10 + 10

Gestern bin ich mit meiner Frau aus dem Urlaub zurückgekommen. Wir waren eine gute Woche in Tirol, und trotz mäßigen Wetters hat uns die Landschaft dort tief beeindruckt: Majestätische Berge, tosende Wasserfälle, Aussichten zum Niederknien schön!

So einige Male sind wir beim Wandern einfach stehen geblieben und haben die Wunder der Schöpfung auf uns wirken lassen, haben die Weite geatmet und gespürt. Wie schnell erscheint da alles andere klein und harmlos, wie demütig und bescheiden wird man selbst vor so einem überwältigenden Panorama!

Bei aller Wertschätzung der Theologie muss ich gestehen: Manchmal ist die Natur einfach der bessere Prediger! Da machen wir viele Worte, wo doch die eine Wahrheit so klar und unzweifelhaft vor einem steht. Schauen, hören, spüren – und stille werden vor Gott: Gerade Letzteres, so scheint mir, haben wir „nüchternen“ Protestanten ein wenig verlernt.

In die Schule gegangen sind die Reformatoren ja bekanntlich bei Paulus, der auch Verfasser unseres heutigen Predigttextes u. um viele Worte nie verlegen ist. Manche Formulierungen in seinen Briefen sind so verschlungen, dass sie einen beim Lesen leicht ins Stolpern bringen! Hilft das zum Glauben, stärkt das unsere Hoffnung – oder wäre es nicht auch hier besser, die frohe Botschaft, das Evangelium unkommentiert stehen zu lassen, einfach und unmittelbar auf uns wirken zu lassen?

In unserem Wanderurlaub in Tirol musste ich auch manchmal den Kopf schütteln: Da ragt wieder so ein gewaltiges Massiv vor einem auf, und gleich daneben steht am Weg ein Schild, nein, stehen viele Schilder: Achtung, freilaufende Rinder! Vorsicht, Gefälle! Gastronomie am Montag geschlossen!

Für mich macht das den Zauber des Anblicks, den schönen Eindruck gleich wieder ein Stück weit kaputt, dieses belehrende Regelwerk: Muss das sein? Die Rindviecher erkenne ich doch von weitem, den Abhang werde ich schon nicht runterkullern, und verhungern bis zum Abendbrot ganz sicher auch nicht.

Die Briefe des Paulus richten sich an noch junge christliche Gemeinden. Einige von ihnen hatte er auf seinen Missionsreisen selbst gegründet, viele Brüdern und Schwestern dort kannte er persönlich. Er wusste von ihren Leidenschaften wie auch ihren Schwierigkeiten bei Aufbau und Stabilisierung der christlichen Gemeinschaft.

Einige Punkte spricht er darum in seinen Briefen ganz konkret an, wenn es etwa um die Feier des Abendmahls geht, um Fragen zu Tod und Auferstehung, um das angemessene Verhalten in der Gemeinde. Er spricht dabei aber immer wieder auch von dem großen Band, dass alle Gläubigen verbindet: Gottes Liebe in Jesus Christus, unserem Bruder und Herrn.

Mit all seinen vielen Worten bezieht sich Paulus jedes Mal auf dieses gleichsam „große Ganze“, auf diese so besondere und besonders wichtige Botschaft. Sie allein verleiht seinen Worten, seiner Mission, seiner Predigt und unserem Glauben überhaupt erst tieferen Sinn.

Nun kann Paulus nicht immer überall sein, nicht auf alles und jeden im Detail eingehen. Also stellt er neben das Evangelium und konkrete Empfehlungen auch eher allgemeingültige Lehrtexte: Manche wunderbar poetisch wie das „Hohelied der Liebe“ (Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte der Liebe nicht…), andere tröstend oder mahnend – und einige, ja, die klingen dagegen eher trocken und spröde, wie eine Art „Gebrauchsanweisung für den christlichen Glauben“.

Ich weiß nicht, wie sie es halten – ich persönlich lese Gebrauchsanweisungen immer erst dann, wenn es beim ersten intuitiven Versuch nicht geklappt hat! Vielleicht hielt man es im damaligen Gemeindeleben ja ähnlich, kleine Handreichungen können also nicht schaden. Aber müssen es tatsächlich wie hier nochmal 10 Gebote sein? Ich habe nachgezählt, gehen wir sie ruhig mal durch und schauen wir, ob sie für uns heute hier in Theuma die gleiche Relevanz haben wie vor fast 2000 Jahren in Thessaloniki:

1. Weist die Nachlässigen zurecht – oh ja, damit haben wir kein Problem! Von der Mülltrennung bis zur Straßenverkehrsordnung sind wir Deutschen Spitze darin, Disziplin und Ordnung einzufordern.

2. Tröstet die Kleinmütigen – da wird es schon schwieriger: Zweifelnde und ängstliche Menschen sind eine unangenehme Begleitung, denn sie wecken ihrerseits Zweifel und Ängste in uns. Haben wir immer den Nerv und die Gewissheit, solche Unsicherheiten auszuhalten, oder die feste Unerschütterlichkeit, anderen ein Fels in der Brandung zu sein?

3. Tragt die Schwachen – auch wenn die Unkenrufe an den Stammtischen wieder lauter werden: Niemand hinterfragt ernsthaft mehr Sozialleistungen (hoffe ich jedenfalls) und ja, unsere Gesellschaft ist in großen Teilen solidarisch. Ob diese Solidarität, dieses große Herz genauso selbstverständlich ist in Fragen des Glaubenslebens oder der Gemeindegestaltung – das verdient vielleicht nochmal nähere Betrachtung.

4. Seht zu, dass keiner Böses mit Bösem vergelte, und jagt allezeit dem Guten nach – der Satz freilich klingt so schön wie er zugleich schwierig umzusetzen ist! Welcher Zweck heiligt die Mittel? Ist gut gemeint immer gut gemacht? Wo verlaufen die ethischen Grenzlinien, und wer legt diese fest?

5. Seid allezeit fröhlich – für rheinische Jecken vielleicht kein Problem, für mich leider schon: Mir ist nicht immer zum Lachen zumute. Ich kann nicht achselzuckend weitergehen, wenn ich sehe, wie es in der Welt zugeht!

6. Betet ohne Unterlass – wenn wie Luther sagt das Nachkommen der täglichen Pflichten auf Arbeit, in Familie und Gemeinschaft auch als eine Form des Gebets gilt, kann ich das absolut unterschreiben.

7. Seid dankbar in allen Dingen – das verstehe ich als eine Folge davon, ohne Unterlass zu beten bzw. meinen Alltag als Dienst an Gott und meinem Nächsten zu verstehen: Beides dient der Orientierung, wenn ich mich begreife als unverdient Beschenkter und dabei noch die Gnade empfinde, bei allen Höhen und Tiefen meines Lebens vor vielem bewahrt oder gar überreich begütert zu sein. Es ist eine große Tragik, wo Menschen dies nicht sehen, so eine Dankbarkeit nicht entwickeln und nicht umsetzen können in ihrem Leben!

8. Den Geist löscht nicht aus – ich mag jene zärtliche Vorsicht, mit der Menschen in der Adventszeit das Licht von Bethlehem teilen oder wenn das Licht der Osterkerze vom einen zum anderen wandert: Von Händen beschirmt, mit sanften, umsichtigen Schritten getragen, dass es ja nicht verlischt auf dem Weg nach Hause. Ich mag es, wenn Menschen auch im Alltag diese Kunst beherrschen – sich von der Rücksicht leiten lassen, Kostbares schützen und weitergeben, was sie empfangen haben.

9. Prophetische Rede verachtet nicht, prüft aber alles und behaltet das Gute – sich Unerhörtes sagen zu lassen, ist nicht unbedingt angenehm. Konfrontiert zu werden mit bislang Undenkbarem, das regt erstmal zum Widerstand. Aber bitte: Einmal tief ein- und ausatmen, und dann nochmal – und schon können wir uns vielleicht anfreunden mit den neuen Tönen, oder verstehen besser, warum sie so falsch in unseren Ohren klingen.

Und schließlich 10. Meidet das Böse in jeder Gestalt – da denke ich dann wieder an unseren Urlaub in Tirol, an Warnschilder, die Rindviecher, die steilen Schluchten, das lose Geröll am Hang. Ach, wenn ich immer gut aufpasse, passiert schon nichts – berühmte „letzte Worte“ von Menschen, die sich selbst überschätzten: Ja, ganz ohne „Leitplanken“, so ganz ohne Verhaltensregeln und Vorsichtsmaßnahmen geht es wohl nicht!

Und darum gibt es wohl auch immer die einen, die peinlichst genau auf deren Einhaltung achten: Verachten wir sie nicht, die Peniblen und strengen Mahner, die es bekanntlich auch in der Kirche gibt – sie bewahren uns womöglich vor manch ungesehenen Gefahren!

Doch hoffentlich übersehen sie, übersehen wir bei aller Gewissenhaftigkeit nicht, worum es im Grunde dabei eigentlich geht: Gottes Liebe, die wir nicht verdunkeln dürfen. Gottes Majestät, die nicht im Kleingeistigen verzwergen soll. Gottes Gnade, die über unserem Reden und Richten zu stehen hat. Nur in Gott haben all die Gebote und Gesetze ihren Sinn, nur in dem, „was Christum treibet“, wie Luther sagt.

Und darum gibt es wohl auch immer die anderen, die umgekehrt den Ruf der Freiheit laut werden lassen: Die den Blick weg von den Warnschildern lenken hin zu dem Staunenswerten, vor denen wir stehen, hin zum Wesentlichen, das über allem steht. Verachten wir auch sie nicht, die Kritiker und Provokateure, auch nicht in der Kirche – sie bewahren uns nämlich davor, den Blick auf Gott allzu eng werden zu lassen und dabei die Leichtigkeit, die Freude und den Geschmack am Glauben schal werden zu lassen.

Die 10 Gebote, oder besser: Leitsätze des Paulus – ihm waren sie sehr wichtig, wenn er wenig später schreibt: „Ich beschwöre euch, diesen Brief in den Gemeinden zu verlesen“. Offenbar handelt es sich hier um die Quintessenz dessen, was für ihn maßgeblich ist, damit Glauben in der Gemeinschaft funktioniert.

10 Leitsätze, das mag uns heute viel erscheinen: Aber Paulus war bekanntlich ein ehm. Pharisäer, und die kannten sage und schreibe 613 Gebote – er hat sich hier also für seine Verhältnisse noch zurückgehalten, sich beherrscht – und darum sollten wir seine Zeilen umso mehr beherzigen!

Wer sich davon leiten lässt, so auf sicherem Weg bleibt und Gefahren umgeht – der darf dann auch ruhig mal stehen bleiben, schweigend genießen und sich berühren lassen. Der bekommt so den Kopf frei, kann sich tragen lassen vom Wunder des Glaubens. Wie schnell erscheint da manches andere klein und harmlos, wie demütig und bescheiden wird man selbst vor dieser unermesslichen Größe und Weite.

Wir, gerade wir nüchternen Protestanten, dürfen, nein, sollten uns davon anrühren lassen: Es ist Gottes Geschenk an uns, dass wir dankbar und frei annehmen dürfen, damit es unser Leben mit seiner Herrlichkeit erfüllt.  

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft 
bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.