses. Es ist das dritte Gleichnis in Folge, das schildert, wie einer etablierten Gruppe die Gunst entzogen und einer anderen, bisher nicht beachteten Gruppe gegeben wird – erst bei den ungleichen Söhnen, dann bei den Weingärtnern und nun bei den Hochzeitsgästen:
Statt der halbwegs Frommen mit trägen Herzen kommen eher Huren und Zöllner ins Himmelreich. Statt der selbstsüchtigen Weingärtner werden neue Pächter eingesetzt, die auch Früchte bringen. Statt der Vornehmen und Mächtigen werden blindlings Leute von der Straße zur Hochzeit geladen. Was mag das für ein König sein, wenn die Beziehungen zu seinem eigentlichen Volk so gestört sind, wenn er so radikale Umstellungen vornimmt? Und was mag das nun heißen in Hinblick auf das Himmelreich, worauf sich ja nicht zuletzt unsere Hoffnung als gläubige Christen richtet?
Ist Gott in unseren Augen auch so nichtssagend wie der unterschätzte König im Gleichnis? Fürchten wir ihn so wenig, glauben wir so wie die Vornehmen und Mächtigen im Gleichnis alles mit ihm machen zu können, ihn verachten zu können ohne Gefahr für unser Leben? Sind uns seine Feiern, ist der Umgang mit ihm so lästig, verbinden wir so wenig Freude und Erwartungen damit, dass manchmal regelrechter Widerwille oder gar Ärger in uns hochkocht?
Die einseitige Rede vom „lieben Gott“ hat leider manchmal diese Wirkung: Seid nett zueinander und nett zu Gott, das ist das verkürzte Evangelium, wie es gern gehört wird. Es ist so leicht verdaulich, frei von Ballaststoffen, stellt kaum Ansprüche an uns und macht keine Unruhe. Doch so wie bei Eltern, die ihren Kindern alles durchgehen lassen, oder wie bei Vorgesetzten, die ihren Mitarbeitern keine Struktur vorgeben, so sind auch hier Unzufriedenheit und Konflikte vorprogrammiert. Das kann man in der Tat „vergessen“.
Brauchen wir also wieder die „gute alte“ Predigt vom zürnenden Gott und drohenden Strafgericht? Wäre es besser, uns Gläubigen zur Abschreckung endlich einmal wieder mit kräftigen Farben die Hölle auszumalen, schon allein aus pädagogischen Gründen? „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“ – müssen wir da im Wochenspruch etwa einen drohenden Unterton hören: „Aber wehe, ihr kommt nicht – dann könnt ihr was erleben“? Bei so einer Einladung, da kann doch was nicht stimmen.
„Furcht ist nicht in der Liebe“, so lasen wir letzten Sonntag bei Johannes. Angst und Schrecken sind schlechte Ratgeber und unerträgliche Begleiter für unser Leben. Leider lassen wir uns aber gerade von ihnen nur allzu oft bestimmen.
Drohgebärden, Schuldzuweisungen und Strafen kennen wir nur zu gut aus unserem Alltag. Spott und kalte Verachtung sind uns ebenso vertraut wie Heulen und Zähneklappern. Enttäuschung, Zorn und Gewalt des Königs erscheinen uns nicht fremd. Wir leben mit alledem, es prägt unsere Einstellung gegenüber Gott und der Welt. Im Angst haben wie im Angst machen, darin haben wir Menschen wahrhaftig großes Talent.
„Ubi caritas et amor, ibi Deus est“ – wo Güte und Liebe ist, da ist Gott. Nicht einfach nur der liebe Gott, sondern der allmächtige, in seiner Allmacht liebende Gott, der uns zu sich ruft und der – gottseidank – anders ist: Denn natürlich erwidert Gott unsere Vergehen nicht so erbarmungslos wie der König im Gleichnis. Natürlich hat seine Einladung keinen solch bedrohlichen Unterton, wie ihn hartleibige Fundamentalisten gerne hineininterpretieren. Solche Botschaften tragen immer eine sehr menschliche, und leider oft auch glaubensfeindliche Handschrift.
Was erwarten wir von Gott? Wenn es nur der harmlose „liebe Gott“ ist, erwarten wir sicher zu wenig. Gott führt uns auch an Abgründe, er stellt uns manchmal vor Herausforderungen, die uns an seiner Liebe zweifeln, gar verzweifeln lassen. Beim Verlust eines nahestehenden Menschen, beim Scheitern großer Pläne, angesichts schreiendem Unrecht in der Welt und unserer eigenen Endlichkeit – da sind Gottes Absichten dunkel und verborgen, da ist unser Glaube gefordert. Was erwarten Sie von Gott?
Was erwarten Sie von einem Menschen, mit dem Sie Unstimmigkeiten hatten? Über den Sie sich hinweggesetzt haben? Den Sie vielleicht sogar bewusst verletzt haben? Bei einer Versöhnung ist es der erste, größte und schwerste Schritt, dem anderen mehr zuzutrauen als sich selbst: An seiner Stelle würde ich mich rächen, den Spieß einmal umdrehen, ihn im Regen stehen und meine Überlegenheit spüren lassen.
Erkennen Sie den König aus dem Gleichnis wieder? „Die Gäste sind’s nicht wert“, so seine bittere Erkenntnis. Diese Erkenntnis des Königs ist für Gott jedoch nichts Neues. Wir selbst bekennen es in der Beichte vor ihm und vor unseren Nächsten. Im Glauben ist es der erste, größte und schwerste Schritt, Gott mehr zuzutrauen als sich selbst. An seiner Stelle würden wir wohl so manches Mal dreinschlagen, Menschen von uns stoßen oder in Strafgerichten erbarmungslos verurteilen. „Wir sind’s nicht wert“ – was also dürfen wir erwarten?
Wir dürfen Gerechtigkeit von Gott erwarten, die über unsere Maßstäbe weit hinausreicht. Wir dürfen Gottes Barmherzigkeit vertrauen, die an unseren harten Herzen nicht versagt. Und wir dürfen glauben, dass Gottes Wille und Wort anders als beim König im Gleichnis ein gutes Ende verspricht.
Was müssen wir tun? Obwohl wir’s nicht wert sind – wir dürfen, nein wir müssen aufblicken, weg von uns selbst zu dem hin, der für uns alle Schuld auf sich geladen, Versöhnung geschenkt und den Himmel wieder für uns aufgetan hat. Dazu sind wir berufen, dazu sind wir auserwählt – und darum gilt uns allen die Einladung Gottes.
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.